staunen, nicht ärgern

Erinnerungskultur

Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken,
dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Der Autor kann mit dem „des eignen Innern wird“ sogar etwas anfangen. Nicht gerade eine wissenschaftliche Formulierung, aber je länger man sich mit einem Thema beschäftigt, desto prägender wird dieses Thema. Es gibt da eine Menge Bilder, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einprägen. Nur mit dem Erinnern hat der Autor ein Problem, denn auch nach dieser Rede, hat er das Phänomen immer noch nicht verstanden.

Verstehen hat wohl in allen indogermanischen Sprachen zwei Bedeutungen. Verstehen kann sich beziehen auf nachempfinden. Wenn man jemanden versteht, dann kann man nachempfinden, was er empfindet und sich so sein Verhalten aus seiner Gefühlslage heraus erklären. Verstehen kann auch bedeutet, dass man eine Kausalkette versteht, z.B. wie sich die Explosion von Benzin im Motor letztlich auf die Räder des Autos überträgt. In diesem Zusammenhang würden wir vor allem die Täter gerne verstehen. Wir wüssten gerne, wie solche Monster ausgebrütet werden. Das wäre die Bedingung, ähnliches zu verhindern, wobei sich die Frage stellt, was ähnlich ist und hier wird es problematisch.

Man kann aus der Shoa unterschiedliche Konsequenzen ableiten, je nachdem wie man ähnlich definiert. Man kann z.B. aus der Shoa die Konsequenz ableiten, dass man 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland holt, wenn Not am Mann ist. Allerdings scheint es hier kompliziert zu werden. Michael Wolfssohn, Historiker an der Universität der Bundeswehr in München und jüdischen Glaubens, sieht das jetzt anders.

Der „humanitäre Imperativ“ der Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik verdiente an sich Lobeshymnen. Menschlichkeit ist des Menschen höchstes Gut. Allerdings definieren sogar unsere engen europäischen Partner – nicht nur Orban & Co – Menschlichkeit keineswegs wie Merkel und der deutsche Mainstream nahezu dogmatisch. Die Folge: „Wir“ sehen uns als moralische Großmacht. Tatsächlich haben wir uns von unseren Partnern isoliert.

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article190857457/Michael-Wolffsohn-ueber-die-Irrwege-der-deutschen-Aussenpolitik.html

Leider verrät er uns nicht, was Angela Merkel konkret hätte tun sollen. Seine Argumentation ähnelt ein bisschen der Argumentation der Teilnehmer der Konferenz von Evian vom Juli Juli 1938, siehe Konferenz von Evian. Da sich einige Länder weigerten, Juden aufzunehmen, fühlten sich die anderen Länder überfordert. Was eine moralische Großmacht jetzt konkret sein soll, erschließt sich dem Autor zwar nicht, aber vermutlich will er die Politik Angela Merkels verhöhnen. Was er und Leute seines Schlages vergisst ist das: Dass die Integration von 1 Million Flüchtlingen Probleme aufwirft, ist auch den Befürwortern der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel klar. Die Leute, die dieser Politik zustimmen, suchen allerdings nach komplexeren Lösungen und belassen es nicht bei out of sight out mind. Die Tatsache, dass man das Problem nicht im Land hat, heißt nicht, dass es nicht existiert. Man kann aus der Shoa auch lernen, dass es Zeiten gibt, wo man sich den Problemen stellen muss. Wenn er sich dem Problemen nicht stellen will, dann zieht er eben aus der Shoa diesen naheliegenden Schluss nicht.

Mit verstehen im Sinne von Nachempfinden kommen wir nicht weiter. Der Autor würde einen systemischen Ansatz wählen, der aber kritisch ist, weil sich dann die Frage stellt, wo das Verbrechen eigentlich ansetzt.

Menschen reagieren auf Anreize. Entweder auf negative, dann unterlassen sie ein bestimmtes Verhalten oder auf positive. Das ist Ansatz, mit dem Volkswirte die Ökonomie interpretieren. Um den Rest der gesellschaftlichen Beziehungen kümmern die sich nicht. Man kann den Ansatz aber verallgemeinern. Individuell unterschiedlich ist, wie stark sie auf die Anreize reagieren, was wiederum von ihren Einstellungen und ethisch / moralischen Wertvorstellungen abhängt und von der Stärke des negativen oder positiven Anreizes. Die Einstellungen und ethisch / moralischen Wertvorstellungen hängen wiederum davon ab, inwieweit das Individuum die Chance hatte, diesbezüglich eigene Vorstellungen zu entwickeln. Bei totalitären Staaten, also Deutschland und die stalinistische Sowjetunion, waren diese Möglichkeiten gering, weil totalitäre Staaten nicht nur, wie lediglich autoritäre Staaten, die nur eine passive Duldung verlangen, vom Individuum das aktive Bekenntnis zum Staat fordern. Es gibt bei totalitären Staaten keine Möglichkeit mehr, alternative Erfahrungen zu machen, auch nicht mehr im privaten Umfeld, denn das Individuum wird eingebunden in Massenorganisationen, etwa der Hitlerjugend, so dass der private Bereich schrumpft. Allerdings, und jetzt kommen wir zu einem heiklen Punkt, kann man sich fragen, wie ab einem bestimmten Stichtag ein ganzes Volk gleichgeschaltet werden konnte. Eigentlich hätte ja das Bildungssystem der Weimarer Republik für einen gewissen Rest an Individualität sorgen müssen. Das scheint nicht funktioniert zu haben und die Frage, ob das heute funktioniert, ist berechtigt, siehe www.theatrum-mundi.de.

Auf Anreize nicht zu reagieren ist teilweise ziemlich einfach, die Sanktionierung minimal. Da reicht manchmal eine ganz schwache Remanenz an Individualität. Ohne technische Expertise hätte das Dritte Reich keinen Krieg führen können, ohne Piloten, bleiben die Flugzeuge am Boden, ohne U-Boote, hätten allierte Schiffe nicht versenkt werden können. Diese Dinger schlicht nicht zu bauen, erfordert jetzt kein Heldentum. Auch ein totalitärer Staat kann niemanden sanktionieren, der schlicht zu blöd ist, so Dinger zu bauen, bzw. zu steuern. Ob sich jemand absichtlich zu blöd anstellt oder tatsächlich zu blöd ist, kann auch der totalitäre Staat nicht feststellen. Zwar gilt das Gesetz der Grenzmoral, also der mit den geringsten ethisch / moralischen Ansprüchen gewinnt, so argumentiert ja auch die Waffenindustrie, Schema wenn wir nicht liefern, liefern andere, was aber nicht an der Tatsachen ändert, dass man völlig problemlos auch lassen kann. Was manche Leute mit Realpolitik bezeichnen, in die Richtung geht ja auch die Argumentation von Michael Wolffsohn, nennt sich race to the bottom.

Sukkzessive kann man das dann durchdeklinieren. Je stärker die Sanktion bzw. je stärker die Belohnung, desto mehr muss das Individuum in der Lage sein, dem totalitären System seine eigenen Vorstellungen entgegen zu setzen bzw. es muss in der Lage sein, die Gesamtzusammenänge zu durchschauen. Schlichten Gemütern ist dies nicht möglich. Soldaten z.B. laufen immer Gefahr in Spiele verstrickt zu werden, die sie nicht durchschauen. Den Wehrdienst zu verweigern hätte z.B. ganz erhebliche Sanktionen nach sich gezogen. KZ-Aufseher musste man nicht werden.

Ein Lehrer, der sich vor sein jüdischen Schüler stellt, wäre wohl vom Dienst suspendiert worden. Wahrscheinlich wäre er schon suspendiert worden, wenn er nicht mit den Behörden in dieser Angelegeneit kooperiert hätte. Das gleiche Schicksal hätte ein Richter erfahren, der den ganzen Irrsinn mit den Rassegesetzen nicht anwendet. Nach dem Schema race to the bottom hätte sich zwar jemand gefunden, der nach den Vorstellungen des NS-Regimes funktioniert, aber man hätte Widerstand leisten können, die Sanktionierung wäre milde gewesen. Im Zweifelsfalle wird man halt krank.

Argumentiert man so, stellt sich natürlich die Frage, wo das Verbrechen anfängt. Wann ist dem einzelnen noch zuzumuten, sich mal über Gesamtzusammenhänge Gedanken zu machen. Es stellt sich dann die Frage, ab welchem Punkt ein System auf die schiefe Bahn gerät. Ab wo der Punkt erreicht ist, wo die Akteure der verschiedenen System einfach nur mitspielen, ohne entweder das Spiel wirklich zu begreifen oder ohne sich noch über irgendwas Gedanken zu machen. Das ist dann der Punkt, wo nicht mehr nur erinnert, sondern auch verstanden wird.

Die marktwirtschaftliche Ordnung ist hier gleichzeitig Problem und Lösung. Der Wettberwerb ist nicht geeignet, moralische Grundsätze durchzusetzen und auch nicht gerade eine Veranstaltung, die dem Individuum allzuviel Freiraum lässt. Auf der anderen Seite ist die freie Marktwirtschaft aber auch ein System, dass die Anballung von Macht verhindert. Kontrolliert der Staat die Resourcen, hat er die Möglichkeit Anreize nach seinen Vorstellungen zu schaffen. Übergriffig können hier auch Demokratien sein.

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