staunen, nicht ärgern

ein rätselhaftes Phänomen: der Patriot

Das mit souveränen Nationalstaat des deutschen Volkes geht dann gegen alle internationale Organisationen, also EZB, EU, NATO, UNO etc.. Wie das kleine Deutschland aber im Konzert der Großmächte außerhalb dieser internationalen Organisationen bestehen soll, bleibt aber das Geheimmis der AfD.

Was man in allen Ländern beobachten kann, ist der, zum Scheitern verurteilte, Versuch, eine nationale Identität zu schaffen. Hoffnungslos ist der Versuch deswegen, weil kulturelle Strömungen, Moden, technische Innovationen, etc. globale Bewegungen sind und diese einen sehr viel größeren Impact haben als nationales Brauchtum.

Der Versuch eine Identiät zu schaffen ist was fundamental anderes, als der Versuch eine gegebene Identität zu fördern. Der didaktische Ansatz, primär passieren ja beide über das institutionalisierte Bildungssystem, ist jeweils ein völlig anderer. Will man eine kulturelle Identität schaffen, dann fokusiert man auf Inhalte, die als typisch, stilbildend, bedeutsam etc. für die jeweilige Kultur erachtet werden und blendet Inhalte, die an eine spezifische Identität eher anschlussfähig sind, aber nicht als nationale Kulturgüter erachtet werden, aus. Will man eine gebene Identiät fördern, bietet man an eine breite Palette an und überlässt es den Empfängern, was sie als anschlussfähig empfinden.

Heißt auf Deutsch: In allen Ländern erachten es die Kultusbehörden als ihren Auftrag die Muttersprache und die in dieser Sprache geschriebenen Werke zu vermitteln, bzw. dieser Sprache einen breiteren Raum einzuräumen, als anderen Sprachen. Das ist teilweise nachvollziehbar, denn zumindest in der westlichen Welt, Ausnahmen bestätigen die Regel, ist ein bestimmte Sprache vorherrschend.

Trotzdem könnte man auch anders vorgehen: Die Fächer Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch etc. könnte man aufsplitten in Linguistik, da würde man sich dann allgemein mit linguistischen Problemen befassen, und Literatur in Übersetzungen, wo unabhängig von der Provenienz Werke der Weltliteratur behandelt würden. Der beschränkte Horizont ist bei Patrioten / Nationalisten sozusagen Programm. Vermutlich stammt das noch aus Zeiten, als die Verengung der Perspektive objektive Gründe hatte, z.B. weil Werke fremdsprachiger Autoren am Markt nicht erhältlich waren. Festsellen lässt sich, dass das Interesse der Schülerschaft für die nationalen Kulturgüter so ziemlich gegen Null geht und die in der Schule als bedeutend für die Nationalkultur behandelten Werke nicht anschlussfähig sind, bzw. so, wie sie unterrichtet werden, nicht anschlussfähig sind. Die Divina Commedia z.B. wird in italienischen Schulen drei Jahre lang behandelt. Danach ist das Thema Dante für die Italiener aber durch und de facto ist das Werk nicht anschlussfähig. Der Autor dieser Zeilen hat über das Opus mal eine fette Website produziert, www.divina-commedia.de. Das Teil ist nur verständlich, wenn man Zeile für Zeile auseinandernimmt, wobei verständlich dann nicht gleichzusetzen ist mit bedeutsam. Die italienischen Schüler machen also das gleiche, was deutsche Schüler machen, wenn Faust behandelt wird, was französische Schüler machen, wenn Racine behandelt wird, was spanische Schüler machen, wenn der Don Quijote, iranische Schüler, wenn Ferdousi etc. behandelt wird oder englische Schüler, wenn Hamlet auf dem Lehrplan steht. Sie halten sich an die Kurzfassung bei Wikipedia bzw. an youtube videos. (Der Quijote wäre im übrigen anschlussfähig, allerdings braucht es dann ein schlüssiges didaktisches Konzept, siehe https://www.spanisch-lehrbuch.de/uebungen/level3_hoerverstaendnis/literatur/Don_Quijote/Don%20Quijote_es_de.pdf.) Also mit nationalem Geschwurbel lockt man Schüler nicht hinterm Ofen hervor. Auffallend ist, dass Diktaturen stärker noch als Demokratien bestrebt sind, einen einen einheitliche Volkskörper zu schaffen.

Der ganze Patriotismus / Nationalismus Kram ist eigentlich ein ziemlicher Anachronismus, ist aber nicht das interessante Phänomen. Das interessante Phänomen ist die Tatsache, dass reine Wortkonstrukte, die eigentlich überhaupt keinen Sinn ergeben, zum Sehnsuchtsort mutieren.

 

„Die Berliner Burschenschaft Gothia bekennt sich zum deutschen Vaterland als der geistig-kulturellen Heimat des deutschen Volkes. Das deutsche Volk ist für uns die Gemeinschaft, die durch gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur, verwandtes Brauchtum und gleiche Sprache verbunden ist. Deshalb sehen wir es als unsere Pflicht an, auf die freie Entfaltung unseres Volkes in einem einigen Europa freier Völker hinzuwirken.“

aus: https://www.gothia.de/index.php/gemeinschaft-lebensbund

Die reden jetzt zwar nicht mehr von der abendländisch christlichen Kultur, was ja an sich schon Unsinn ist, es gibt auch Christen im Morgenland, die Äthiopier z.B. sind Christen, sondern sind noch eine Spur abstrakter und reden lediglich von der geistig – kulturellen Heimat des deutschen Volkes, aber damit wir das ganze nur noch unsinniger, weil es gar nichts Konkretes mehr gibt. Bei den youngsters von Burschenschaft Gothia scheint irgendwie der Deutschunterricht an der Penne total versagt zu haben, woraus der Autor schließt, dass das Fach Deutsch kein sinnvoller Ansatz ist. Würde irgendjemand unter normalen Leuten vom geschichtlichen Schicksal der Deutschen sprechen, wäre das zwar entsprechend verpackt Comedy tauglich, aber ziemlich befremdlich, wenn es ernst gemeint ist. (Zumal der Begriff geschichtliches Schicksal ein Widerspruch in sich ist. Schicksal verweist auf einen Endpunkt, die Geschichte jedoch auf die Vergangenheit. Der Begriff geschichtliches Schicksal würde bedeuten, dass die Geschichte zielstrebig auf einen Endpunkt zuläuft. Der Meinung war auch Karl Marx, im übrigen durchaus ein Vertreter deutscher Kultur, aber damit lag er völlig falsch.) Bei der gleichen Kultur haben sie eben das Problem, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen so richtig konkret mit dem Begriff „deutsche Kultur“ gar nichts anfangen kann und auch den Burschenschaftlern nicht so richtig klar ist, was sie eigentlich darunter verstehen. Sich für die freie Entfaltung des deutschen Volkes einzusetzen, ist nicht falsch, aber daran wird ja weiß Gott auch niemand gehindert. Die Gefahr besteht eher darin, dass ohne internationale Organisationen, die Kompromisse notwendig machen, das deutsche Volk unter Umständen in seiner Freiheit eingeschränkt wird. Also nicht kulturell, sondern ökonomisch und verdammt konkret.

 

Fazit:

1) Die harmlose Variante des Patriotismus / Nationalismus finden wir bei den Manschaftsportarten und in geringerem Maße bei Individualsportarten. Die Identifikation mit einer konkreten Mannschaft ist zwar auch dort etwas rätselhaft, ist aber für die Dynamik der Emotionalisierung notwendig. So ganz minimal ist die Identifierung mit der jeweiligen Nationalmannschaft plausibler, als mit irgendeiner Mannschaft. (Nur auf Vereinsebene ist die Identifikation dann völlig willkürlich, aber eben für die Dynamik notwendig.)

2) Weniger harmlos, da ist die Gefahr, dass die Situation umkippt dann größer, ist der Patriotismus / Nationalismus, der auf einem Gefühl der Bedrohung beruht, was z.B. dann der Fall ist, wenn durch eine Umverteilung zugunsten der offziellen Mitbürger deren Einkommensituation verbessert werden kann. Für diese Umverteilung bedarf es dann einer Rechtfertigung und die bietet dann die hypostasierte nationale Identität.

3) Nachvollziehbarer wird der Patriotismus, wenn er sich auf konkrete Werte bezieht, bzw. auf unterschiedliche Vorstellungen bzgl. der Regierungsform. Die Ukrainer z.B. haben derzeit überhaupt kein Interesse, von der russischen Konföderation befreit zu werden, weder die Ukrainer mit Ukrainisch Muttersprache noch die Ukrainer mit Russisch Muttersprache. In diesem Fall geht es weniger um patriotische Worthülsen, also um höchst konkrete Sachverhalte.

4) Dann gibt es noch sowas wie die Burschenschaften, wo sich das nichts im nichts spiegelt. Hier fehlt zwar das Moment der Bedrohung, aber es begeistern sich in diesem Fall Leute für etwas, was es schlicht gar nicht gibt. Wer will, kann das à la Nietzsche romantisch finden: Wenn die Sehnsucht vergeht, bleibt die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Wir haben hier Gemüter, die von irgendwas tief ergriffen sein wollen, aber kein Objekt gefunden haben, dass sie ergreifen könnte. Das ist zwar zugegebenermaßen harmlos, kann aber umschlagen in weniger harmlose Varianten.
Zum einen ist dann bereits eine Disposition zur Instrumentalisierung der Verehrung des Vaterlandes vorhanden, zum anderen ist die Erfahrungsschicht recht dünn, wenn der Sehnsuchtsort das nichts ist.

5) Am ehesten kann man der Sprache sowas wie eine Identität beimessen und Konflikte bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen entzünden sich oft an der Sprache: Kurdisch <=> Türkisch, Amhara <=> Oromo, Französisch <=> Englisch, Azerbaijanisch <=> Farsi, Russisch <=> Ukrainisch, Baskisch <=> Spanisch etc.. führen immer mal wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Bei Sprachen kann man auch tatsächlich nachvollziehen, dass jemand aus seiner Heimat vertrieben wird, wenn die Muttersprache offiziell nicht anerkannt wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.