staunen, nicht ärgern

Was ist Wissenschaft in der Literaturwissenschaft?

Über das ganze Thema Geisteswissenschaft hat der Autor mal einen ziemlich langen Sermon geschrieben, siehe www.die-geisteswissenschaften.de. Das passiert manchmal. Man will eigentlich nur einen kurzen Essay schreiben, denkt eine Weile darüber nach und dann wird das ewig lang. Je älter man wird, desto länger werden die Essays. (Kein Mensch weiß, ob das gut oder schlecht ist.) Das Thema Wissenschaflichkeit wurde dort allerdings nur gestreift.

Wer frisch an die Uni kommt und Geisteswissenschaften studiert, der wundert sich vor allem über eines: Auf einmal ist alles wissenschaftlich bzw. alle Seminarbeiten müssen Wissenschaftlich sein. Was das aber eigentlich ist, weiß kein Mensch und bei zunehmend inflationärer Verwendung des Begriffes, wird auch immer unklarer, was das ist. Vermutlich ist alles, was im universitären Rahmen produziert wird, irgendwie wie wissenschaftlich, wobei der Begriff desto öfter verwendet wird, je unklarer es ist, was das eigentlich ist. In den Naturwissenschaften z.B. taucht der Begriff kaum auf. Da ist eine Theorie eben empirisch belastbar formuliert, dann kann man deren Korrektheit überprüfen und sie kann scheitern oder eben nicht. Das Adjektive wissenschaftlich scheint besonders dann auf aufzutauchen, wenn ein Bedürfnis besteht, sich abzugrenzen, also wenn der Wahrheitsgehalt einer Aussage in Frage gestellt wird und es keine objektive Möglichkeit gibt, die Aussage als unwiderlegbar darzustellen. Der Verweis auf den wissenschaftlichen Charakter ist dann ein Versuch, der Aussage höhere Weihen zu verleihen.

Formal gesehen gibt es ein paar Unterschiede zwischen einem locker hingeknallten Text wie die, die sich hier finden und einer Arbeit für die Uni. Die Arbeiten für die Uni sind stärker strukturiert und man macht sich mehr Mühe, die Aussagen durch Fakten zu untermauern. Bei Texten, die für das Internet geschrieben werden, hat man die Tendenz es mit Brecht zu halten: Das Werk soll den Leser zum weiterdenken anregen und wenn er Fakten sucht, soll er halt googeln oder zu www.duckduckgo.com gehen. Das gilt zumindest für Fächer wie Geschichte, wo es immerhin noch Fakten gibt, wobei man sich darüber streiten kann, wie relevant die Fakten sind, siehe https://theatrum-mundi.de/sind-fakten-relevant/.

Wissenschaft dürfte im allgemeinen Verständnis mit objektiv wahr assoziiert werden, wobei „wahr“ ein schillernder Begriff ist, was aber in Bezug auf die Literaturwissenschaft gar nicht das Thema ist. Die eigentliche Frage ist, ob eine Aussage subjektiv als relevant empfunden wird. Eine irrelevante Wahrheit interessiert in diesem Zusammenhang niemanden. Das ist das Dilemma der Literaturwissenschaft und der Geisteswissenschaften im allgemeinen. Aus irgendeinem Grund fühlen sich diese veranlasst, den Naturwissenschaften nachzueifern und objektive Wahrheiten zu produzieren. Das führt dann zu ewig langen Literaturlisten mit einem Riesen Sack an Zitaten und Texten, die von Floskeln nur so strotzen, aber niemanden mehr interessieren. Bei diesem Beispiel hat es jemand geschafft, in einen Satz drei Mal das Wort Forschung unterzubringen.

Erfahrungstheoretischen Forschungsansätzen wurde in der interkulturellen
Forschung bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zu fragen ist,
welche Bedeutung Erfahrungen in der interkulturellen Kommunikations- und
Trainingsforschung eigentlich zukommt.

Die Tatsache, dass er eigentlich die Forschung über interkulturelle Beziehungen meint und nicht die interkulturelle Forschung, dann wäre ja die Forschung selbst interkulturell, ist gar nicht das Problem. Daran sieht man höchstens, dass über die Phrasen nicht mal mehr der Autor nachdenkt. Das Problem ist, dass es immer der gleiche dröge Stil ist mit immer den gleichen Phrasen.

Die Hoffnung besteht darin, dass eine lange Liste an Zitaten eine Aussage unangreifbarer macht. Wenn X die Aussage von Y kritisch bewertet hat dann kann man sich der Meinung von Y ja anschließen, vor allem wenn man vorher gezeigt hat, dass man sich die Aussagen von A, B und C auch schon zu Gemüte geführt hat. Der Wahrheitsbeweis soll durch die Literaturliste hergestellt werden. Wenn zehn Leute schon mal derselben Ansicht waren, dann muss es einfach richtig sein oder zumindest nicht angreifbar. Hat sich ein zitiertes literaturwissenschaftliches Prachtexemplar einmal etabliert, vertritt man in Seminararbeiten besser keine gegenteilige Thesen, denn das universitäre Personal fühlt sich angegriffen, wenn ein Kollege angegriffen wird und je weniger jemand mit dem Thema, mit dem er sich beschäftigt etwas anfangen kann, desto verbissener klammert er sich an Literaturlisten.

Wer sich Literaturwissenschaft acht Semester angetan hat, wird am Ende eine überraschende Feststellung machen. An den ganzen Müll, den er während des Studiums produziert hat um entweder, früher, scheinheilig zu werden oder, heute, credit points zu erlangen, nicht mehr erinnern, weil irrelevanten Wahrheiten eben bedeutungslos sind. Bedeutsamer ist dann das, was ganz unwissenschaftlich einen Nerv traf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert