staunen, nicht ärgern

Erinnerungskultur

Auf Anreize nicht zu reagieren ist teilweise ziemlich einfach, die Sanktionierung minimal. Da reicht manchmal eine ganz schwache Remanenz an Individualität. Ohne technische Expertise hätte das Dritte Reich keinen Krieg führen können, ohne Piloten, bleiben die Flugzeuge am Boden, ohne U-Boote, hätten allierte Schiffe nicht versenkt werden können. Diese Dinger schlicht nicht zu bauen, erfordert jetzt kein Heldentum. Auch ein totalitärer Staat kann niemanden sanktionieren, der schlicht zu blöd ist, so Dinger zu bauen, bzw. zu steuern. Ob sich jemand absichtlich zu blöd anstellt oder tatsächlich zu blöd ist, kann auch der totalitäre Staat nicht feststellen. Zwar gilt das Gesetz der Grenzmoral, also der mit den geringsten ethisch / moralischen Ansprüchen gewinnt, so argumentiert ja auch die Waffenindustrie, Schema wenn wir nicht liefern, liefern andere, was aber nicht an der Tatsachen ändert, dass man völlig problemlos auch lassen kann. Was manche Leute mit Realpolitik bezeichnen, in die Richtung geht ja auch die Argumentation von Michael Wolffsohn, nennt sich race to the bottom.

Sukkzessive kann man das dann durchdeklinieren. Je stärker die Sanktion bzw. je stärker die Belohnung, desto mehr muss das Individuum in der Lage sein, dem totalitären System seine eigenen Vorstellungen entgegen zu setzen bzw. es muss in der Lage sein, die Gesamtzusammenänge zu durchschauen. Schlichten Gemütern ist dies nicht möglich. Soldaten z.B. laufen immer Gefahr in Spiele verstrickt zu werden, die sie nicht durchschauen. Den Wehrdienst zu verweigern hätte z.B. ganz erhebliche Sanktionen nach sich gezogen. KZ-Aufseher musste man nicht werden.

Ein Lehrer, der sich vor sein jüdischen Schüler stellt, wäre wohl vom Dienst suspendiert worden. Wahrscheinlich wäre er schon suspendiert worden, wenn er nicht mit den Behörden in dieser Angelegeneit kooperiert hätte. Das gleiche Schicksal hätte ein Richter erfahren, der den ganzen Irrsinn mit den Rassegesetzen nicht anwendet. Nach dem Schema race to the bottom hätte sich zwar jemand gefunden, der nach den Vorstellungen des NS-Regimes funktioniert, aber man hätte Widerstand leisten können, die Sanktionierung wäre milde gewesen. Im Zweifelsfalle wird man halt krank.

Argumentiert man so, stellt sich natürlich die Frage, wo das Verbrechen anfängt. Wann ist dem einzelnen noch zuzumuten, sich mal über Gesamtzusammenhänge Gedanken zu machen. Es stellt sich dann die Frage, ab welchem Punkt ein System auf die schiefe Bahn gerät. Ab wo der Punkt erreicht ist, wo die Akteure der verschiedenen System einfach nur mitspielen, ohne entweder das Spiel wirklich zu begreifen oder ohne sich noch über irgendwas Gedanken zu machen. Das ist dann der Punkt, wo nicht mehr nur erinnert, sondern auch verstanden wird.

Die marktwirtschaftliche Ordnung ist hier gleichzeitig Problem und Lösung. Der Wettberwerb ist nicht geeignet, moralische Grundsätze durchzusetzen und auch nicht gerade eine Veranstaltung, die dem Individuum allzuviel Freiraum lässt. Auf der anderen Seite ist die freie Marktwirtschaft aber auch ein System, dass die Anballung von Macht verhindert. Kontrolliert der Staat die Resourcen, hat er die Möglichkeit Anreize nach seinen Vorstellungen zu schaffen. Übergriffig können hier auch Demokratien sein.

Will man also das Phänomen verstehen und durch das Verständnis ähnliche verhindern, dann müsste man über die Bedeutung der Transparenz in demokratischen Entscheidungsprozessen nachdenken und wie man den Staat auf ein gesundes Maß zurückstutzt, sowie über die Effizienz des Bildungssystem. Mit ersterem beschäftigt sich der Autor auf der www.economics-reloaded.de und mit letzterem auf der www.theatrum-mundi.de. Mit bloßem erinnern und gedenken ist niemandem geholfen.

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