staunen, nicht ärgern

Ist Grammatik angeboren? Betrachtungen jenseits von Chomsky

Bekanntlich gibt es Leute, die der Meinung sind, dass der Mensch, von der Fähigkeit eine unendliche Anzahl an Lauten zu produzieren mal abgesehen, keine besonderen Fähigkeiten besitzt, die den Spracherwerb begünstigen. Sprache wird also gelernt, wie alles andere auch, Mathe, Physik, Geschichte, Auto fahren etc… Die Gegenthese lautet, dass der Mensch eine Disposition zum Spracherwerb hat, und dass ohne diese besondere Disposition eine Sprache auch gar nicht erlernt werden könnte. Weder die Muttersprache noch eine Fremdsprache. Die ganze Diskussion ist derartig kompliziert, dass kein Mensch die Argumente mehr nachvollziehen kann. Chomsky im Original ist Mathematik für Fortgeschrittene. Man kann das auch vereinfachen und wird dann wohl eher dazu neigen, dass es ein besondere Disposition für den Spracherwerb gibt. Argumentieren könnte man auch mit einem Kompromiess. Teilweise wird Sprache einfach gelernt wie alles andere auch und teilweise ist es angeboren.

In der öffentlichen, eher eigentlich eine ziemlich nicht öffentliche Debatte, dreht sich hierbei alles um Grammatik, obwohl man eigentlich die Diskussion auf drei unterschiedlichen Ebenen führen könnte.

Unterscheiden kann man drei Bereiche: (1) die lautliche Ebene (also das Phoneminventar), (2) die Semantik (hier: wie man die Bedeutung der Wörter aus dem Kontext erschließt), (3) die Grammatik, also die Struktur der Sprache bzw. die Tatsache, dass alle Sätze nach bestimmten Regeln geformt werden und ein Satz, der diesen Regeln nicht entspricht, eben agrammatikalisch ist.

(1) Erstaunlich ist hier, dass man Laute quasi unbewusst bildet und besonders überraschend sind hierbei Vokale. Wer jemals Lehrwerke zu Sprachen geschrieben hat, der Autor tut dies, der wird festgestellt haben, dass Vokale sehr schwer zu beschreiben sind. Bei Konsonnanten geht es noch einigermaßen. Will man z.B. das englische th beschreiben, dann macht man halt irgendwas in der Art: Legen Sie Ihre Zunge locker zwischen die oberen und unteren Schneidezähne und atmen dann kräftig aus. Den Ton gibt es in zwei Varianten, stimmhaft und stimmlos. Wenn Sie die stimmhafte Variante produzieren wollen, dann lassen Sie noch zusätzlich die Stimmbänder vibrieren. Also irgendwas in der Art. Bei Vokalen ist das dann wesentlich schwieriger. Der Lautwert ergibt sich allein der Form des im Mund und (bei Nasallauten) Nase gebildeten Resonanzraumes und diesen zu beschreiben, ist ausgesprochen schwierig. (Das berühmte Vokaldreieck ist didaktisch völlig sinnlos.) Jeder Deutsch Muttersprachler weiß, dass es Ende und ähnlich und nicht Ände und ehnlich heißt. Allerdings kämen alle ins grübeln, wenn sie den Unterschied erklären müssten. Noch schwieriger wird es, wenn man sich überlegt das zwischen dem geschlossenen e (e wie Ende) und dem offenen e (ä wie ähnlich) eine Vielzahl von Lauten liegt. Wir können diese Laute also nachahmen ohne tatsächlich zu verstehen, wie sie gebildet werden. Hier liegt also eine Disposition vor, die den Spracherwerb begünstigt, was wir allerdings mit vielen unserer tierischen Mitbewohner gemeinsam haben. Allerdings schließt sich irgendwann das Zeitfenster. Nasallaute haben wir z.B., sieht man von m und n ab, im Deutschen nicht im Angebot, so dass die französischen nasalen Vokale eine echte Herausforderung sind. In der Fremdsprache greift man nach dem Ton, der vom Lautbild her einem Laut in der Muttesprache am meisten ähnelt. Aus dem rollenden Zungen r des Spanischen machen Deutsche z.B. ein gutturales r. Nichtdestotrotz und auch wenn es später Übung erfordert, haben Menschen eine Ahnung davon, wie man Laute produziert, auch wenn sie nicht in der Lage sind, zu erklären, wie das geht. Diese Fähigkeit, Laute nachzubilden, auch wenn man nicht genau weiß, wie das geht, ist offensichtlich angeboren, auch wenn Training eine Rolle spielt. Anders formuliert, man muss für die Phänomene sensibilisiert werden. Die Italiener z.B. haben eine ausgedehnte Diskussion bzgl. des offenen und geschlossenen o. Verfolgt man die Diskussion ohne weitere Vorbereitung, bleibt erstmal unklar, worüber die sich überhaupt streiten, weil man den Unterschied gar nicht so richtig hört, obwohl es diese Unterscheidung auch im Deutschen gibt. Das o in offen ist ein offenes o. (Damit man sich das leichter merken kann, haben die Germanen das extra so gemacht. O in offen ist offenes o.) Das o in Ofen ist ein geschlossenes o, die Lippen runden sich. Macht man sich das klar, versteht man auch, über was die Italiener diskutieren. (Die Diskussion in Italien kommt zustande, weil regional das offene o wie ein geschlossenes o gesprochen wird und umgekehrt. Im Deutschen ist das nicht so. Das offene o wird einheitlich als offenes o gesprochen und das geschlossene als geschlossenes. Streiten kann man sich über das e in Stengel. Auch wenn man das Neudeutsche Stängel schreibt, bleibt der Autor dabei. Es ist ein geschlossenes e. Die Schreibweise Stengel also richtig und der Duden liegt falsch.) Es soll jetzt nicht behauptet werden, dass man jeden Laut, oder jedes Phonem, mühelos nachahmen kann. Einfacher sind natürlich die Laute, die in der Muttersprache schon vorhanden sind. Perser z.B. verlangt es alles an Konzentration ab, wenn sie ü sagen sollen. Für Deutsche wiederum stellt das persische gutturale r ein fast unüberwindliche Hürde da. Aber alles in allem kann man sagen, es ist wie mit der Musik. Meschen können auch Melodien nachträllern, aber keiner weiß, wie das eigentlich genau funktioniert. Diese Fähigkeit ist angeboren.

(2) Hinsichtlich der Semantik, also der Bedeutung von Wörtern, interessiert in diesem Zusammenhang vor allem, wie Wörter gelernt werden. Hier kann man drei Fälle unterscheiden.

a) Die Bedeutung des Wortes kann ohne weiteres aus dem Kontext entnommen werden. Das ist dann trivial.
b) Die Bedeutung des Wortes lässt sich nur langsam durch persönliche Erfahrungen bzw. Abstraktion erschließen. Das ist dann gar nicht mehr trivial.
c) Die Bedeutung eines Wortes lässt sich schlicht gar nicht aus dem Kontext erschließen, aber trotzdem werden bestimmte Wörter nur in einem bestimmten Kontext verwendet. Das ist dann rätselhaft und irgendwie mystisch.
d) Die Bedeutung ergibt sich durch Sugestion. Das scheint angeboren zu sein, den es läuft in allen Sprachen ähnlich.

(a) Dass ein Kind Wörter wie Tisch, Stuhl, Glas, Messer, Gabel etc. lernt ist einfach nachzuvollziehen. Dafür braucht es nicht viel Hirnschmalz, weil im Lernprozess das Gemeinte, also das linguistisch gesehen das signifié, unmittelbar referenziert wird. Bis hierhin könnte man noch sagen, Wörter werden gelernt, wie eben auch alle anderen Daten und Fakten gelernt werden. Das ist ziemlich trivial. Das ist sozusagen die Trivialebene auf der Saussure philosophiert. Zu jedem signifiant, einem Bezeichnenden, gehört ein signifié, etwas Bezeichnetes. (Genau genommen ist nicht mal das so richtig trivial, weil das Gehirn ja nichts Konkretes vor Augen hat und das Bezeichnete erst in Abhängigkeit vom Kontext konretisiert wird. In einem Satz „Was für einen Salat willst du?“ wird der Angesprochene den Begriff Salat konretisieren. In einem Satz „Da haben wir den Salat!“ wird er den Salat nicht konkretisieren. Selbst auf dieser Ebene ist das signifié, das Bezeichnete, eine Assoziationswolke, die je nach Kontext konkretisiert wird oder nicht.) Auf dieser Ebene könnten wir auch schlicht von Wörtern sprechen und sie von Begriffen abgrenzen. Wort und Begriff ist nicht das gleiche, wie wir schon bei Goethes Faust nachlesen können.

Denn eben wo Begriffe fehlen
da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein
mit Worten lässt sich trefflich streiten
mit Worten ein System bereiten
an Worte lässt sich trefflich glauben
von einem Wort, lässt sich kein Jota rauben.

Hier wird etwas in Verbindung gebracht, was nicht verbunden werden kann. Darin besteht der Witz. Worte beschreiben eben gerade kein System. Ist der Begriff zum Wort geschrumpft, haben wir eher eine Worthülse.

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