staunen, nicht ärgern

Sprache lässt sich beobachten, Denken nicht

Sprache lässt sich beobachten, Denken nicht. Das bringt die Leute dazu zu glauben, dass Sprache die Bedingung ist für Denken, denn wenn sich das Denken objektiviert, wird es Sprache. Wir nehmen Denken nur als Sprache wahr, nur als Sprache wird Denken bewusst. Bevor es nicht Sprache ist, merken wir nichts davon. (Es sei denn wir entnehmen konkreten Handlungen, dass etwas gedacht wurde. Kostet der Einkauf 9,20 Euro und wir legen 10,20 auf den Ladentisch, dann kriegen wir 1 Euro zurück. Dann haben aber weder wir noch der Verkäufer sich sprachlich klar gemacht, dass das so günstiger ist. Der Verkäufer muss nicht 80 Cent zusammensuchen und wir haben nicht soviel Kupfer im Geldbeutel. Hier zeigt sich Denken durch Handlungen.)

Dann gibt es Leute, die behaupten, dass wir in Begriffen denken. Das stimmt auch nicht. Der Begriff fixiert lediglich einen Bewußtseinsstand. Vor dreißig Jahren konnte mit dem Begriff Klimawandel noch kaum jemand etwas anfangen. Inzwischen ist es eine weite Assozitationswolke geworden, die erstmal unsprachlich vorliegt, auf die aber mit dem Begriff Klimawandel zugegriffen werden kann und von da an, gibt es unendlich viele Verweise, auf die wiederum mit Begriffen zugegriffen werden kann: Grönlandeis, CO2, Methan, Treibhausgas, Kohleausstieg, Sonnenenergie, etc. etc.. und diese Assoziationswolke wird jedes Jahr größer, es kommen die Malediven dazu, Umlenkung des Golfsstromes, Kippelemente etc.. (Wobei eben das Problem ist, dass ohne einen Individualisierungsprozess, der den Begriffen eine Bedeutung gibt, der Begriff auch ins Leere zeigen kann.) Super schlaue meinen, Lateinlehrer z.B. vertreten diese Ansicht, dass manche Sprachen besonders logisch sind und logisches Denken fördern. Das ist Blödsinn. Die Sprache kann nicht logischer sein, als das Denken. Wir verstehen ohne weiteres, dass diese Sätze eine unterschiedliche Bedeutung haben.

Sie gingen hin, obwohl er nicht zu Hause war.
Sie gingen hin, da er nicht zu Hause war.
Sie gingen hin, aber er war nicht zu Hause.

Könnte das Denken die Unterschiede nicht erkennen, würde es uns nicht viel nützen, dass Sprache zwischen Konzessivsätzen, Kausalsätzen und Adversativsätzen unterscheiden kann. Das Denken hat sich hier lediglich ein Instrument geschaffen, mit dem es die logischen Beziehungen ausdrücken kann.

Sprache beschreibt die Dinge teilweise sehr exakt, trifft Unterscheidungen, und kreiert dadurch bedingt neue Ausdrücke, die wir eigentlich nur unbewusst gemacht haben können. Der Ausdruck „Das ist ja abgefahren“ benutzen, eher Jugendliche / junge Erwachsene, wenn etwas, im positiven oder negativen Sinn, von der Normalität abweicht. Es werden also zwei Momente vermischt. Zum einen das Moment der Überraschung und zum anderen die positive / negative Bewertung des Sachverhaltes. Das ist nicht das gleiche wie „Das ist ungewöhnlich gut / Das ist ungewöhnlich schlecht“. Bei letzteren fehlt das Moment der Überraschung. Der Bewusstseinszustand schafft sich die Ausdrücke, manchmal auch jenseits aller semantischen und grammatikalischen Plausibilität, die es braucht. (In diesem Fall ist ein Zusammenhang zwischen abfahren und überraschend nicht erkennbar.)

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