staunen, nicht ärgern

Erinnerungskultur

Damit das klar ist. In Deutschland erinnert man sich vornehmlich an die Verbrechen, die von den Vorgängern der BRD begangen wurden. Das ist gut so. Erinnern ist die Bedingung von verstehen. Das Problem ist lediglich, dass erinnern nicht notwendigerweise verstehen heißt. Darauf allerdings kommt es wesentlich an. Gut ist auch, dass vor dem „Reichstag“, also dem Sitz des Parlamentes, den Begriff Reichstag oder Reichtagsgebäude hätte man auch ändern können, dass während der Zeit des Nationalsozialismus dort nie getagt wurde ist egal, schon der Name ist übel, ein gewaltiges Mahnmal steht, dass an die Deportation von Menschen jüdischen Glaubens, bzw. an Menschen, deren Vorfahren irgendwann mal diesem Glauben anhingen, erinnert. Damit wird dann unmissverständlich klar gemacht, was Richtschnur der Politik zu sein hat. Jetzt und für die nächsten 1000 Jahre. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass erinnern nicht heißt, dass auch etwas verstanden wird und auf das verstehen kommt es eben an.

Regelmäßig werden Erinnerungen an irgendetwas zelebriert. An die Reichskristallnacht, 9/10 November 1938, an den Fall der Berliner Mauer, 9. November 1989 bzw. an den Tag, an dem der Einigungsvertag in Kraft trat, 3.Oktober 1990, an die Machtergreifung Hilters 30.Januar, an die Ausrufung der Weimarer Republik 9.November 1918 etc.. etc..

Demselben Zweck, also erinnern, dienen auch Denkmale, aber ganz in Gegensatz zu dem, was der Name suggeriert, da steckt ja denken drin, erinnern die Dinger auch nur an irgendwas. Mit dem Denken bzw. verstehen ist es bei Denkmälern noch schwieriger, als bei den Staatstragenden Reden, die dann über die Massenmedien verbreitet werden. Ist ein Text da, hat man unter Umständen irgendwas, über das sic nachdenken lässt und das Verständnis fördert. Bei Denkmälern allerdings handelt es sich um mehr oder weniger kunstvolle Gebilde, ohne Hintergrundinformation, haben die vielleicht eine ästhetische Wirkung bzw. zeugen von der Ästhetik einer Epoche. Allgemein könnte man sagen, je näher der Entstehungszeitraum der Gebilde, desto kompatibler ist die Ästhetik mit zielführenden Vorstellungen wohin die Reise gehen soll.

Erinnern sollen auch Straßennamen, wobei sich da im Laufe der Geschichte ein wildes Sammelsurium eigentlich inkompatibler Vorstellungen in den Straßennamen manifestiert. Wir haben da so Dinge wie Lüderitzstraße, der träumte von einem Kolonialreich im heutigen Namibia, was von allen anderen Erwägungen mal abgesehen auch ökonomisch sinnfrei war, Bismarckstraße, der wollte Preusen in Glanz und Gloria und vor allem groß, deswegen führte er drei Kriege, obwohl niemand so richtig nachvollziehen kann, wieso große Staaten wirtschaftlich erfolgreicher sein sollen, als kleine. Dann haben wir noch die Goethestraße, die Adornostraße etc. wo es dann allmählich vernünftiger wird. Das Sammelsurium ist also völlig wirr, was aber niemandem auffällt, weil sich schlicht niemand dafür interessiert. Die Inkohärenzen fallen schlicht niemandem auf.

Dasselbe Bild haben wir bei den quer durch die Städte verteilten Statuen. Da residiert, in Berlin, Friedrich II unter den Linden in etwa 300 Meter Entfernung mit dem Schiller Denkmal auf dem Gendarmenmarkt. Die wandelten zwar 27 Jahre zur selben Zeit über die Erde, aber ersterer hatte die dieselbe Marotte wie Bismarck gut 100 Jahre später. Blut und Eisen führt ins Paradies Letzterer äußerte da schon zielführender. Hätte man sich daran gehalten, hätte man sich eine Menge Katastrophen erspart.

Das ist nicht des Deutschen Größe
Obzusiegen mit dem Schwert,
In das Geisterreich zu dringen
Männlich mit dem Wahn zu ringen
Das ist seines Eifers wert.

Schwere Ketten drückten alle
Völker auf dem Erdenballe
Als der Deutsche sie zerbrach,
Fehde bot dem Vatikane,
Krieg ankündigte dem Wahne,
Der die ganze Welt bestach.

Höhern Sieg hat der errungen,
Der der Wahrheit Blitz geschwungen,
Der die Geister selbst befreit.
Freiheit der Vernunft erfechten
Heißt für alle Völker rechten,
Gilt für alle ewge Zeit.

Das scheint aber auch niemanden zu stören und bei manchen Zeitgenossen, wenn die Aussagen bei google maps statistisch relevant sind, scheint nicht anzukommen, dass Bismarck nicht wirklich kompatibel ist zu dem, was in den Lehrplänen zum Deutschunterricht steht. Das hat den Autor schon mal beschäftigt, siehe www.theatrum-mundi.de. Irgenwas läuft da falsch an den Schulen. Das Denkmal scheint echte Philosophen zu begeistern.

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Sollte man sich ruhig einmal angucken.
Der Herr Bismarck war schließlich einer der bedeutendsten deutschen Politiker.
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Großer Bismarck, steig hernieder
und regiere Du uns wieder.
Zu alter Größe führ‘ das Land,
schick Angie in den Ruhestand!
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Bismarck war zwar erzkonservativ, aber auch ein Realpolitiker, der die Zeichen der Zeit erkannt hat und auch zukunftsorientiert handeln konnte. Die Bildung des deutschen Reiches und die sozialen Reformen sind nur zwei seiner politischen Erfolge, die bis in die heutige Zeit strahlen. Manchmal habe ich das Gefühl, Deutschland hätte mehrfach einen Politiker wie Bismarck gebraucht, um auch aus verfahrenen Situationen noch etwas positives rauszuholen.
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Ein beeindruckendes Denkmal!
Der wichtigste Punkt den man in Berlin besuchen sollte.
Derjenige der Deutschland vereinigt hat und unser erster Reichskanzler.
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In dem Stil geht das dann stundenlang. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf erinnern, das denken scheint bei Denkmälern irrelevant zu sein. Genau genommen ist es wahrscheinlich noch wirrer. Die Leute projezieren ihre Phantasien, wo immer sie diese auch her haben, in die Denkmäler. Das ist so ziemlich das Gegenteil von denken.

Sollte man da mal aufräumen? Manchmal passiert das, ziemlich radikal, z.B. mit dem ganzen Gedöns aus den Nationalsozialismus oder den Marx-Engels-Thälman Statuen. Die wurden tatsächlich 45 bzw. in den 90er Jahren flächendeckend demontiert. Also bei den ganz üblen Gestalten, scheint Einigkeit zu herrschen. Auch was die Straßenamen betrifft. Wer will schon in der Hermann-Göring-Straße wohnen. Bei anderen obskuren Gestalten wie Carl Peters wurde die Umbenennung der Straßennamen erst in den 80er Jahren vorgenommen. Da die obskure Gestalt niemand kennt, hat damit niemand ein Problem. Verschiedentlich kommt es aufgrund konkreter Ereignisse zu einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit, wie z.B. derzeit durch die black lives matter Bewegung in England und den USA. Dann wird aufgeräumt. Bei solchen Prozessen wird dann auch nicht nur erinnert, sondern tatsächlich nachgedacht.

Aus wissenschaftlicher Sicht mögen Denkmäler und Straßenamen interessant sein. Sie spiegeln den Geist derer wieder, die für diese Art der Gestaltung des öffentlichen Raumes zuständig waren und sind. Das ist bis zum heutigen Tag so, wobei das oft eben Gestalten sind, die kein Mensch kennt und im Falle des Humboldtforum handelt es sich offensichtlich um vorgeschobene Figuren. Was diese antreibt, ist schwer zu sagen. Offensichtlich wollen sie etwas Staatragendes machen und offensichtlich wird das Projekt von einem breiten Strom an Leuten getragen, die Sinn haben für Staatstragendes. Gekostet hat der Bau, wo das Humboldt Forum einquartiert wird so roundaboaut 700 Millionen Euronen. Bei der Planung wird dann eine internationale Expertenkommission vorgeschoben, die zwar nicht international ist, in dem 17 köpfigen Kommitee gibt es nur einen Experten mit Migrationshintergrund, der Herr Prof. Dr.-Ing. Vittorio Magnago Lampugnani, der chunt us de Schwiz, aber dafür erschließt sich einem wenigstens nicht, wie man Experte für staatliche Museen wird. Ein staatliches Museum muss auf jeden Fall so was ähnliches sein wie ein Flughafen, denn Prof. Barbara Jakubeit ist Mitglied des Vorstandes Flughafens Frankfurt AG und wer Flughafen kann, kann auch Museum. Ein interessante Gestalt könnte Wilhelm von Boddien sein. Dessen Herz blutete offensichtlich, weil beim Palast der Hohenzollern, also da wo jetzt das Humboldtforum gastiert, die eine Hälfte im Krieg weggebomt worden war und die andere Hälfte dann von den Genossen. Als dann auch noch seine Landmaschinenfabrik in Konkurs ging, hat er sich wohl noch mit größerer Intensität der Schaffung eines nationalen Denkmals gewidmet und über einen Verein fleißig Spenden gesammelt: 81 Millionen Euronen. Was diese Leute antreibt, staatstragendes schaffen zu wollen, ist schwer zu sagen und man kann sie ja auch schlecht auf die Coach legen und analysieren. Vermutlich steigt die Lust auf Staatstragendes, wenn das Individuum leer ist. Wahrscheinlich ist die Motivlage, wenn man das mal so nennen soll, ähnlich wie bei den Leuten, die in früheren Zeiten an jede Ecke Statuen von irgendwelchen Königen, Schlachten, heroischen Taten und Ähnliches haben aufstellen lassen. Auf jeden Fall soll es IDENTITÄTSSTIFTEND sein.

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