staunen, nicht ärgern

ein rätselhaftes Phänomen: der Patriot

 

Fazit:

1) Die harmlose Variante des Patriotismus / Nationalismus finden wir bei den Manschaftsportarten und in geringerem Maße bei Individualsportarten. Die Identifikation mit einer konkreten Mannschaft ist zwar auch dort etwas rätselhaft, ist aber für die Dynamik der Emotionalisierung notwendig. So ganz minimal ist die Identifierung mit der jeweiligen Nationalmannschaft plausibler, als mit irgendeiner Mannschaft. (Nur auf Vereinsebene ist die Identifikation dann völlig willkürlich, aber eben für die Dynamik notwendig.)

2) Weniger harmlos, da ist die Gefahr, dass die Situation umkippt dann größer, ist der Patriotismus / Nationalismus, der auf einem Gefühl der Bedrohung beruht, was z.B. dann der Fall ist, wenn durch eine Umverteilung zugunsten der offziellen Mitbürger deren Einkommensituation verbessert werden kann. Für diese Umverteilung bedarf es dann einer Rechtfertigung und die bietet dann die hypostasierte nationale Identität.

3) Nachvollziehbarer wird der Patriotismus, wenn er sich auf konkrete Werte bezieht, bzw. auf unterschiedliche Vorstellungen bzgl. der Regierungsform. Die Ukrainer z.B. haben derzeit überhaupt kein Interesse, von der russischen Konföderation befreit zu werden, weder die Ukrainer mit Ukrainisch Muttersprache noch die Ukrainer mit Russisch Muttersprache. In diesem Fall geht es weniger um patriotische Worthülsen, also um höchst konkrete Sachverhalte.

4) Dann gibt es noch sowas wie die Burschenschaften, wo sich das nichts im nichts spiegelt. Hier fehlt zwar das Moment der Bedrohung, aber es begeistern sich in diesem Fall Leute für etwas, was es schlicht gar nicht gibt. Wer will, kann das à la Nietzsche romantisch finden: Wenn die Sehnsucht vergeht, bleibt die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Wir haben hier Gemüter, die von irgendwas tief ergriffen sein wollen, aber kein Objekt gefunden haben, dass sie ergreifen könnte. Das ist zwar zugegebenermaßen harmlos, kann aber umschlagen in weniger harmlose Varianten.
Zum einen ist dann bereits eine Disposition zur Instrumentalisierung der Verehrung des Vaterlandes vorhanden, zum anderen ist die Erfahrungsschicht recht dünn, wenn der Sehnsuchtsort das nichts ist.

5) Am ehesten kann man der Sprache sowas wie eine Identität beimessen und Konflikte bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen entzünden sich oft an der Sprache: Kurdisch <=> Türkisch, Amhara <=> Oromo, Französisch <=> Englisch, Azerbaijanisch <=> Farsi, Russisch <=> Ukrainisch, Baskisch <=> Spanisch etc.. führen immer mal wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Bei Sprachen kann man auch tatsächlich nachvollziehen, dass jemand aus seiner Heimat vertrieben wird, wenn die Muttersprache offiziell nicht anerkannt wird.

6) Wie bereits mehrfach erwähnt, interessiert das Phänomen Patriotismus / Nationalismus im Prinzip nicht, es ist ein Epiphänomen. Interessant ist lediglich die Tatsache, dass reine Wortkonstrukte, denen in der realen Welt nichts entspricht und die auch kein Leitbild liefern, Emotionen hervorrufen können. Das Phänomen Patriotismus / Nationalismus könnte man jetzt noch aus einer rein historischen Perspektive betrachen, also die historischen Tendenzen nachzeichnen, die zum nation building führen, etwa am Beispiel Deutschland und Italien, als „späte“ Nationen. Diese Bewegungen hatten aber höchst konkrete wirtschaftliche und politische Forderungen. Das wäre ein ganz anderer Ansatz.

7) Ein  Aspekt, der in den vorherigen Ausführungen nicht erwähnt wurde, aber wahrscheinlich eine ziemlich große Rolle spielt. Im Zusammenhang mit  z.B. Weltmeisterschaften in Mannschaftsspielen taucht ziemlich oft das Possessivpronomen in der ersten Person Plural auf. Obwohl die Identifikationsmöglichkeiten zwischen „unserer“ Manschaft oder „unseren Dichtern“ etc. faktisch Null ist. Es kann auch durchaus passieren, dass noch tageland Spanier eingehüllt mit der spanischen Fahne durch Berlin irren, wenn Spanien, bzw. eine gewisse Anzahl von Personen mit spanischem Pass, bei der Weltmeisterschaft gewinnen. Hier kann man dann etwas  beobachten, was man normalerweise nicht beobachten kann: eine latente Ich Schwäche. Das geht dann über eine Identifikation, die lediglich die Dynamik der Emotionalisierung, siehe 1) hinaus. Hier haben wir es mit real existierenden Komplexen zu tun.

Zusammenfassung: Goethe hat das Phänomen zwar treffend beschrieben und hat dafür nur sechs Zeilen gebraucht, aber erklärt hat er das Phänomen im Grunde auch nicht und der Autor bildet sich jetzt nicht ein, etwas erklären zu können, was schon Goethe nicht erklären konnte. Die eingangs zitierten Verse beschreiben das Phänomen, erklären es aber nicht. Irgendwie hat die ganze Geschichte etwas zu tun mit Authentizität und der Fähigkeit, diese zu erfassen. Authentizität setzt ein Individuum voraus, bzw. ein Individuum, dass einen Individualisierungsprozess durchlaufen kann. Wer das nicht kann, der kann bedeutungslose nicht von prägenden Eindrücken trennen, weil er letztere gar nicht hat. Als Option bleibt dann nur noch die Identifikation mit der Beliebigkeit, dem Nichts und das nichtige Individuum ist leicht manipulierbar, denn es hat keinen Anker.

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