staunen, nicht ärgern

Sprache und Denken

Der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken kann man sich durch Introspektion einigermaßen klar machen, denn wenn Denken sich sprachlich objektiviert, wird es bewusst. Was man sich nicht durch Introspektion klar machen kann, ist denken. Denken ist ein ziemlich unbewusster Vorgang. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass Sprache das Denken lediglich objektiviert.

Aber mal von vorne. Denken ist ganz ohne Sprache möglich. Selbst die Zubereitung einer einfachen Mahlzeit, z.B. Spaghetti Bolognese, erfordert einiges an planerischer Vorausschau. Das geht aber völlig unsprachlich. Wasser aufsetzen, kochen lassen, Salz dazu, Spaghette rein, Hackfleisch in die Pfanne, Tomaten schnippeln, Tomatenmark Dose öffnen, etc. etc. läuft bei allen Leuten unsprachlich. Vermutlich kocht ein professioneller Koch mehrere Gerichte gleichzeitig, ohne dass sich die Planung hier irgendwann sprachlich objektiviert. Auch um das Kugellager eines Tretlagers des Fahrrads auszutauschen braucht man keine Sprache und wie rum das Kugellager in die Schale eingebaut wird, erschließt sich nicht durch Verbalisierung des Problems. (Baut man es falsch rum ein, wird der Ring plattgedrückt, die Kugeln fallen raus und das ganze Dinge wird zermalmt.) Das Argument, dass das nur bei routinemäßig ausgeführten Handlungen so läuft, sticht nicht, denn auch neue Situationen, z.B. der Aus- und Einbau des Vorderachse des Fahhrads, passiert „sprachlos“. „Sprachlos“ macht man sich klar, wie das Ding da eingebaut ist. Bei älteren Fahrrädern ist es ein Bolzen, der über eine Schraube im Lenkerkreuz hochgezogen wird und damit das Lenkerkreuz in der Gabel fixiert. Bei neueren, amerikanischen Fahrrädern, ist das Lenkerkreuz direkt mit der Gabel verschraubt. Das versteht man „unsprachlich“ und das ist sprachlich auch schwer darstellbar.

In diesem Satz allerdings wird Denken objektiviert: In einer freien Marktwirtschaft bedarf es keiner Kontrolle durch Dritte, weil der Wettbewerb automatisch die optimale Allokation der Ressourcen erzwingt.

Auf diesen Satz kann der Leser nun auf vier unterschiedliche Möglichkeiten reagieren.

1) Er hat noch nie über Wirtschaft nachgedacht, hat keinerlei Vorefahrung. In diesem Fall kann kein Denken einsetzen. Der Satz ist dann schlicht sinnlos.

2) Der Leser hat eine Vorefahrung und es fällt ihm irgendwas ein, unsprachlich, was es ihm erlaubt, den Satz zu deuten. Z.B. kann er sich ein Unternehmen denken, bei dem der Einkauf geschmiert wird und der Vorprodukte deshalb zu überhöhten Preisen einkauft. Er kann sich dann überlegen, wie das weitergeht. Der Impuls, der dem Satz dann einen Sinn verleiht, ist aber unsprachlich.

3) Der Leser hat sich mit Wirtschaft beschäftigt, lehnt den Satz aber ab. Das geschieht dann prompt und unsprachlich. Die Argumentationsketten, die zur Ablehnung der Aussage führen, liegen erst mal unsprachlich vor und erst, wenn er gefragt wird, warum er den Satz ablehnt, werden sich die Gedankenketten, die zur Ablehung führen, in Sprache objektivieren, das heißt für Aussenstehende wahrnehmbar sein. Er wird dann argumentieren, dass Wettbwerb lediglich bellum omnium contra omnes ist und keine gesamtwirschaftlich sinnvolle Funktion hat.

4) Er wird der Aussage des Satzes zustimmen, aber das Schema ist das gleiche, wie bei drei. Die Argumentationsketten, die zur Zustimmung führen, liegen erstmal sprachlos vor und erst wenn diese Argumentationsketten eine sprachliche Form erhalten, liegen sie objektiv, das heißt als Objekt für andere, vor. Er wird dann argumentieren, dass der Wettbewerb Macht bricht, da niemand mehr von anderen abhängig ist, bzw. es immer Alternativen gibt, was den Machtmissbrauch unmöglich macht.

[Wirtschaft ist aber im Moment nicht unser Thema: Wer sich dafür interessiert: www.economics-reloaded.de.]

Der Begriff Marktwirtschaft ist also eine Assoziationswolke, über den das Gehirn verschiedene Vorstellungen miteinander „verdrahtet“ und über den verschiedene Zusammenhänge miteinander verbunden werden. Wenn wir den Begriff aber hören oder lesen, nehmen wir dazu nicht sprachlich Stellung. Wir haben schon vorher, also bei 3) und 4) eine Meinung dazu, weil die ganze Assoziationswolke umittelbar und sofort präsent ist. Die Fans von Hayek und Friedman bekommen bei dem Begriff sofort rote Wangen, weil Marktwirtschaft ja Freiheit bedeuten. Die Anhänger Keynes werden der Grundaussage zwar zustimmen, Marktwirschaft garantiert über den Wettbewerb eine objektive Kontrolle, bleiben aber insgesamt gelassener, weil sich die Marktwirtschaft in eine Sackgasse hinein manövrieren kann, aus der sie ohne staatliche Intervention nicht heraus kommt.

Insofern brauchen wir die Sprache, weil sie den Zugriff auf Assoziationswolken erlaubt. Ohne den Begriff Marktwirtschaft, könnten wir das Konzept nicht denken, bzw. ohne irgendwas, was auf die Assoziationswolke zielt, können wir auf die Assoziationswolke nicht zugreifen. Begriffe objektivieren also den Stand eines Bewußtseins, was aber nicht heißt, dass sie statisch sind. Auch einem Hayek Anhänger könnte man erklären, dass in einer Marktwirtschaft Ressourcen fehlalloziiert werden können, etwa durch die marktwirtschaftlich sinnfreie Spekulation. Nicht besonders wahrscheinlich, aber möglich ist, dass er dann eine differenziertere Meinung zu der Thematik entwickelt.

Anderes, einfacheres Beispiel.

Auch der Begriff Freiheit zielt auf eine Assoziationswolke. Und auch hier gibt es wieder die oben bereits beschriebenen Möglichkeiten.

1) Ein wohl behütetes Kind hat über den Begriff noch nie nachgedacht, weil es keine Veranlassung gab, darüber nachzudenken. In diesem Fall kann kein Denken einsetzen. Der Begriff ist schlicht sinnlos.

2) Es liegt eine Erfahrung, etwas die Erfahrung mit dem Wehrdienst bzw. einem Wehrersatzdienst. Dann herrscht eine Vorstellung darüber, was Freiheit nicht ist.

3) Man hat über den Begriff der Freiheit schon nachgedacht, etwa bei der Lektüre von Hayek, dann ist Freiheit allgemein die Abwesenheit von Zwang.

4) Man hat John Stuart Mill gelesen. Dann ist Freiheit nicht nur die Abwesenheit von Zwang, sondern auch die Fähigkeit, aus mehreren Handlungsoptionen zu wählen, wobei die Fähigkeit dies zu tun, wiederum vom Horizont abhängt und die Erweiterung desselben eine staatliche Aufgabe sein kann.

Auch der Begriff Freiheit zielt also auf eine Assoziationswolke. Wir reagieren auf diesen Begriff, bzw. haben eine Meinung dazu, bevor wir das, was der Begriff bedeutet, sprachlich objektivieren, also für Außenstehenden wahrnehmbar machen.

Der Zeiger auf die Assoziationswolke muss aber nicht notwendigerweise ein sprachliches Zeichen sein. In der Taubstummensprache z.B. sieht Freiheit so aus#

https://signdict.org/entry/242-freiheit/video/1878

Kaum anzunehmen, dass bei Taubstummen die Prozesse grundsätzlich anders laufen, als bei den Leuten, die Schallwellen erzeugen und wahrnehmen können. Interessant wäre lediglich zu wissen, ob Taubstummen eher mit dem geschrieben Wort Freiheit auf die Assozionswolke zielen oder mit einer Gebärde.

Allgemein: Sprache erlaubt es uns, Bewußtseininhalte zu fixieren, wobei es ein komplexer Misch ist. Oft differenziert die Sprache aufgrund des Kontextes, manchmal aufgrund der Intensität.

Die Wörter sich ängstigen, sich sorgen, sich fürchten treffen z.B. keine Unterscheidung bzgl. der Intensität der Emotion. Die hormonellen Wirkungen auf den Körper dürften bei allen drei Bewußtseinszuständen die gleichen sein, aber der Kontext ist ein anderer. Wer sich sorgt, der hat eine konkrete Gefahr im Blick, was bei ängstigen nicht der Fall ist. Wer nachts durch den Wald läuft und ein Geräusch im Busch hört, der sorgt sich nicht, der ängstigt sich. Wer allerdings merkt, dass sein Arbeitgeber bald Pleite macht, der macht sich sorgen, ängstigt sich aber nicht. Der Unterschied zwischen ängstigen und fürchten wiederum ist rein grammatikalischer Natur. Ängstigen braucht kein Objekt, fürchten schon: Sie fürchtet sich vor der Einsamkeit. <=> ~ Sie ängstigt sich, vor der Einsamkeit.

In bestimmten Kontexten drückt herrlich eine größere Intensität aus als schön: Ein schönes Wetter. <=> Ein herrliches Wetter.

Bewußtseinsinhalte können aber auch stumm bleiben, wenn es keine Wörter dafür gibt. Zwischen einer Furcht vor dem Eintritt eines unangenehmen Ereignisses und dem Horror, wenn die ganze Welt ganz prinzipiell unbeherrschbar erscheint, besteht eine gewaltiger Unterschied. Deshalb heißen die die entsprechenden Filme ja auch Horrorfilme. Horrorfilme zeigen eine Welt, die fundamental nicht mehr beherrschbar ist, die Subjekte Kräften ausgesetzt sind, gegen die kein Gegensteuern mehr möglich ist. Trotzdem fehlen die entsprechenden Adjektive. Die Menschen, die im Nationalsozialismus in Konzentrationslager geschickt wurden, waren nicht ängstlich oder besorgt. Das war der Horror. Das war eine ganz andere Liga. Normalerweise schafft die Sprache für neue Bewußtseinsinhalte auch neue Wörter. Ständig und am laufenden Meter. Sprachlos scheint die Sprache offensichtlich erst dann zu werden, wenn etwas auch unvorstellbar ist. Sprachlos ist also kein Problem der Sprache. Die Sprache ist da recht flink. Kommt etwas neues in die Welt, dann dauert es in der Regel nicht lange, bis es auch ein Wort gibt dazu. Übersteigt der Bewußtseininhalt allerdings das Fassungsvermögen, dann entstehen auch die entsprechenden Wörter nicht. Auf diese Bewußtseinsinhalte ist dann, zumindest mit einzelnen Wörtern,  kein Zugriff mehr möglich.

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