staunen, nicht ärgern

Dialekte: Ein Thema, über das es schwierig ist, belastbare Aussagen zu machen.

Dialekte kann man unter unterschiedlichen Gesichtspunkten behandeln.

1) Die erste Frage ist, ob ein Dialekt gelernt wird wie eine Fremdsprache oder ob nicht der Dialektsprecher quasi „intuitiv“ Dialekt spricht, also mehr oder weniger unbewusst bestimmte Eigentümlichkeiten des Dialekte nachahmt. Dafür spricht nämlich einiges. Dialekte kann man nachahmen, eine Fremdsprache nicht.

2) Zweitens kann man darüber diskutieren, ob die Abweichung von der Norm tatsächlich in allen Sprachen gleich „empfunden“ wird.

3) Diskutiert wird oft über die Frage, inwiefern sich Literatur übersetzen lässt, also ob der Text in der Ursprungssprache noch derselbe ist, wie in der übersetzten Fassung. Aussagen darüber sind schwer möglich, weil die erstens nur jemand treffen kann, der sprachlich sensibilisiert ist und auch dann wäre es eine rein subjektive Meinung und zweitens müsste er die beiden Sprachen auf Muttersprache Niveau beherrschen, was ziemlich selten ist. Besser sieht es aus bei Dialekten. Da gibt es viele Leute, die neben der Standardsprache noch einen Dialekt beherrschen. Dialekte haben ein Kolorit und die Übertragung eines Gedichtes in eine Fremdsprache ist wohl so was ähnliches wie die Übertragung eines Gedichtes in eine Fremdsprache. (Könnte man zumindest meinen.)

4) Dialekt / Akzent als Stigma ?

ad 1)
Schaut man sich das Video an

dann fällt auf, dass sich der Dialekt auf drei unterschiedliche Ebenen von der Standardsprache unterscheidet. Zum einen (1) der Wortschatz, zum anderen (2) die grammatikalische Tiefenstruktur und (3) die Aussprache / Intonation.

(Was im übrigen den Akzent, zumindest im Deutsche, vom Dialekt unterscheidet. Akzent im Deutschen bezieht sich nur auf die Aussprache, Dialekt auf Wortschatz, Grammatik und Aussprache. Diese Unterscheidung wird in anderen Ländern nicht getroffen. Obwohl das Englische der USA auf allen drei Ebenen vom Englisch in Großbritanien abweicht, spricht man von american accent. Gleiche Liga im Spanischen. Das argentinische Spanisch weicht in allen drei Ebenen ab, aber die Argentinier haben eine acento argentino, zumindest ist das üblicher als dialecto argentino.)

Das berlinerische Keule muss sie wohl nachgeschlagen haben, denn auf berlinerisch bezeichnet das die Geschwister oder, dann aber derb, denjenigen, mit dem man gerade spricht. Das lässt sich nicht intuitiv erahnen. Spezifisches Vokabluar muss man lernen, wie bei einer Fremdsprache. Grammatikalische Abweichungen tauchen in dem Video nicht auf, aber auch die müsste man lernen. Relativpronomen erhalten im Schwäbischen / Alemannischen z.B. immer noch ein wo.

„Der Mann, der über die Sprache geht“ ist im Schwäbischen „De Mann, der wo übe Stros goht“. Auch grammatikalische Strukturen müssen wie in einer Fremdsprache also gelernt werden. Hinsichtlich der Aussprache gibt es Regeln. -as wird z.B. im Berlinerische zu -at: was => wat, das => dat. -g wird zu -j: gut => jut, gemacht => jemacht. Vermutlich sind die Leute, die besonders gut Dialekte nachahmen können, überhaupt sprachlich begabt. Sie erfassen quasi intuitiv wie die Aussprache und die Intonation funktioniert. Vermutlich erfassen sprachbegabte Menschen Unterschiede unbewusst und können es dann nachahmen. Wir vermuten jetzt einfach mal, dass die Frau in dem Video nicht dicke Bücher gewälzt hat und die Lautverschiebungen analysiert hat. Wir vermuten, sie hat sich ein paar Beispiel angehört.

ad 2)
Zumindest im Deutschen haben Dialekte ein sehr starkes Kolorit, was sich besonders bei Gedichten niederschlägt. Dass Gedichte komplett umgeformt werden, wenn man sie in einen Dialekt überträgt, ist sofort einsichtig, wenn man sich ein paar Beispiel anhört. Hier haben wir das gleiche Gedicht mal auf Sächsisch, Schweizerdeutsch, Plattdeutsch und Bayrisch.

https://www.curso-de-aleman.de/grammatik/kapitel_3/3_1_los_dialectos_del_aleman.htm

Warum das nicht funktioniert ist einserseits klar und andererseits ziemlich unklar. Klar ist, dass im jeweiligen Dialekt das Versmaß, eigentlich ein dreihebiger Jambus, nicht aufrechterhalten werden kann. Teilweise ist in Dialekt die sprachliche Konstruktion nicht möglich. Was da auf Schweizerdeutsch im Detail gesagt wird, erfasst der Autor nicht, aber aus „er ist nur halb zu sehen“ wird irgendwas wie „er isch nur halber gseh“. Auf Schwäbisch würde daraus „ma sieht ihn blos z‘ Hälfte“. Unabhängig von solchen und ähnlichen Dingen haben Dialekte aber auch ein Kolorit. Was auf Schwäbisch immer gut funktioniert sind Lebensweisheiten, bei denen das Bodenständige des Schwäbischen den Inhalt unterstützt. „Schaffa schaffa Häusle baua ond et noch de Mädla schaue“ ist wesentlich wirkungsvoller als „Arbeiten, Arbeiten Häuser bauen und nicht nach den Mädchen schauen“. Wäre es in der Standardsprache ähnliche wirkungsvoll, hätte es sich irgendwann mal verbreitet, zumindest hätten wir eine Situation, wo der Ausspruch nicht ausschließlich im schwäbischen Sprachraum bekannt ist.

Ein weiteres Indiz für die prinzipielle Unmöglichkeit Dichtung, insbesondere eben Gedichte, auf Dialekt zu schreiben können wir der Tatsache entnehmen, dass es nicht allzuviel Dichtung in Dialekt gibt. Taucht Dialekt in Dichtung auf, etwa bei „Uli der Knecht“ von Jeremias Gotthelf, dann unterstützt der Dialekt die Charakterisierung der Personen. Das ganze Werk ist eigentlich nicht komplett auf Schweizerdeutsch verfasst, allerdings gibt es einen Film, der komplett auf Schweizerdeutsch ist.

Allerdings schreibt und schrieb kein einziger schweizer Schriftsteller, nicht Dürrematt und nicht Max Frisch, kein einziger Österreichischer Schriftsteller, nicht Thomas Bernhard und nicht Elfriede Jelinek in Dialekt, obwohl sie diesen, vermutet zumindest der Autor, perfekt beherrschen. Das Kolorit des Dialektes unterstützt wohl nicht den Inhalt, sondern konterkarriert ihn. Zwar haben wir in der Schweiz eine Bewegung, die konträr zur allgemeinen Entwicklung verläuft, das Schweizerdeutsch gewinnt dort immer mehr an Gewicht wohingegen Dialekte in Deutschland eher auf dem Rückzug sind, die Frage ist nur, ob die Deutschweizer nicht zum Standarddeutsch wechseln, wenn weniger die Sachaussage im Vordergrund steht.

Die Tausend Dollar Frage ist nun diese. Haben Dialekte dieses Kolorit, weil sie von der Standardsprache abweichen oder haben Sie dieses Kolorit an und für sich und da würde der Autor jetzt vermuten, sie haben das Kolorit an und für sich. Wäre das Kolorit lediglich durch die Abweichung von der Standardsprache determiniert, müssten alle Dialekte das gleiche Kolorit haben, was aber, nach dem wenig vertrauenserweckenden Bauchgefühl des Autors, nicht zutrifft, wobei es auch keine Möglichkeit gibt, hierüber objektive Aussagen zu machen. Vermutlich wäre aber auch der Comic Werner auf Hochdeutsch weniger witzig und auf Schwäbisch was anderes.

Umgekehrt gibt das Schwäbische ein anderes Kolorit.

Wie dem auch immer sei, unstrittig ist, dass bei Werner und Harald Schmitt ein spezifisches Kolorit ausgenützt wird und das offensichtlich funktioniert. Und ziemlich offensichtlich ist eigentlich auch, dass es nicht allein die Abweichung von der Standarsprache ist, die die Wirkung erzielt, sonder jeder Dialekt auch etwas Spezifisches hat. Das ist so ähnlich wie Lächeln, wer lächelt, auch künstlich, fängt innerlich an zu strahlen. Womit wir dann zu Punkt 3 kommen. Also objektiv nachweisen lässt sich das nicht, aber es kann ja mal jeder versuchen, Dialekte nachzuahmen, er wird dann unter Umständen feststellen, dass sich der Gemütszustand verändern.

ad 3)

Womit wir dann versuchen können, Aussagen darüber zu machen, ob Sprache einen bestimmten „Geist“ ausdrückt. Dazu meint Wilhelm von Humboldt.

So wie eine einzelne Sprache das Gepräge der Eigentümlichkeit der Nation an sich trägt; so ist es höchst wahrscheinlich, dass sich in dem Inbegriff aller Sprachen die Sprachfähigkeit, und insofern derselbe davon abhängt, der Geist des Menschengeschlechts ausspricht.

Das steht einfach so da in dem Werk über Sprache. Taucht einfach so auf, ohne weitere Erläuterung. Auffallend ist erstmal, dass alle Sprachen zusammen zwar den Geist des Menschengeschlechts aussprechen, aber jede Sprache das Gepräge der Eigentümlichkeit der Nation an sich trägt. Inhaltlich ist das natürlich Quatsch, aber ein interessanter Punkt ist enthalten, davon gleich. Quatsch ist es, weil es in jeder Sprache, mal abgesehen von den Dialekten und Akzenten, enorme diastratische (Abhängigkeit von der sozialen Schicht) und diaphasische (Abhängikeit von der Gesprächsituation) Unterschiede gibt. Ein einheitliches Gepräge der Eigentümlichkeit gibt es also gar nicht. Ein Schriftsatz für ein Gericht und ein Liebesbrief haben ser unterschiedliche Gepräge der Eigentümlichkeit. Er stellt aber fest, wobei er das gleiche Problem hat wie der Autor, dass Sprachen ein Kolorit haben. Das beweist er aber objektiv so wenig, wie der Autor das für Dialekte bewiesen hat, weil es sich so richtig nicht beweisen lässt. Hinsichtlich Sprachen ist das aber noch schwieriger. Um festzustellen, dass die verschiedenen Sprachen ein unterschiedliches Kolorit haben, müsste man diese auf Muttersprache Niveau beherrschen. Während viele Deutsche zustimmen würden, dass der Trick mit dem Hamburgerisch bei Werner auf Hochdeutsch oder Bayrisch nicht funktionieren würde, bzw. die Ausführungen von Harald Schmidt sich ganz spezifisch auf die Eigentümlichkeiten des Schwäbischen beziehen, wäre dies beim Sprachenvergleich zwischen zwei Sprachen schwierig. Bei Dialekten funktioniert das, weil z.B. der Deutsch Muttersprachler mit der Standardsprache vertraut ist. Vermutlich trägt eine Sprache das Gepräge der Eigentümlichkeit an sich, aber nachvollziehbar ist das maximal bei Dialekten. Will man sich also eine Vorstellung machne, was Wilhelm von Humboldt meint, dann muss man sich an Dialekte halten.

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