staunen, nicht ärgern

ein rätselhaftes Phänomen: der Patriot

Bezüglich dieser zwei Szenarien, trifft sogar die medial verbreitete These mehr oder weniger zu: Der Patriot liebt sein Land, der Nationalist hasst andere Nationen, beziehungsweise fühlt sich diesen überlegen. So weit so klar. (Wir sehen jetzt mal davon ab, dass der Auftritt „der Mannschaft“ am Brandenburger Tor ein ziemlicher Griff ins Klo war: https://www.youtube.com/watch?v=3NHFxa6zB_c . Bisschen atavistisch die Vorstellung, hat was von Gorilla, bei der sich der Silberrücken nach gewonnener Schlacht auf die Brust trommelt. Also wenn nicht gerade Hooligans auf der Piste sind, ist Fußball eine relativ friedliche Angelegenheit.)

Allerdings stellt sich bei dem ersten Szenario, als dem public viewing, die Frage, wo man das einsortiert. Im Grunde besteht ein starke Ähnlichkeit zur fußballtypischen Fankultur im Allgemeinen. Ähnliche Bilder hat man, wenn ein Verein gegen einen anderen spielt. (Wobei auch hier die Stimmung kippen kann. Feucht fröhlich kann da leicht zu körperlichen Auseinandersetzungen führen, was den Steuerzahler teuer zu stehen kommen kann, wenn der Einsatz der Polizei nicht von den Vereinen getragen wird.) Eine Ähnlichkeit zwischen Patriotismus / Nationalismus besteht lediglich insofern, als in beiden Fällen, bzgl. Patriotismus / Nationalismus siehe unten, die Emotionen, die entfacht werden, gar nicht von etwas Spezifischem ausgelöst werden. Vereine sind ein reines BWL Thema. Agiert ein Verein wirtschaftlich geschickt, kann er sich weltweit die besten Spieler einkaufen. Ein Verein kann eine internationale Truppe sein, die von einem russischen Oligarchen finanziert wird und von einem Deutschen trainiert wird. Ein Bezug zu irgendeiner Stadt, z.B. Chelsea und London, muss also überhaupt nicht bestehen und der einzige konkrete Bezugspunkt könnte der Ort sein.Insofern sind Manschaftsspiele, am prominentesten eben Fußball, einzigartig. Normalerweise ist es irgendwas Konkretes, was die Leute begeistert, beim Fußball allerdings haben wir es mit Gebilden zu tun, die nichts Spezifisches haben. (Außer eben der Tatsache, dass die finanzielle Ausstattung unterschiedlich ist.) Die emotionale Dynamik, es gibt ja Leute, die am Boden zerstört sind, wenn „ihre“ Mannschaft verliert, ergibt sich folglich aus einer rein zufälligen Identifikation oder aus der Tatsache, dass die Fans Unterschiede machen, wo objektiv keine bestehen. Kommentare dieser Art finden sich tausendfach im Netz.

„Ich brauche nicht die große Explosion, aber ich will das Feuer, das die Spieler in sich tragen, auf dem Platz sehen. Und über viele Jahre bekamen wir genau das von unserer „Alten Dame“. Nach einigen Sportschau-Abenden mit meinem Vater hab ich ihn also gefragt, ob wir mal ins Stadion gehen könnten.“

aus: https://herthabase.de/2022/02/18/warum-ich-hertha-so-liebe/

Das Feuer bildet er sich ein. Die Jungs gehen zu dem Verein, der am meisten bezahlt.

Vordergründig handelt es sich beim Patriotismus / Nationalismus um was anderes. Der Begriffe verweisen ja schon auf die Tatsache, dass die Begeisterung durch etwas Spezifisches hervorgerufen wird, wobei allerdings relativ unklar ist, was das sein soll. Hypostasiert wird ein im Zeitablauf stabiles Gebilde mit spezifischen Eigenschaften, wobei aber in allen westlichen Industriestaaten sich die gleichen kulturellen und politischen Strömungen finden lassen. Das einzige, was mehr oder weniger spezifisch ist, ist die Sprache.

Die Unterscheidung zwischen Patrioten und Nationalisten, also der eine liebt sein Vaterland, hasst aber die anderen nicht, wohingegen der andere nicht nur sein Vaterland besonders liebt, sondern obendrein noch die anderen hasst, ist keine empirisch besonders belastbare These, weil die Grenzen doch sehr fließend sind. Beide, wir sehen das aktuell bei Eric Zemour in Frankreich, haben eine ziemliche Präferenz für ihre Volksgenossen. Eric Zemour will z.B. Sozialhilfe für Nicht-Franzosen streichen und dafür die Steuerlast für einkommenschwache Familien senken. Das wäre eine Umverteilung von 20 Milliarden Euro.

Er hasst zwar die Algerier, Marokkaner, Tunesier etc. nicht, aber er will ihnen die Sozialhilfe streichen und am liebsten gleich aus dem Land befördern und so ähnlich steht das ja auch im Wahlprogramm der AFD und in allen Wahlprogrammen der wahren Patrioten. Alle wahren Patrioten also RECONQUÊTE in Frankreich, AFD in Deutschland, Lega Nord in Italien, España en Marcha in Spanien und was es sonst noch alles gibt, fühlen sich bedroht von einer Umvolkung, befürchten also, dass eine hypostasierte nationale Identität durch Migrationsbewegungen bedroht ist. Die Grenze zwischen das Fremde als Bedrohung empfinden und Hass auf das Fremde empfinden, sind also in der Praxis fließend. Der Nationalsozialismus hat andere Nationalitäten auch nicht gehasst, er fand lediglich, dass Deutschland mehr agrarisch nutzbare Flächen braucht und billige Arbeitskräfte, was ja rein ökonomisch gesehen blanker Unsinn war. Es bestand noch nie Mangel an Land, das Problem ist Wasser und bei einem Heer von Arbeitslosen, besteht auch kein Mangel an billigen Arbeitskräften. Das Problem hätte er schon in Brasilien betrachten können. Sklaven sind eine extreme Art von Lohndumping, da waren die Arbeiter europäischer Abstammung überhaupt nicht amused. Eindringlich wird das beschrieben in dem Roman von Aluisio Azevedo, O Cortico, siehe https://www.portugiesisch-lehrbuch.de/content/literatur/Azevedo/index.htm.

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