staunen, nicht ärgern

Ist Grammatik angeboren? Betrachtungen jenseits von Chomsky

Ein ähnliches Phänomen haben wir bei der metaphorischen Verwendung von Präpositionen, vor allem bei Präpositionen, die räumliche Verhältnisse beschreiben. Die metaphorischen Verwendung von Präpositionen muss man nicht logisch finden. Da es aber in allen Sprachen, auch die, die keine gemeinsame Wurzel haben, gemacht wird, kann man davon ausgehen, dass auch das angeboren ist. Räumliche Verhältnisse werden immer auf hierarchische Beziehungen bzw. seelische Zustände übertragen. Die Untertanen können unter der Herrschaft von irgendjemandem leiden, man kann über den Dingen stehen, was naturlich besser ist, als neben sich zu stehen. (Wobei ein Ausdruck wie „Er steht neben sich“ darauf verweist, dass der mentale Mechanismus heute noch aktiv ist, denn der Ausdruck ist neueren Datums.) Räumliche Beziehungen haben erstmal nichts zu tun mit zeitlichen Beziehungen, auch wenn oft eine Parallelität gesehen wird. Man kann seine Hängematte zwischen zwei Bäumen aufhängen, aber jemand kann auch zwischen 3 und 5 Uhr ankommen. Allerdings funktioniert der Trick nicht immer. Nur weil jemand nach fünf Uhr kommt, heißt das noch lange nicht, dass er dann nach der Tür steht. Er steht dann trotzdem hinter der Tür. Der Zusammenhang ist auch nicht sehr stabil. Quelqu’un peut venir avant six heures, mais quoiqu’il vienne avant six heures, il se trouve devant la porte. Also avant (vor, zeitlich) und devant (vor, räumlich) haben zwar dieselbe Wurzel, sind aber nicht identisch. Im großen und ganzen ist die Übertragung räumlicher Verhältnisse auf zeitliche und metaphorische Verhältnisse angeboren.

(3) Die öffentliche Debatte dreht sich überwiegend um Sprache und Denken, also um die Frage, ob das Denken die Sprache beeinflusst. Hier ist die Situation eigentlich ziemlich klar. Sprache ist ein Pointer, der auf Bewußtseinsinhalte verweist. Jeder kann bei dem Begriff Niedergeschlagenheit seine persönlichen Erfahrungen damit an seinem geistigen Auge vorüber ziehen lassen. Da sich in einem semantischen Feld die Erfahrunge der Menschheit wiederspiegeln, hat man ein breites Spektrum an Wörtern, denen man seine persönlichen Erfahrungen zuordnen kann. Ohne die Begriffe aggressiv und wütend würden diese psychischen Zustände wahrscheinlich gar nicht differenziert wahrgenommen werden. Die wissenschaftliche öffentliche Debatte, bzw. die wissenschaftliche nicht-öffentliche Debatte dreht sich aber um den Begriff Grammatik, wobei bei dem Begriff Grammatik semantisch Relevantes und semantisch nicht Relevantes vermengt werden. Vielleicht sollte man das mal trennen.

Grammatikalisch falsch ohne semantischen Bezug ist dieser Satz.

Heute komme ich später. <=> ~ Heute ich komme später.

Aus irgendwelchen Gründen kommt es im Deutschen zur Subjekt / Verb Inversion wenn der Satz mit einem Adverb anfängt, obwohl der Satz „Heute komme ich später“ genau so verständlich ist wie der Satz „Heute ich komme später“. Der Satz „Heute ich komme später“ ist zwar agrammatikalisch, aber es besteht kein Bezug zur Aussage des Satzes.

Völlig anders verhält es sich mit diesem Satz.

A: Hast du Hunger?
B: Nein, ich habe gerade gegessen.
B: ~ Nein, ich aß gerade.

Der Satz „Nein, ich aß gerade“ ist agrammatikalisch, allerdings ist der Fehler durch die Aussage des Satzes bedingt. Auch im Deutschen, der Duden sieht das völlig falsch, auch wenn das nicht so stringent durchgehalten wird wie im Französischen, Spanischen, Englischen stellt das Perfekt eine Bezug zur Gegenwart her. Eine Handlung, die in der Vergangenheit eingetreten ist, is für die Gegenwart noch relevant. Da er vor kurzem gegessen hat, hat er eben keinen Hunger. In diesem Fall ist der Satz agrammatikalisch, weil sich das Imperfekt mit der Aussage des Satzes „beißt“.

Ähnlich dieser Satz.

~Er konnte die Rechnung nicht bezahlen, er verlor seinen Geldbeutel.
Er konnte die Rechnung nicht bezahlen, er hatte seinen Geldbeutel verloren.

Der Satz „Er konnte die Rechnung nicht bezahlen, er verlor seinen Geldbeutel“ suggeriert einen Zusammenhang oder Kontext, der schlicht unwahrscheinlich ist; suggeriert, dass er die Rechnung nicht bezahlen konnte, weil er ständig seinen Geldbeutel verlor.

Schlägt die Agrammatikalität auf den Inhalt durch, dann würde der Autor sagen, dass wir es mit angeborenen Phänomen zu tun haben, denn die Unterscheidung wird in allen Sprachen gemacht. Der Satz „Nein, ich aß gerade“ wäre zwar absolut verständlich, es gibt keine Notwendigkeit, aus rein logischer / kommunikativer Sicht hier das Perfekt zu verwenden, aber das Gehirn will hier differenzieren und das ist völlig unabhängig von der Frage, ob wir diese Differenzierung jetzt notwendig finden oder nicht.

Handelt es sich um eine grammatikalische Regel ohne Bezug zur Aussage, die also nicht durch den konkreten Kontext determiniert ist, dann würde das trügliche Bauchgefühl des Autors sagen, dass dies schlicht gelernt wird. Vermutlich ist das menschliche Gehirn darauf geeicht, sich feste Strukturen einzuprägen und diese Strukturen dann auf beliebig viele Fälle anzuwenden, wobei die Wortstellung mit Deutschen Metaphysik für Fortgeschrittene ist. Da hat sich der Autor mal ausgetobt, das führt zu solchen wirklich beeindruckenden Tabellen: https://www.curso-de-aleman.de/grammatik/kapitel_26/26_5_la_frase_comienza_con_el_sujeto.htm. Das ist dermaßen wirr, dass Deutsch vermutlich nur in engem Kontakt mit Muttersprachlern gelernt werden kann. Das erklärt unter Umständen auch, warum sich die Sprachkenntnisse auch in der zweiten Generation nicht angleichen. Man braucht hier andere didaktische Konzepte. Die Leute, die da von mangelndem Interesse von Menschen mit Migrationshintergrund palavern, sollen sich mal eine ähnlich komplizierte Sprache, wie etwa Arabisch, antun. Dann wissen sie, von was sie reden.

Wenig Leute haben Probleme mit Konstruktionen dieser Art, die in vielen Sprachen, aber nicht im Deutschen, möglich sind.

Having done his homework, he went to bed.
Habiendo hecho sus tareas, se fue a la cama.
Avendo fatto i suoi doveri, é andato a letto.

Wörtlich übersetzt ergibt das: Seine Hausaufgaben gemacht habend, ging er zu Bett.

Dass die Konstruktion im Englischen, Spanischen, Italienischen verstanden wird, also wenn diese als Fremdsprache gelernt werden, liegt daran, dass sie im Deutschen zwar agrammatikalisch, aber verständlich ist. Der Deutsche versteht also eine Konstruktion, die er noch nie gehört hat. Das kann er also ganz definitiv nicht gelernt haben. Um die Konstruktion zu lernen, müsste sie konkret irgendwann auftauchen und die Bedeutung müsste sich dann aus dem Kontext erschließen. Das ist aber ausgeschlossen, denn sie taucht nie auf. Der Einwand, dass sich die Bedeutung aus dem Kontext erschließt, sticht nicht, denn dann müsste sich auch das unmittelbar erschließen.

Haben gemacht seine Aufgaben, ging er zu Bett.

Möglich wäre noch eine Konstruktion mit einem Partizip Perfekt. Aber auch diese ist nicht so suggestiv. (Und wäre natürlich auch agrammatikalisch.)

Gemacht seine Aufgaben, ging er zu Bett.

Das ist weit weniger suggestiv. Das Partizip Präsens, eigentlich ein Adjektiv, kann dieselbe Funktion haben, wie ein Gerundium in anderen Sprachen, auch wenn die Konstruktionen im Deutschen agrammatikalisch sind. Es kann also Adversativätze, Konzessivsätze, Konsekutivsätze, Kausalsätze, Temporalsätze ersetzen. Man versteht es, obwohl man es noch nie gehört hat.

Adversativsätze
Faul seiend, ist er erfolgreich.
Er ist faul, aber erfolgreich.

Kausalätze
Den Zug verpasst habend, nahm er ein Taxi.
Da er den Zug verpasst hatte, nahm er ein Taxi.

Konditionalsätze
Habend Geld, würde er sich ein Auto kaufen.
Wenn er Geld hätte, würde er sich ein Auto kaufen.

Konzessivsätze
Das Buch gelesen habend, wusste er nicht was drin stand.
Obwohl er das Buch gelesen hatte, wusse er nicht was drin stand.

Temporalsätze
Eine Zigarette rauchend, wartete er auf sie.
Während er ein Zigarette rauchte, wartete er auf sie.

Man kann jetzt darüber spekulieren, warum allein das Partizip Präsens einen Nebensatz ersetzen kann, aber mit Sicherheit lässt sich sagen, dass dies nicht gelernt wird, denn im Deutschen kann man das nicht lernen. Möglicherweise wird doch irgendwas, irgendwie unbewusst gelernt, was aber nur gelingen kann, wenn eine Disposition hierfür vorhanden ist. In Bezug auf den Erwerb von Fremdsprachen lässt sich sagen, dass dieser mühsam wäre, wenn tatsächlich alle Möglichkeiten mit einem gerondif – participe présent / gerund – present participle / gerundio einen Nebensatz zu ersetzen, erlernt werden müssten.

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