staunen, nicht ärgern

Erinnerungskultur

Bestimmend für diese identitätsstiftende Wirkung ist aber nicht nur die vorgeschlagene Nutzung, sondern ohne Zweifel auch deren bauliche „Hülle“. Die architektonische Gestaltung des Berliner Schlossplatzes muss seiner besonderen historischen und städtebaulichen Bedeutung Rechnung tragen und sich entsprechend in den vorhandenen Stadtraum einfügen. Diesem Anspruch genügt der Palast der Republik nach einhelligerAuffassung der Kommission nicht. Es bestand ein hohes Maß an Übereinstimmung, dass sich die Neubebauung des Platzes an der Struktur und am Erscheinungsbild des ehemaligen Berliner Schlosses orientieren müsse, um das vorhandene Vakuum auszufüllen und den historischen Zusammenhang insbesondere zum Ensemble Unter den Linden und zum Lustgarten wiederherzustellen.

Die Mitglieder der Kommission, die kein Mensch kennt, wollen also Identitätstiftend. Das kann aber kaum Aufgabe des Staates sein. Aufgabe des Staates in einer Demokratie ist es, dem einzelnen dabei zu helfen, seine ganz eigene Identität zu finden. Das heißt er hat Angebote zu machen, z.B. in Lehrplänen, die sich auch ruhige diamentral widersprechen können. Was der Einzelne sich aus den Alternativen aussucht, ist seine Sache. Gestiftete Identität ist brandgefährlich. Identität ist ein Prozess. Die Jungs und Mädels von der Expertenkommission werden da ziemlich explizit.

Die Nutzung des Schlossplatzareals muss von gesellschaftlich
herausragender Bedeutung sein, um das dort zu errichtende Bauwerk
und seine Funktion im Bewusstsein der Öffentlichkeit zuverankern.

Da würde der Autor sagen, so stinklangweilige Plätze, also irgendein fettes Gebäude mit einem Platz drumrum, gibt es millionenfach auf der Welt, da gibt es weiß Gott eine Million lustigerer Ideen und vor allem hat der Staat schlicht gar nichts im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Da sind die Jungs ganz in der Tradition der Leute, also der SED Genossen, die die Vorgänger Version dahin gesetzt haben, also den Palast der Republik. Der Staat hat weder ein sozialistische Bewusstsein zu schaffen noch irgendein anderes. Lustig und unterhaltsam wäre z.B. gewesen, wenn man zentrale Stellen der Literatur nachgebaut hätte, also z.B. die Divina Commedia von Dante, Goethes Faust, Don Quijote von Cervantes, Hamlet von Shakespear, etc.. also eine Art Rummelplatz mit interaktiven Elementen, für alle Altersgruppen. Z.B. das Inferno der Divina Commedia als Höllenfahrt. Das wäre kretiv gewesen. Das millionste stinklangweilige Museum ist jetzt sowas von unkreativ wie nur irgendwas. Auch die Diskussion über die Artefakte, die während der Kolonialzeit nach Deutschland gebracht worden sind, kann man abkürzen. Einfach an die Ursprungsländer zurückgeben. Sollte sich jemand dafür interssieren, tut es auch eine Replik.

Inzwischen werden ja auch Straßen nach Adorno benannt, gibt es in Berlin Falkensee: Von dem stammt eine Essay, ohne Leitbilder. Aber das mit den Straßennamen funktioniert einfach nicht.

Wer auf die Idee kam, das identitätsstiftende Forum nach den Gebrüdern Humboldt zu benennen, hat der Autor nicht herausgefunden. Vermutlich irgendein Beamter im Heimatministerium des Herrn Seehofer. Auch diese Namensgebung soll wohl irgendwie identiätsstiftend sein, auch wenn keiner genau weiß wie. Wir wissen nicht mal, ob der Beamte, dem das eingefallen ist, irgendwas von Alexander bzw. Wilhelm Humboldt gelesen hat, denn das mit dem identiätsstiftend ist ein kompliziertes Ding, wir kennen ja von der periodischen Aufwallung nationaler Euphorien bei Fußballweltmeisterschaften. Zwischen zugucken und selber machen besteht ein Riesenunterschied, aber die Sehnsucht verringert zumindest subjektiv den Unterschied. Sich aus eigener Kraft eine Identität schaffen ist da schon eine andere Liga. Das ist Arbeit.

Bei Denkmälern und ähnlichem, also z.B. dem Humboldtforum und Straßennamen, geht es also um die Schaffung von Identiät. Zumindest zum Zeitpunkt der Entstehung bzw. Benennung sollen sich die Leute mit den als Ideal imaginierten Vorbildern identifizieren, was immer das bedeuten mag. Wahrscheinlich ist überall das gleiche intendiert. Man soll den Vorbildern nacheifern. In Kuba z.B. steht auf jeder zweiten Mauer, „sé como el Che“, also man soll sein wie Ernesto Che Guevara. Also z.B. sich dafür einsetzen, dass die Landbevölkerung Land bekommt, obwohl das in Bolivien in Hülle und Fülle vorhanden ist. Die Bewirtschaftung ist das Problem, man braucht also Hochschulen für Agrarwissenschaft. Denkmäler und sonstiges in der Art sollen Ideale vermitteln, also im wesentlichen dafür sorgen, dass der Verstand den Löffel abgibt. Rein praktisch gesehen ist das, mal unabhängig von der Frage, ob es mit einer freiheitlich demokratischen Grundordnung kompatibel ist, nicht besonders aussichtsreich. Für den ganzen Krempel, der da in der Stadt rumsteht, interessiert sich eigentlich kein Mensch und wenn der Straßennamen nicht gerade ein ganz fetter Brocken ist, dann ist der Name völlig egal. Das Humboldtforum hätte man auch Bananenforum nennen können, ob Humboldt oder Banane, was die Rezeption des Werkes der zwei Brüder anbelangt, wenn diese intendiert war, macht das exakt Null Unterschied.

Der Begriff Erinnerungskultur begegnet uns immer in Zusammenhängen, wo es darum geht, etwas zu verhindern. In Deutschland eben den Rückfall in die Barbarei, den absoluten Zivilisationsbruch. Erinnern allein verhindert aber gar nichts. Man kann nicht mal sagen, dass das verstehen besser wird, wenn detaillierter erinnert wird. Man kann alle Konzentrationslager auflisten, die Anzahl der dort Ermordeten genau beziffern, die Namen des Wachpersonals und deren Funktion nennen, man kann versuchen herauszufinden, aus welcher sozialen Schicht sie stammen und was für einen Bildungsgrad sie hatten, man kann die Motive der Denunzianten ermitteln, man kann versuchen herauszufinden, ob es bei den Menschen, die Verfolgte versteckten, Gemeinsamkeiten gibt etc. etc. Das ist sogar ziemlich einfach möglich, es gibt hierzu eine unglaubliche Fülle an Material im Internet. Dafür muss man sich nicht mal mehr in einer Universitätsbibliothek vergraben. Allerdings bleibt die Frage offen, ob man das Phänomen dann verstanden hat. Eigenlich ist nicht mal klar, was verstehen in diesem Zusammenhang überhaupt heißen soll. In seiner Rede vor dem Bundestag am 29.1.2021 gedenkt Steinmeier ganz überwiegend, das ist sowas ähnliches wie erinnern, aber an einer Stelle will er tatsächlich vestehen.

Wer die Verbrechen verstehen will, der muss die weiten Wege zurückverfolgen, die zum Lagertor von Auschwitz führten: die Bahngleise, die an der Rampe endeten, die Zugfahrpläne, die Logistik des Todes – sie wurde in Ämtern mit Berliner Adressen erdacht, nur einen Steinwurf von hier entfernt. Ausgeführt und ins Werk gesetzt wurde all das in über 1 000 Lagern und Abertausenden Erschießungsplätzen, an Orten, von denen viele weit entfernt im Osten liegen und deren Namen bis heute viele Deutsche noch nie gehört haben: Paneriai, Malyj Trostenez, Mizocz, Chelmno.

Er meint das mit den Wegen, die man zurückverfolgen muss, metaphorisch. Das ist klar. Er will sagen, dass nicht nur die gemordet haben, die unmittelbar Mörder sind, sondern genauso diejenigen, die im Hinterland den Irrsinn organisiert haben. Das klärt aber die Frage nicht: Wo kommen die Irren her bzw. wie bricht der Irrsinn aus? Also was das verstehen angeht, sind wir nach der Rede von Steinmeier exakt da, wo wir am Anfang auch schon waren.

Die ganzen Theorien, die den ganzen Irrsinn erklären wollen, helfen uns alle nicht wirklich weiter. Auch die These von Daniel Goldhagen, Hitlers willige Verstrecker, überzeugt nicht wirklich. Der Antisemitismus ist ein Aspekt eines allgemeinen Rassenwahns, der letztlich Europa von Brest bis in den Ural in Schutt und Asche legte. Der Gesamtheit des Irrsinns wird normalerweise am 8. Mai gedacht. Die bekannteste Rede hierzu hielt Richard von Weizsäcker am 8.Mai 1985. An der Rede erstaunt uns eigentlich nur, dass die Zeitgenossen es als Zeitenwende betrachteten, dass er den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnet hat. Das, würde der Autor sagen, ist unstrittig und sollte auch schon 1985 unstrittig gewesen sein.

Was das verstehen angeht, bringt uns das aber auch nicht weiter, weil auch Weizsäcker nur erinnert und gedenkt.

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