staunen, nicht ärgern

Goethe und youtube

Videos sind die beliebtesten digitalen Lernmedien. Das geht von super genial wie das

 

also lustig, klar, präzise erklärt, bis zu naja

Aber warum sind Videos so beliebt? Teilweise ist das nachvollziehbar. Beim Fremdsprachenerwerb sind sie unstrittig praktisch, man sieht etwas und kann sich dann, mehr oder weniger, denken was gesagt wird. Das fördert das Hörverständnis. Ob das video immer das optimale Lernmedium ist, ist damit aber noch nicht geklärt. Erst mal ähnelt ein video der normalen Kommunikation, einer Vorlesung oder eben allgemein, wenn irgendjemand sich länger zu einem Thema äußert. Hält man es also nicht an, dann kann das Informationgefälle nicht allzu hoch sein. Ist dies nämlich der Fall, kommt der Hörer nicht mehr mit. (Weshalb Vorlesungen an Universitäten ja auch weitgehend sinnfrei sind.) Die Zubereitung eines Pfannkuchens schwäbischer Art, also ein paar Eier, Mehl, Milch in eine Schüssel (die Mengen sind weitgehend egal, irgendwas kommt immer raus) geben, verühren und ab in die Pfanne, lässt sich gut mündlich kommunizieren. Weniger gut lässt sich mündlich erklären, warum die Aktivierung von selbsterstellen Anlagen den Gewinn erhöht. Hier muss man ein Vorwissen über das System der Doppik mitbringen. Sowas lässt sich dann besser in Textform darstellen, dann hat man alle Zeit der Welt, darüber nachzudenken. Wir können also davon ausgehen, dass Videos als Lernmedium deshalb so beliebt sind, weil die Autoren die Komplexität drastisch reduzieren.

Also nochmal zurück zu Goethes Faust. Noch ein Video.

Das Video läuft in der Reihe „Sommers Weltliteratur to go“, soll also ähnlich lustig sein, wie der Cappuccino to go und fasst das ganze Drama in 9 Minuten zusammen. Es geht natürlich noch kürzer. Frustrierter Gelehrter merkt nach zwanzig Jahren, dass sein Kram niemanden interessiert und seine ganzen Studien im Papierkorb landen. Deshalb will er sich auf seine alten Tage noch ordentlich austoben und macht alle möglichen Partys, die meisten davon bedenklich. Mit ein paar Studis sich einen hinter die Binse kippen geht ja noch, aber die Wallpurgisnacht ist schon fast die Liga Sadomaso Session und eine junge Frau zu schwängern und sich dann vom Acker machen, ist auch nicht die feine Art. Das war dann die Zusammefassung in 20 Sekunden. (Ausführlichere Interpretation unter www.die-geisteswissenschaften.de. Da geht es zwar eher um die immanenten Sprackritik in Goethes Faust, aber der Rest wird auch abgehandelt.)

Das video bringt es dann auf sagenhafte 1,4 Millionen Aufrufe, überwiegend Schüler, die am nächsten Tag eine Prüfung darüber schreiben müssen und das Buch nicht gelesen haben. Das Problem bei solchen Videos ist, dass in der Kurzform sich alles irgenwie ähnelt. Ein Zusammenfassung der Buddenbrocks ginge dann so. Thomas Buddenbrock gibt nach außen zwar den coolen Kaufmann und will was darstellen in seinem heimatlichen Lübeck, heiratet also  standesgemäß und karrierfördernd, aber im Grunde hat er auch Bock auf Party. Dem Sohnemann, also Hanno Buddenbrock, geht der ganze Kaufmannskram, wie schon seinem Onkel, endgültig auf den Geist, so dass dann das ganze Imperium Buddenbrock wackelt und letztlich zusammenbricht, weil an der ganzen bürgerlichen Fassade niemand mehr Spaß hat. Also in diesen Kurzversionen kommt, philosophisch ausgedrückt, nichts Neues mehr in die Welt. Was erzählt wird ist in etwa so interessant wie Nachbars Eskapaden und das Blumenbeet der Nachbarin. Die Verhältnisse sind bekannt, die literarische Schilderung derselben entbehrlich. Zusammengedampft kann man das auch komplett streichen.

Es gibt jetzt viele Gründe, warum man das, also die Beliebtheit der literarischen fünf Minuten Terrine, bedauern kann. Da gibt es seriöse und unseriöse Gründe. Deutschlehrer und sonstige Philologen bedauern das, weil die Videos die Manifestation der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit ihres Tuns illustrieren und hinter der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit lauert halt immer die Gefahr der finanziellen Austrocknung.

Seriöse ist dann schon die Sorge, dass die Abwesenheit von „Geist“, also Werte, Hoffnungen, die komplexere Ziele ins Visier nehmen, komplexe Wahrnehmung der Wirklichkeit, Empathiefähigkeit, Individualisierung etc.., oder was auch immer man unter „Geist“ versteht, verschwindet. Wer der Meinung ist, dass die Probleme der Menschheit weniger ein technisch / ökonomisches Problem sind, als ein „geistiges“, der kann beim Betrachten solcher videos schon irritiert werden. Anders formuliert. Mit hohem technischen know how unsinnige Ziele zu verfolgen, ist ziemlich irrational.

Von der Tonlage her sind diese Videos total cool, aber genau genommen sind sie so spießig wie Kaffee Werbung in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Wenn die Krönung der schönsten Stunde bei der Familienfeier die Krönung von Jakobs ist, dann sollte man vielleicht mal über Goethes Faust nachdenken und ganz grundsätzlich ambitioniertere Ziele ins Visier nehmen. Wie sagte schon Goethe: Dem Tüchtigen, ist diese Welt nicht stumm.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.