staunen, nicht ärgern

Sprachkritik in Goethes Faust

 

Sprache lässt sich im Hinblick auf unterschiedliche Dimensionen betrachten. Besonders beliebt ist Sprache und Denken. Dazu gibt es dann so gefühlte 1 Million Abhandlungen im Internet, einfach zu finden über google. Der Tenor ist meistens, dass Sprache das Denken prägt, was natürlich kompletter Blödsinn ist. Richtig dürfte sein, dass Sprache einen Zugriff auf eine Assoziationswolke herstellt, siehe https://theatrum-mundi.de/sprache-und-denken/ und man schlecht denken kann, wenn auf die Assoziationswolke nicht zugegriffen werden kann. Man kann z.B. schlecht die Marktwirtschaft mit einer Planwirtschaft vergleichen, wenn auf diese beiden Assoziationswolken nicht zugegriffen werden kann. Theoretisch möglich wäre, dass man sich die jeweiligen Konzepte als Bild vorstellt und diese Bilder dann wieder mit anderen Bildern verknüpft sind, also z.B. bei Marktwirschaft einen Bazar und bei Planwirtschaft eine Kommission aus blassgrauen Männchen à la Honecker, aber so funktioniert das menschliche Gehirn nun mal nicht. Allerdings schießt Wittgenstein da etwas über das Ziel hinaus. Nicht die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, sondern die Grenzen meiner Welt sind die Grenzen meiner Sprache, siehe https://theatrum-mundi.de/bedeuten-die-grenzen-meiner-welt-die-grenzen-meiner-sprache-oder-bedeuten-die-grenzen-meiner-sprache-die-grenzen-meiner-welt/. Das kann rein sachlogisch nicht anders sein. Sprache ist schon da, bevor wir die Welt betreten und sie wird noch da sein, wenn wir uns von selbiger verabschieden. Ob wir die Sprache mit Sinn füllen können, bzw. mit was wir sie füllen, hängt von der Erfahrung mit der Welt ab. Wenn wir die Welt betreten, ist die Sprache erstmal vollkommen sinnfrei. Es ist die Erfahrung mit der Welt, die die Grenzen der Sprache verschiebt bzw. den Wörtern eine Bedeutung zuordnet und nicht umgekehrt. So weit so trivial, wenn wir mal die Frage, wie der Denkapparat an und für sich funktioniert außer acht lassen.

Diskutieren könnte man dann noch, inwiefern Sprache Authentizität verbürgt. Dafür müsste man aber erstmal wissen, was Authentizität ist. Bei der Rezeption von Sprachkunstwerken könnte man der Meinung sein, dass das unmittelbare Verstehen für Authentizität bürgt, was wiederum dann gegeben ist, wenn die Spannung zwischen Subjekt und Objekt beim Sender, also beim Dichter, dieselbe ist, wie beim Empfänger, also dem Leser des Gedichtes. So was wie den Winterblues kennen wir ja alle, Subjekt und Objekt liegen z.B. bei diesem Gedicht auf derselben Wellenlänge.

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
ich nahm es so im Wandern mit,
auf daß es einst mir möge sagen,
wie laut die Nachtigall geschlagen,
wie grün der Wald, den ich durchschritt.

Das Problem hier ist, dass Authentizität, also das unmittelbare „intuitive“ Erfassen gar nicht so unmittelbar ist, sondern durch und durch vermittelt. (Behauptet zumindest Adorno in seiner Ästhethischen Theorie.) Damit Authentizität garantiert ist, muss man also noch tiefer in die Trickkiste greifen, das macht Marcel Proust in A la Recherche du temps perdu. Das „vrai moi“, das wahre ich, offenbart sich nicht durch gedankliche Rekonstruktion, sondern durch Sinneseindrücke, die mit Erlebnissen verknüpft sind. (Und, incrredibile dictu, auch zum Thema Sprache und Authentizität spuckt google so gefühlte 1 Million Beiträge aus.)

Diskutieren kann man auch über Sprache und Bewußtsein, auch zu diesem Thema gibt es dann wieder so gefühlte 1 Million Beiträge, die man über google leicht findet. In diesem Zusammenhang macht sogar der ansonsten ziemlich dubiose Begriff Narrativ einen Sinn. (Dubios, weil mit dem Begriff ein unendliche Relativierung einhergeht. Der Antisemitismus mit seinem ganzen Hokuspokus an Aussagen über Menschen mit jüdischem Hintergrund ist z.B. kein Narrativ, sondern ganz objektiv Schwachsinn. Werden 6 Millionen Menschen umgebracht, dann ist der Antisemitismus keine „Erzählung“ mehr, die neben anderen Erzählungen gleichberechtigt koexistiert, sondern ein Verbrechen bzw. ein Zivilisationsbruch. Es gibt keine Narrative. Es gibt nur wahr oder falsch.) Das Narrativ behauptet, in dieselbe Richtung geht der Begriff Framing, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt und jeder sich zusammenbastelt, was ihm frommt und nutzt. Das mag sogar oft stimmen, beantwortet aber die eigentlich spannende Frage nicht. Warum nutzt und frommt dem einen dies und dem anderen jenes. Das dies und das jenes ist dann kein Sprachproblem mehr. Die Sprache ist da nur das Kräuseln an der Oberfläche. Spannender wäre es zu wissen, was die Oberfläche zum kräuseln bringt. Das linguistische Problem ist ziemlich belanglos, das ist eher ein Thema für Psychologen oder wenn es dick kommt, für Psychiater. Höcke erzählt kein Narrativ, der Mann muss zum Psychiater. Es muss irgendwas geben, was ihn von der tausendjährigen Vergangenheit des Reiches der Teutonen schwärmen lässt. Herauszufinden was das ist, wäre aber ein Aufgabe für Psychiater. Die sprachlichen Entgleisungen sind lediglich Ausdruck von irgendwas. Ein Psychiater kann aufgrund sprachlicher Äußerungen eine Krankheit, etwa ein Psychose, konstatieren, aber die sprachliche Äußerung ist nur Ausdruck des Problems, nicht aber die Ursache. Geisteswissenschaften leiden allgemein an der Tatsache, dass sie an der Sprache kleben bleiben. Eine Analyse von Figuren wie Björn Höcke anhand sprachlicher Äußerungen ist ähnlich sinnvoll, wie eine Analyse von chatGPT anhand sprachlicher Äußerungen, siehe https://theatrum-mundi.de/kuenstliche-intelligenz-ist-immerhin-ehrlich/. Wieso die sprachlichen Äußerungen für den Sprecher bedeutsam sind, erfahren wir in beiden Fällen nicht. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass wir bei chatGPT von vorneherein wissen, dass alle Äußerungen zwar etwas bedeuten, aber nicht bedeutsam sind. Dem Teil ist nämlich schlicht alles egal.

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