staunen, nicht ärgern

Wortschöpfungen in Zeiten von Corona: verimpfen und Eintrag

Der Duden von 1989, ein dickes Brett mit beachtlichen 120 000 Einträgen, im übrigen eine interessante Zahl für Leute, die wissen wollen, wie viele Wörter der Durchschnittsmensch so kennt, denn man kennt davon eigentlich 95 Prozent, weist das Wort „verimpfen“ noch nicht auf. Aber, die sind schwer auf Zack beim Duden, online ist das Wort schon registriert. Der Eintrag, im Sinne von Eindringen, allerdings hat es noch nicht mal online in den Duden geschafft, aber „Eintrag des Virus“, Anführungsstriche nicht vergessen, sonst bekommt man jede Seite, wo die beiden Wörter in beliebiger Reihenfolge auftauchen, liefert bei google 3640 Treffer.

Im weitesten Sinne gehört das Thema in die Kategorie „ist die Sprachfähigkeit angeboren“, wobei auf das Wort verimpfen wohl nur Deutsch Muttersprachler kommen. Hat jemand Deutsch nicht als Muttersprache, müsste man ihm den Unterschied zwischen impfen und verimpfen erklären, wobei allerdings nicht klar ist, wieso Deutsch Muttersprachler den Unterschied erfassen. Möglicherweise aus dem Kontext. Aufgetaucht ist das Wort als uns Spahn, Jens darum ging, der Menschheit zu erklären, dass man nun auch solange impfen müsse, bis der vorhanden Impfstoff aufgebraucht ist. Wir hatten dann tonnenweise Sätze wie diesen.

„Lockerung der Impfreihenfolge: Bayern und Baden-Württemberg wollen AstraZeneca-Vakzine ohne Priorisierung verimpfen.“

Soll heißen: Es macht keinen Sinn Impfstoff zu lagern, wenn die, die auf der Prioritätenliste weiter vorne stehen sich entweder nicht impfen lassen wollen oder dies aus logistischen Gründen unmöglich ist. In diesem Fall soll man halt egal wen impfen, bis kein Impfstoff mehr da ist. Er soll also komplett verbraucht werden.

Der Autor würde sagen, der Unterschied zwischen impfen und verimpfen wird durch den Kontext verstanden, denn das Präfix ver- hat keinen semantisch eindeutigen Wert. Der semantische Wert erfasst ein weites Spektrum: verlaufen,versenken, versaufen, vertiefen, verabreichen, verballern, vergeuden, verlinken, vergewissern etc. etc.. Das Präfix ver- ist zwar ein produktives System, so mehr oder weniger kann man bei jedem Verb ein ver- davor kleben, was ja im Alltag auch gemacht wird, verrauchen, verfeuern, vertelefonieren, verquatschen, verschreiben etc.. aber der semanitsche Wert muss aus dem Kontext erschlossen werden. Taucht vielleicht nicht im Duden auf, aber früher, vor den seligen Flatrate Zeiten, konnte man schon mal 50 Euronen vertelefonieren, wenn man mit der Frau telefoniert hat, in die man sich verguckt hat. Das Präfix ver- ist also sozusagen ein semantischer Platzhalter, den das Gehirn im Zweifelsfalle mit irgend etwas ausfüllt. Der Autor würde allerdings sagen, dass nur ver- diese Funktion haben kann. Mit über (überlaufen, überspringen, überwinden), auf (aufstehen, aufmachen, aufgehen), unter (unterfordern, unterlaufen, unterkriegen) etc. geht das nicht, denn diese haben einen semantischen Wert und können nicht als Platzhalter dienen.

Verimpfen bringt es nun auf 120 000 Treffer bei google, was für so ein kurzlebiges Wort schon ordentlich ist. Vertelefonieren bringt es nur auf 22000 Treffer und verquatschen auf 45 000. Das Wort ist notwendig, denn alle anderen Konstruktionen wäre umständlich. Das wäre was in der Art:

„Lockerung der Impfreihenfolge: Bayern und Baden-Württemberg wollen solange mit den AstraZeneca-Vakzine ohne Priorisierung impfen, bis der Bestand aufgebraucht ist.“

So müsste man wohl auch in anderen Sprachen tatsächlich konstruieren.

Wir sehen also, Denken schlägt Sprache. Das Denken schafft sich eine Sprache, aber die Sprache prägt nicht das Denken. (Wenn man davon absieht, dass die Sprache den Zugriff auf Bewußtseinhalte ermöglicht. Die Sprache ist der Zeiger, der auf Bewußtseinhalte verweist, ohne den Zeiger, wäre das Gehirn wie eine Festplatte, bei der das Inhaltsverzeichnis gelöscht wurde. ) Der Sinn von verimpfen wird aus dem Kontext ermittelt. Das kann soweit gehen, dass der ursprüngliche semantische Wert, völlig verlorgen geht, was bei einem Satz „Einschränkenden Maßnahmen verhindern einen weiteren Eintrag des Virus aus dem Ausland“ der Fall ist. Diese Bedeutung von Eintrag, also Eintrag im Sinne von Eindringen, hat es noch nicht mal in die online Version des Duden geschafft. Es gibt einen Eintrag ins Klassenbuch / Handelsregister / Landkarte etc., aber mit der Bedeutung von Eindringen gibt es das Wort nicht. Was könnte den Spahn, Jens veranlasst haben, anstatt „Dort müssen wir das Eindringen des Virus verhindern“ zu sagen „Dort müssen wir den Eintrag des Virus verhindern“ ? Vermutlich sein Umfeld. Behörden haben die Neigung, eine möglichst emotionsfreie Sprache zu wählen und „Eintrag des Virus“ klingt harmloser als „Eindringen des Virus“. Eindringen setzt ein Subjekt voraus, das willentlich und gewaltsam irgendwo eindringt. Bei Eintrag wird lediglich etwas mitgeschleppt. Ein Feind der eindringt ist ziemlich unsymathisch, handelt es sich lediglich um einen Eintrag des Feindes, dann fehlt das Moment der Agressivität. Das ist hier nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt ist, dass hier ein Wort seines ursprünglichen semantischen Wertes vollkommen entkleidet wird, durch alle öffentlich rechtlichen Sender und sonstiges rausch und sich niemand darüber wundert, weil sich aus dem Kontext unmittelbar ergibt, was gemeint ist. Vermutlich ist das Umfeld von Jens Spahn um maximale Objektivität bemüht und von dort hat er das Wort übernommen.

Allerdings funktioniert das Spiel nicht mit jedem x-beliebigen Wort, „Der Apfel des Virus muss verhindert werden“, geht dann nicht. Es muss also irgendwas an dem Wort Eintrag vorhanden sein, das diese Bedeutungsverschiebung, bzw. die Verwendung in diesem Kontext ermöglicht und vermutlich leuchtet durch den Eintrag noch das Verb eintragen durch, das ja schon ziemlich dicht bei hineintragen liegt. Obwohl der Deutsch Muttersprachler das Wort Eintrag noch nie im Sinne von irgendwas irgendwohin hineintragen gehört hat, assoziiert er das. (Unter Umständen wird auch nur das Verben tragen assoziiert.) Der Begriff semantisches Feld, der in der Linguistik so en vogue ist, also Reihen wie hübsch, schön, attraktiv, gutaussehend etc.. vereinfacht hier dastisch. Das Gehirn hat eher lose Wortwolken, wobei jedes Wort komplexe Assoziationsketten hat, die sich dann teilweise überschneiden. Die Beziehung zwischen Eindringen und Eintrag ist eine ganz andere wie die zwischen z.B. Frucht und Obst. Auf so einen Begriff wie semantisches Feld kommt man, wenn man vom Urheber der Sprache vollständig abstrahiert und lediglich das analysiert, was als konkret Fassbares vorliegt.

Die Tatsache, dass die Bedeutung der Wörter aus dem Kontext quasi mühelos erschlossen wird, verweist auf die Tatsache, dass im Gehirn bereits ein Bild der komplexen Realität sprachlos existiert. Man kann sich schlecht etwas aus dem Kontext erschließen, wenn gar kein Kontext vorhanden ist. Der Spruch von Wittgenstein „Die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner Welt“ ist also so berühmt wie unsinnig. Die Sprache passt sich der Komplexität des Denkens an, bildet aber nicht dessen Grenze. Gleichermaßen kalauert auch Heidegger:

Er guckt dabei zwar tiefsinnig und ernst, aber es ist purer Nonsense. Richtig ist, dass sich bei der „poetischen“ Sprache die Beziehung zur konkreten Bedeutung etwas aufheben, aber wir haben hier im Grunde das gleiche Phänomen wie bei verimpfen oder Eintrag, allerdings ist bei der poetischen Sprache nicht mehr gewährleistet, dass der Kontext, aus dem heraus sich der Sinn ermitteln lässt, bei allen Adressaten derselbe ist. Suchen komplexe Bewußtseininhalte nach Wörtern, dann kann sich die Bedeutung der Wörter ändern. Wenn das noch nie Dagewesene ausgedrückt werden soll, dann muss naheliegenderweise der gegebene Rahmen der Sprache gesprengt werden.

 

 

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