staunen, nicht ärgern

Kapitalismus und Marktwirtschaft

Den Begriff Kapitalismus wollte die CDU in den funfziger Jahren um jeden Preis in Wahlkampagnen verhindern, das klingt unsympathisch, klingt nach Großindustriellen à la Krupp und Tyhssen, nach Ausbeutern, die das Land in den Ruin geführt haben, obwohl niemand eigentlich erklären kann, was mit dem Begriff eigentlich gemeint ist, wobei allerdings die weitverbreitete Verwendung des Begriffs Kapitalismus verdeutlicht, dass auch die Marktwirtschaft nicht verstanden wird, denn im Grunde sind Marktwirtschaft und Kapitalismus zwei völlig verschiedene Dinge. Dass sie als Synonyme gebraucht werden liegt daran, dass weder das eine noch das andere verstanden wurde. Ein Begriff, der keine Bedeutung hat, ist, das ist naheliegend, durch einen anderen bedeutungslosen Begriff substituierbar.

Kurios dabei ist, dass in den Massenmedien, bis auf den heutigen Tag, von Kapitalismus gesprochen wird, auch wenn eigentlich Marktwirtschaft gemeint ist. Das ist umso erstaunlicher, als jedes Schulbuch von (sozialer) Marktwirschaft spricht, man also annehmen könnte, dass sich irgendwann mal die Erkenntnis durchsetzt, dass Kapitalismus und Marktwirtschaft keine Synonyme sind.

Besonders skurril ist, dass die Autoren wie Milton Friedman, der hat immerhin mal den „Nobelpreis“ für Ökonomie bekommen, korrekt heißt der Preis Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften, sein massenwirksamstes Buch „Capitalism and Freedom“ taufte. In diesem Buch wird nicht etwa der Kapitalismus als Gegenspieler der Freiheit beschrieben, was vielleicht eher zutreffen würde, sondern der Kapitalismus ist der Garant der Freiheit. Deutlicher wird er dann in der von ihm geleiteten Fernsehserie „free to choose“. Das Gegenteil von free to choose ist dann Sozialismus oder allgemeiner ein übergriffiger Staat.

Zweifelsfrei stellt der Begriff Kapitalismus auf bestimmte Merkmale ab, die auch für die Marktwirtschaft typisch sind, wobei von anderen konstituierenden Elementen der Marktwirtschaft abstrahiert wird, bzw. diese als irrelevant vernachlässigt werden. Nachvollziehrbarerweise bezeichneten die Staaten sozialistischer Prägung den Westen als kapitalistisch. Sie messen damit dem entscheidenden Moment marktwirtschaftlicher Ordnungen, die dezentrale Koordination über Preise und der objektiven Kontrolle durch den Markt eine geringe bis gar keine Bedeutung zu, siehe unten, und erklären die Kapitalakkumulation für das entscheidende Moment des Kapitalismus. Witzigerweise wurde dieser Begriff dann vom Klassenfeind übernommen, bzw. der Klassenfeind sah sich nie veranlasst, es umgekehrt zu sehen. Also die dezentrale Steuerung über Preise und die objektive Kontrolle durch den Markt als den entscheidenden Moment und die Kapitalakkumulation als einen Nebeneffekt und irgendwie wird der Autor den Verdacht nicht los, dass auch die Anhänger marktwirtschaftlicher Ordnungen noch nicht richtig den Markenkern marktwirtschaftlicher Ordnungen erkannt haben.

Wir haben also zwei völlig unterschiedliche Gruppen. Auf der einen Seite die „sozialistischen“ Länder, also das was früher mal der Ostblock war, auf der anderen Seite das, was man heute mit Westen bezeichnet. Beide sprechen von Kapitalismus, die einen mit negativer Konnotierung, das kapitalistische Ausland war der Feind und die anderen mit positiver Konnotierung. Also irgendwas läuft hier schief. Mit dem Begriff Kapitalismus verbinden wohl beide Lager mehr oder weniger dasselbe, sehen das aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln und beide verkennen den Markenkern der Marktwirtschaft. Sozialistische Länder verbinden, besser wäre wohl zwischenzeitlich verbanden, damit Ausbeutung, deren Gegenspieler nennen das dann Gewinnstreben, was positiv gesehen wird, weil es die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt. Die Grenze ist aber eine ganz andere und man wird den Eindruck nicht los, dass das auch im Westen nicht so richtig verstanden wird. Würde es verstanden, dann würde man im Westen den Begriff wählen, der das entscheidende zum Ausdruck bringt, nämlich Marktwirtschaft. Die anderen könnten dann bei Kapitalismus bleiben, denn das, was den Markenkern marktwirtschaftlicher Ordnungen ausmacht, halten die für irrelevant.

Soll in den Massenmedien dezidiert die Marktwirtschaft gemeint sein, dann wird oft ein dritter Begriff werwendet, Liberalismus. Liberalismus ist aber eher ein philosophisches Konzept und geht über rein ökonomische Zusammenhänge hinaus. Wer wissen will, was das ist, der kann das auf der www.economics-reloaded.de dann John Stuart Mill nachlesen. Die Unterschiede wollen wir jetzt hier nicht herausarbeiten. Es würde schon vollkommen reichen, wenn die Leute mal die Begriffe Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht in einen Topf werfen.

Soll der Terminus Kapitalismus aber eine Bedeutung haben, dann müsste man erklären, welche Rolle das Kapital spielt, wobei beide Lager das in der täglichen Auseinandersetzung, sowohl nach Innen wie auch nach Außen, unterlassen, was zumindest beim sozialistischen Lager überrascht, die hatten ja sogar einen Propheten, Carlos Murx, der in dickleibigen Bändern nachgewiesen hat, dass der Kapitalismus irgendwann zusammenbricht. Naive Gemüter gehen jetzt davon aus, dass Typen wie Honecker sich durch die drei dicken Bänder gequält haben. Das ist in etwa so wahrscheinlich wie die Annahme, dass Adenauer die Werke von Walter Eucken gelesen hat und der ganze kalte Krieg ein Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Vorstellungen über die Wirtschaftsordnung war. Das dürfte grundfalsch sein. Ausschlaggebend ist der Machterhalt. Dafür braucht es keine fundierte theoretische Begründung. Das eine Lager verteidigte das Proletariat gegen die Ausbeuterklasse und das andere Lager verteidigte die Freiheit. Das reicht als ideologischer Überbau vollkommen.

Das Problem hierbei ist, dass dies eben nicht reicht. Für einen demokratischen Entscheidungsbildungsprozess ist es schon entscheidend, ob die Leute die Unterschiede zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus verstehen, also überhaupt verstehen, was Marktwirtschaft ist. Erst dann kann man über die Defizite derselben nachdenken und unter Umständen korrigierend eingreifen, wenn dies sinnvoll ist. Wird aber die Relevanz des Markenkerns gar nicht verstanden, läuft bei eventuell nötigen Korrekturen Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Also, mal kurz und bündig, was ist der Unterschiede zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft? In der verschärften Variante, also bei Carlos Murx, ist der Kapitalismus ein System, bei dem die treibende Kraft der Weltgeschichte das Kapital ist. Was also bei Hegel der Weltgeist, ist bei Carlos Murx das Kapital. Das geht in Kürze so. Der Kapitalist, der bei Marx lediglich durch die Tatsache charakterisieiert ist, dass er Kapital hat, kann dumm wie Bohnenstroh, faul wie ein Sandsack, so innovativ wie ein Regenwurm sein, völlig egal. Hat er Kapital, wird er immer reicher. Den Unternehmer gibt es also gar nicht. Das Werk heißt auch nicht Der Kapitalist, sondern Das Kapital. Nicht der Kapitalist, also ein Mensch treibt die Weltgeschichte, sondern das Kapital. Die Frage ist nur, was ist eigentlich Kapital? Da kreiert er dann einen Haufen Begrifflichkeiten immer frei nach dem Motto, wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie. Da ähnelt Carlos Murx den bekannten Wirtschaftberatungsgesellschaften wie KPMG, Arthuer de Little, Price Waterhouse. Die Quintessenz ist allerdings sehr simpel. Der Faktor Arbeit ist weitgehend homogen, also Qualifikation spielt keine Rolle. Da schwurbelt er zwar ein bisschen, die komplexe Arbeit ist nur ein vielfaches der einfachen Arbeit, aber im Grunde läuft das auf dasselbe hinaus. In der Realität ist das zwar ein bisschen anders, unter Umständen ist der mit der Qualifikation in einer weit besseren Machtposition als der mit dem Kapital und hat folglich die Möglichkeit, den Kapitalist zu expropriieren, aber bei Marx ist der Faktor Arbeit zu einem Preis zu haben, der lediglich die Reproduktion der Arbeitskraft, so nennt Marx das, garantiert, also das Existenzminimum, wofür eigentlich sagen wir mal zwei Stunden Arbeit ausreichen würden, der Kapitalist aber den Proletarier 10, 12 oder 14 Stunden arbeiten lässt. Lässt er ihn also 10 Stunden arbeiten anstatt 2, hat er einen Mehrwert von 8 Stunden, denn er sich dann in die eigene Tasche stopft. So akkumuliert sich dann Kapital, was allerdings immer noch nicht die Frage klärt, was Kapital eigentlich ist. Da wird zwar wieder hin- und hergeschwurbelt, konstantes Kapital, das lediglich zurückfließt und keinen Mehrwert schafft einerseits, variables Kapital, mit dem der Arbeiter bezahlt wird und einen Mehrwert schafft, aber das ist egal. (Wobei man sich nicht verwirren lassen darf. Mit den verschienen Typen von Kapital, die man z.B. aus der Kosten- und Leistungsrechnung kennt, fixes Kapital, variables Kapital, Einzelkosten, Gemeinkosten, variable Einzelkosten etc.. hat das gar nichts zu tun.) Schluss endlich wird Kapital zu Geld, das nennt Marx dann den Geldkristall, der ist wiederum in der marxschen Schwurbellogik inkorporierte Arbeit. Und das ist jetzt das Problem. Kapital ist eigentlich Geld und Geld ist nun mal ganz schnöde bedrucktes Papier bzw. eine Summe auf einem Girokonto. Davon produziert aber die EZB wenn ihr das gerade Spaß macht in einer Nacht mehr, als alle bösen Kapitalisten in einem Jahr allen Probletariern dieser Welt in zehn Jahren abressen können und sie wird das auch tatsächlich tun, wenn das Geld durch eine potentielles BIP in DER ZUKUNFT auch tatsächlich gedeckt ist, also man sich in der Zukunft was dafür kaufen kann. Abstrakter formuliert: Marx ist ein strammer Anhänger der klassischen Nationalökonomie, also vor allem von David Ricardo. Ökonomen wie Jean Baptiste Say, die zart andeuten, dass der Kapitalist ein Unternehmer ist und folglich einen Unternehmergewinn erzählt, sind bei Marx dann Vulgärökonomen.

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