staunen, nicht ärgern

Und ewig ruft die Phillipskurve

Die Volkswirtschaftlehre sieht sich gar nicht als Geisteswissenschaft. Jede professorale und verbeamtete universitäre Einheit weist jede Nähe zu den Geisteswissenschaften ganz energisch zurück. Volkswirte fühlen sich im festen Besitz ewiger Gesetze, die es erlauben die wirtschaftliche Entwicklung für die nächsten Tausend Jahre vorherzusagen. Sie fühlen sich, manche, wie Léon Walras, sagen das auch, auch eher als Physiker oder Mathematiker. Das Problem ist, die ewigen Gesetze, die die Volkswirtschaftlehre glaubt gefunden zu haben, sind ganz überwiegend trivial und es liegt nun mal in der Natur der Dinge, dass Trivialitäten immer richtig sind.

Viele dieser Trivialitäten wurden allerdings schon vor 130 Jahren entdeckt. Die gesamte Mikroökonomie so wie sie heute an jeder x-beliebigen Uni in jedem x-beliebigen Winkel des Globus gelehrt wird, ist im Grunde nichts anderes als Alfred Marshall. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Alfred Marshall in seinem Werk Principles of Economics die stark abstrahierenden mathematischen Modelle in den Appendix verschoben hat und sich in dem eigentlichen Werk sehr differenziert mit der Realität beschäftigt. Wer eine präzise Einführung in die Mikroökonomie haben will, sollte sich mit den Principles of Economics von Alfred Marshall beschäftigen. Das ist gut geschrieben, mit einleuchtenden Beispielen erläutert und immer hart an der Realität. Wer Marktwirtschaft verstehen will, sollte sich an Wealth of Nations von Adam Smith handeln. Da ufert teilweise ein bisschen aus, macht einige fragwürdige Exkurse in die Geschichte, aber alles wesentliche zu dem Thema ist damit gesagt. Moderne Lehrbücher zur Mikroökonomie bringen nicht viel und wesentliche Elemente, die für die Funktionsweise marktwirtschaftlicher Ordnungen entscheidend sind, wie Unterscheidung natürlicher Preis / Marktpreis (und damit die Allokation der Resourcen über den Preis), bedeutung des Wettbewerbs (und warum Unternehmen versuchen, diesen auszuschalten), Definition des Homo Oeconomicus (und warum er nur im Wettbewerb Sinn macht) etc. etc.. steht bei Adam Smith, nicht aber in den modernen Schwarten zur Mikroökonomie. Dann hat man auch die Grundlagen, die es erlauben den Paradigmenwechsel zu verstehen, der durch Keynes in der General Theory of Employment, Interest and Money eingeleitet wurde. Wem das alles zu lang ist, ACHTUNG! WERBEEINBLENDUNG!, der kann auch zur www.economics-reloaded.de gehen. Das ist zwar auch ein bisschen langatmig, aber davon gibt es noch eine Kurzform als Buch mit Fragen und Antworten am Schluss.

Seit 200 Jahren schleppt die Volkswirtschaftslehre nun eklektisch herausgepickte Aussagen von irgendwelchen Ökonomen mit sich herum, die im Originalwerk nur ein halbe Seite sind und deren Erklärungskraft teilweise Null ist. Seit 200 Jahren haben wir die Suada von den komparativen Kosten von David Ricardo. Soll heißen, handelt lohnt sich auch dann, wenn ein Land bei allen Gütern ineffizienter als ein anderes Land ist, konkretes Rechenbeispiel hier http://economics-reloaded.de/1_Klassik/David_Ricardo/1_2_5_Komparative_Kosten.htm, und seit 200 Jahren ist die Erklärungskraft Null. Handeln findet findet überwiegend statt zwischen Ländern mit gleicher Wirtschaftsstruktur oder mit Ländern, die bei bestimmten Produkten absolute Preisvorteile haben. Die Chiquita Banane kommt, bzw. kam, aus Guatemala, weil der Anbau von Bananen in Deutschland eine ziemlich teure Angelegenheit wäre. Bei Industrierobotern hat Guatemala aber keine relativen Kostenvorteile. Guatemala stellt schlicht keine Industrieroboter her. Seit 150 Jahren vertickern die Universitäten das Pareto Optimun als ultimative Erkenntnis. Das Problem dabei ist, dass Alfredo Pareto Marktwirtschaft nicht verstanden hat. Er geht von einer gegebenen Ausgangssituation aus und philosophiert dann darüber, wie lange Ware A gegen Ware B getauscht wird. Das interessiert in einer marktwirschaftlichen Ordnung allerdings niemanden. Die Frage ist, ob die Ausgangssituation das Resultat einer MARKTLEISTUNG ist oder schlicht das Resultat von etwas, z.B. Raub, das keine sinnvolle Tätigkeit im Sinne der marktwirschaftlichen Ordung ist.

Betrachtet man also den akademischen Betrieb, dann ist die Volkswirtschaftlehre eine Geisteswissenschaft reinsten Wassers. Kalauern die Geisteswissenschaften seit 200 Jahren über Dante, den Weltgeist, den kategorischen Imperativ (den die Demokratie, anders als Kant sich das vorstellte, so wie so verwirklicht, weil auch der Bankräuber gegen die Legalisierung des Bankraubes ist), das Wesen der Sprache, über die Ontologie bei Aristoteles etc. so kalauern die Volkswirte über das Saysche Theorem (das im übrigen richtig ist, Waren werden mit Warten bezahlt), über Kapital in der klassischen Nationalökonomie (was im übrigen falsch ist, denn Kapital ist letzten Endes schlicht Geld), über die Cobb -Douglas Produktionsfunktion etc. etc..

Ein weiterer Kalauer aus der langen Reihe der ewigen Kalauer ist die Phillipskurve. Die Theorie dahinter ist, auch wenn in Varianten vorgetragen, so schlicht wie falsch. Behauptet wird ein inverser Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Je höher die Inflation, desto geringer die Arbeitslosigkeit. Das soll daran liegen, dass bei einer hohen Inflation die realen Lohnkosten sinken und von daher mehr Leute eingestellt werden. (Wobei man sich fragen kann, wer die Waren eigentlich kauft, wenn sie real immer teuerer werden.) Die verschärfte Variante de Phillipskurve haben wir dann bei Milton Friedmann. In Lohnverhandlungen antizipieren die Arbeitnehmer, das sind die Leute, die Arbeit geben, nicht die Unternehmen, auch wenn der Begriff das Gegenteil suggeriert, die Inflation, was dann wiederum, weil die Unternehmer diese höheren Lohnsteigerungen wiederum auf den Preis der Waren überwälzen zu einer noch höheren Inflation, was wiederum dazu führt, dass diese noch höherer Inflation antizipiert wird und so weiter. Leider erklärt uns Milton Friedmann nicht, wie Unternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen, die Lohnkosten überhaupt umwälzen können. Fordern die Arbeiter eines Unternehmens, das Fahrräder herstellt mehr Lohn und versucht das Unternehmen die Lohnsteigerungen auf den Preis weiter zu wälzen, dann kommen die Fahrräder, bzw. die Einzelteile eines Fahrrads eben aus Vietnam. (Was tatsächlich passiert. Die meisten Fahrradrahmen kommen inzwischen aus Vietnam.) Das Unternehmen hat nur zwei Möglichkeiten. Entweder seine Produktion zu verlagern, dann geht die Rechnung der Arbeiter nicht auf, oder die Preissteigerung selber zu tragen, also weniger Gewinn zu machen. Das einzige, was bombensicher nicht funktioniert, ist die Weiterwälzung der zusätzlichen Lohnkosten auf den Preis. Das ist der Grund, warum der Zusammenhang seit gut 30 Jahren definitiv nicht mehr existiert und wahrscheinlich nie existiert hat. Gemessen wird ein statistischer Zusammenhang zwischen zwei Größen, womit aber noch keine Aussage gemacht wird, über einen kausalen Zusammenhang. Es gibt auch immer weniger Störche und die Geburtenrate sinkt. Fraglich ist, ob ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Größen besteht.

Stellt man nun fest, dass der Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit nicht mehr existiert, so wird der Hokuspokus nicht etwa beerdigt. Dann geht man über zu der Logik, dass nicht sein kann was nicht sein darf, wie dieser Herr hier.

Das erinnert ein bisschen an Claudius Ptolemäus vor knapp 2000 Jahren. Irgendwann deckte sich das geozentrische Weltbild, alle Planten kreisen um die Erde, nicht mehr mit dem heliozentrischen Weltbild, alle Planeten kreisen um die Sonne und man musste von daher immer mehr Verrenkungen machen, um das geozentrische Weltbild mit den empirischen Fakten in Einklang zu bringen. Hinsichtlich Öl hätte sich eine andere Interpretation angeboten. Nicht die Lohnforderungen führten zur Inflation, sondern der Ölpreis. Wir hätten also einen Zusammenhang zwischen Ölpreis und Inflation, nicht aber zwischen Lohnforderung und Inflation.

Die Aussage, dass die Volkswirtschaftslehre eine dismal science ist, ist richtig. Das geht zwar nicht so, wie David Ricardo sich das vorstellt, er ging davon aus, dass das Elend darin besteht, dass die Proletarier ewig darben werden und das Wachstum nicht unendlich sein wird. Richtig an der These ist aber, dass es ein ziemliches Elend ist, wenn 200 Jahre lang von universitären Kanzeln derselbe Blödsinn erzählt.

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