staunen, nicht ärgern

ein rätselhaftes Phänomen: der Patriot

6) Wie bereits mehrfach erwähnt, interessiert das Phänomen Patriotismus / Nationalismus im Prinzip nicht, es ist ein Epiphänomen. Interessant ist lediglich die Tatsache, dass reine Wortkonstrukte, denen in der realen Welt nichts entspricht und die auch kein Leitbild liefern, Emotionen hervorrufen können. Das Phänomen Patriotismus / Nationalismus könnte man jetzt noch aus einer rein historischen Perspektive betrachen, also die historischen Tendenzen nachzeichnen, die zum nation building führen, etwa am Beispiel Deutschland und Italien, als „späte“ Nationen. Diese Bewegungen hatten aber höchst konkrete wirtschaftliche und politische Forderungen. Das wäre ein ganz anderer Ansatz.

7) Ein  Aspekt, der in den vorherigen Ausführungen nicht erwähnt wurde, aber wahrscheinlich eine ziemlich große Rolle spielt. Im Zusammenhang mit  z.B. Weltmeisterschaften in Mannschaftsspielen taucht ziemlich oft das Possessivpronomen in der ersten Person Plural auf. Obwohl die Identifikationsmöglichkeiten zwischen „unserer“ Manschaft oder „unseren Dichtern“ etc. faktisch Null ist. Es kann auch durchaus passieren, dass noch tageland Spanier eingehüllt mit der spanischen Fahne durch Berlin irren, wenn Spanien, bzw. eine gewisse Anzahl von Personen mit spanischem Pass, bei der Weltmeisterschaft gewinnen. Hier kann man dann etwas  beobachten, was man normalerweise nicht beobachten kann: eine latente Ich Schwäche. Das geht dann über eine Identifikation, die lediglich die Dynamik der Emotionalisierung, siehe 1) hinaus. Hier haben wir es mit real existierenden Komplexen zu tun.

Zusammenfassung: Goethe hat das Phänomen zwar treffend beschrieben und hat dafür nur sechs Zeilen gebraucht, aber erklärt hat er das Phänomen im Grunde auch nicht und der Autor bildet sich jetzt nicht ein, etwas erklären zu können, was schon Goethe nicht erklären konnte. Die eingangs zitierten Verse beschreiben das Phänomen, erklären es aber nicht. Irgendwie hat die ganze Geschichte etwas zu tun mit Authentizität und der Fähigkeit, diese zu erfassen. Authentizität setzt ein Individuum voraus, bzw. ein Individuum, dass einen Individualisierungsprozess durchlaufen kann. Wer das nicht kann, der kann bedeutungslose nicht von prägenden Eindrücken trennen, weil er letztere gar nicht hat. Als Option bleibt dann nur noch die Identifikation mit der Beliebigkeit, dem Nichts und das nichtige Individuum ist leicht manipulierbar, denn es hat keinen Anker.

Es macht  also keinen Sinn, bei Patriotismus / Nationalismus vom konkreten Kontext und der individuellen Entwicklung zu abstrahieren, aber das Phänomen an sich lässt sich auf fundamentale psychische Zusammenhänge zurückführen, die wir in allen möglichen Zusammenhängen finden, z.B. bei bestimmten Berufsgruppen.

 

 

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