staunen, nicht ärgern

Ist Grammatik angeboren? Betrachtungen jenseits von Chomsky

Goethe unterscheidet also zwischen Wort und Begriff. Das Wort setzt kein tieferes Verständnis voraus, der Begriff schon. Marktwirtschaft ein Begriff, kein Wort. Der Begriff Marktwirtschaft bezeichnet ein bestimmtes System, dessen Funktionsweise man verstehen muss. Andernfalls ist der Begriff sinnfrei. Tisch ist ein Wort, zu verstehen gibt es da nichs.

(b) Schwieriger wird es bei Begriffen, die erst im Laufe des Lebens, durch Introspektion oder Abstraktion, eine Bedeutung bekommen, bzw. deren Bedeutung sich im Laufe des Lebens ändert. Das betrifft z.B. alle Arten von Gemütszuständen: Liebe, Hass, Neid, Begeisterung, Glück, Angst, Horror, Trauer, Zufriedenheit, Verzweiflung etc. etc.. Was hier genau passiert, bzw. wie die Bedeutung dieser Wörter ermittelt wird, ist weitgehend unklar. Alle Deutschen wissen zwar, dass Horror eine Stufe schärfer ist als Angst, aber den absoluten Horror, also eine Welt, die total unbeherrschbar ist, haben zumindest in zivilisierten Gesellschaften die wenigstens Menschen schon real erlebt. Was Angst ist, lernen die meisten Menschen im Verlaufe ihres Lebens, viele vielleicht auch nur in der Softvariante, etwa als Prüfungsangst. Viele erleben vielleicht auch Verzweiflung, also wenn es für ein existentielles Problem keine Lösung mehr zu geben scheint. Der Horror ist aber nochmal eine Variante schärfer. Deutsch Muttersprachler kennen zwar die Abstufungen, aber unklar ist, wie sie diese gelernt haben. Es ist ein komplizierter Mix aus Introspektion, also der Fähigkeit psychische Zustände mit einem Wort abzugleichen, und dem Kontext, in dem ein Wort auftaucht. Das semantische Feld ist also eher etwas, was als Potential vorliegt und in Abhängigkeit von der persönlichen Erfahrung mit einem konkreten Inhalt gefüllt wird. Liebe z.B. ist erst Mal ein Wort, das gar nichts bedeutet. Ein Kind wird damit die Gefühle verbinden, die es für seine Eltern empfindet. Später werden dann alle möglichen Gefühlszustände unter diesem Begriff subsumiert. Möglich ist aber auch, dass ein Begriff existiert, der schlicht nie konkretisiert wird. Das ist z.B. mit dem Begriff Geist in dem Wort Geisteswissenschaften so, siehe www.die-geisteswissenschaften.de. Die Frage, die Menschheit beschäftigt, ob Sprache das Denken prägt, kann man also folgendermaßen beantworten: Sprache ist ein Verweis auf etwas, also eine Struktur, in die ein Erfahrungsraum eingebettet werden kann. Sprache prägt also nicht das Denken, erlaubt aber den Zugriff auf die Inhalte. In der Informatik würde man von einem Pointer sprechen. Der Pointer verweist auf das Objekt, kreiiert es aber nicht. Dass alle Leute jetzt über dieselben Pointer verfügen, heißt noch lange nicht, dass alle auf das zugehörige Objekt zugreifen können. Ohne die persönliche Erfahrung führt der Pointer ins Leere, bzw. verweist auf völlig unterschiedliche Objekte. Die Wörter sind schon da, bevor der Mensch auf die Welt kommt. Ob er sie dann mit Inhalt füllt, bzw. alle Menschen sie mit dem gleichen Inhalt füllen, ist ein ganz anderer Frage. Da irrt Saussure. Nicht alle signifiants führen bei allen Mensch zum gleichen signifié. Bei manchen Leuten führen die signifiants auch schlicht ins Leere. Richtig ist, dass Menschen über Sprache auf komplexe Bewußtseinsinhalte zugreifen können. Das geht zwar auch mit Bildern, es reicht einen Ausschnitt aus einem Film zu sehen, um sich daran zu erinnern, dass man den Film schon Mal gesehen hat, oder mit Gerüchen, die ebenfalls ein erlebtes Szenario ins Gedächtnis rufen können. Berühmt ist die Stelle aus dem Roman von Marcel Proust, A la recherche du temps perdu, wo dieser unverfälscht in die Vergangenheit abtaucht, als er die Madeleine in den Tee tunkt. Sprache ist allergings die komplexeste Art, auf Bewußtseinsinhalte zuzugreifen. Die komplexe Interaktion zwischen Sprache und Bewußtsein ist also angeboren.

c) Etwas merkwürdig wird es, wenn die Wörter eines semantischen Feldes zwar die gleiche Bedeutung haben, aber je nach Kontext nur das eine oder das andere möglich ist. Auch ein Deutsch Muttesprachler könnte den semantischen, also die unterschiedliche Bedeutung, von sagen und sprechen, bzw. machen und tun nicht erklären. Manchmal kann das eine durch das andere substituiert werden, manchmal nicht. Hier haben wir es wohl eher mit etwas zu tun, das schlicht gelernt wird.

=> Das tut man nicht. <=> Das macht man nicht.
=> Mach keinen Blödsinn. <=> ~ Tu keinen Blödsinn

Das hat aber mit dem in (b) beschriebenen nichts zu tun. Aus irgendwelchen Gründen haben wir im Deutschen zwei semantisch gleichwertige Wörter, die aber nicht in jedem Kontext gegeneinander subsituierbar sind. Im Fall von tun <=> machen ist das allerdings nur im Deutschen so. Im Französischen (faire), Spanischen (hacer), Italienischen (fare) gibt es nur ein Wort.

(Nach dem trüglichen Bauchgefühl des Autors gibt es im Englischen einen Unteschied zwischen „Don’t do it“ und „Don’t make it“ . „Don’t do it“ bezieht sich auf einen Sinnzusammenhang, „Fahr nicht nach Italien“, „Don’t make it“ auf etwas Konkretes, „Mach den Kuchen nicht“.)

Noch skurriler ist der Fall sagen <=> sprechen. Die damit beschriebene Tätigkeit ist jeweils die gleiche. Jemand gibt Laute von sich und erzeugt Schallwellen, die sich beim Empfänger eventuell zu einem sinnreichen etwas verdichten. Allerdings können sprechen und sagen nie gegeneinander substituiert werden. Diese Unterscheidung wird in jeder Sprache gemacht, obwohl sie semantisch unnötig ist. Hier scheint das Gehirn, unabhängi von der Frage ob man das jetzt logisch zwingend findet oder nicht, eigene Vorstellung bzgl. der Verbalisierung der Welt zu haben,

Und Gott sprach, es werde Licht und es ward Licht <=> ~ Und Gott sagte, es werde Licht und es ward Licht.
~ Ich aber spreche dir: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich. <=> Ich aber sage dir: Eher kommt ein Kamel …..
Er sprache davon. <=> ~Er sagte davon.

Man könnte vermuten, das liegt an dem Personalpronomen, welches nur mit sagen möglich ist, aber es ist komplizierter.

Noch verblüffender ist, dass sprechen zwar manchmal durch sagen ersetzt werden kann, aber sich die Bedeutung ändert.

Er sprach zuviel. => Bedeutung: Er war neben der Spur und erzählte Dinge, die niemanden interessierten.
Er sagte zuviel. => Bedeutung: Er hat Sachen ausgeplaudert, die er mal besser für sich behalten hätte.

Hier haben wir es wohl eher mit Zusammenhängen zu tun, die uns unter (3), Grammatik, nochmal begegnen wirden.

d) Angeboren scheint auch die Tatsache zu sein, das entnimmt der Autor der Tatsache, dass es in allen Sprachen so ist, dass manche Adjektive, z.B. süß, bitter auch metaphorisch verwendet werden. Zwischen dem süß in süßer Schokolade und dem süß in süßem Kind besteht so wenig ein Zusammenhang, wie zwischen dem bitter in Tonic Water und dem bitter in einer bitteren Erfahrung. Hier Zusammenhänge zu sehen, scheint offensichtlich angeboren, denn ein gemeinsamer Ursprung kann das Phänomen nicht erklären. Shirin, süß, wird auch im Persischen im Sinne von knuffig, drollig, etc. verwendet. Allerdings ist die Bedeutung nicht immer gleich. Una persona dulce, eine süße Person, ist im Spanischen nicht drollig, sondern sanftmütig. Das französische Adverb doucement, also in süßer Art und Weise, geht in die gleiche Richtung. Möglich, dass der psychisch, mentale Prozess der zu dieser quasi metaphorischen Verwendung führte heute nicht mehr aktiv ist, aber ursprünglich muss er aktiv gewesen sein, sonst würden wir ihn nicht in Sprachen finden, deren gemeisame Wurzeln sehr, sehr weit zurück liegen. Besonders merkwürdig ist hierbei das Adjektiv bitter. Eine bittere Erfahrung ist eine Erfahrung, bei der die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Ist also negativ, obwohl bitter, als Geschmacksrichtung, keineswegs negativ konnotiert ist. Tonic Water, bzw. das darin enthaltene Chinin, ist bitter, verkauft sich aber wie warme Semmel. Die Pampelmuse ist bitter, zumindest wenn man nicht alle Bestandteile der Schalen abtrennt, aber auch Pampelmusen finden wir in jedem Supermarkt. Sauer macht zwar lustig, meint der Volksmund, aber jemand der sauer ist, ist ziemlich unlustig. Hier haben wir wohl eher einen angeborenen Zusammenhang, wenn auch nicht wirklich nachvollziehbar ist, in worin dieser Zusammenhang genau besteht. Weiter sind es immer nur die Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter, scharf die zur Beschreibung psychischer Zustände bzw. Ausstrahlung verwendet werden. Salzig ist komischerweise niemand.

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