staunen, nicht ärgern

Wie bringt man eine Gesellschaft auf Linie

Hinter dieser schlichten Frage, verbirgt sich eine andere Frage. Welche Rolle spielen eigentlich Ideologien, Einstellungen, Glaubensbekenntnisse etc. bei der Herausbildung einer stromlinienförmigen Gesellschaft? Präziser: Sah sich der Ingenieur, der die Panzer, Geschütze, U-Boote baute als Teil eines Abwehrkampfes gegen den Bolschewismus oder wollte er schlicht gutes Geld verdienen und Karriere machen?

Konnte der General und alle, die ihm die nötigen Resourcen lieferten, tatsächlich beurteilen, inwiefern die Auslöschung Vietnams im Zuge der Containment Policy von Harry Truman Sinn machte oder hat ihn das schlicht nicht weiter interessiert?

Der Kalte Krieg war, zumindest vordergründig, ein Konflikt zwischen zwei Wirtschaftsystemen, allerdings hat man bei keinem der Beteiligten den Eindruck, dass sie von Wirtschaft allzuviel verstanden und derzeit ist ein Misch aus marktwirtschaftlicher Ordnung und zentraler Lenkung, siehe China, außerordentlich erfolgreich. (Was nicht heißen soll, dass das auch in Zukunft so sein wird, aber es reicht um sich klar zu machen, dass eine tiefere theoretische Durchdringung, so wir den kalten Krieg als die Konfrontation zweier unterschiedlicher wirtschaftlicher Ordnungen verstehen und nicht als reine Auseinandersetzung um Macht, zielführender gewesen wäre und ist, als billionenschwere Ausgaben in Rüstung.)

Der Vertreter, der mit der These, dass das nationalsozialistische Terroregime Ideologie geleitet war, am meisten Furore gemacht hat, war David Goldhagen. Die Kernfrage, die er sich stellte, fasst Wikipedia korrekterweise folgendermaßen zusammen.

„Warum fand Hitler für sein Ziel – die Vernichtung der Juden – so viele Unterstützer und warum traf er auf so wenig Widerstand? Wie konnten die Deutschen so beispiellose Verbrechen verüben bzw. zulassen?“

aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Goldhagen

Die Ursache des Holocaust sieht er dann in einem eliminatorischen Hass auf Menschen jüdischen Glaubens, bzw. auf Menschen, denen die Nationalsozialisten einen jüdischen Hintergrund andichteten, was dazu führte, dass die Judenverfolgung selbst dann noch andauerte, als die Täter bei nicht Erfüllung ihrer Pflichten keine Sanktionen mehr fürchten mussten. Von allen anderen in der Öffentlichkeit bereits breit diskutierten Problemen, selektive Auswertung der Dokumente, geringe statistische Relevanz, europaweite Verbreitung des Antisemitismus, Kooperation von Vichy Frankreich bei der Judenverfolgung etc.. bleibt ein Hauptproblem.

Der Holocaust war nur möglich, zumindest was Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Griechenland etc. angeht, aufgrund des Überfalls dieser Länder durch das nationalsozialistische Deutschland, was wiederum nur möglich war, weil die gesamte Bevölkerung auf Linie gebracht worden war. Er hätte also nachweisen müssen, dass ausschlaggebend für die Unterstützung des nationalsozialistischen Systems nicht die Verfolgung persönlicher Interessen war, sondern ein tief verankerter Antisemitismus. Der Nachweis lässt ich im Nachhinein schlecht führen, aber es entspricht common sense, dass ökonomische Motive sehr viel stärker wirken als Ideologien. Was den Ingenieur dazu antrieb Stukas zu bauen, war das berufliche Fortkommen, nicht der Antisemitismus. Zumindest an einem prominenten Beispiel lässt sich das gut zeigen. Wernher von Braun wollte beruflich weiterkommen, wo sein Raketen landeten, war ihm völlig egal.

Es gibt eine breite Tendenz, in der öffentlichen Wahrnehmung unter Umständen noch viel stärker als in der Geschichtwissenschaft, Ideologien als bestimmende Elemente totalitärer oder autoritärer Staaten zu betrachten. Die Wahrheit dürfte viel schlimmer sein. Um den Leuten eine Ideologie ins Hirn zu hämmern, braucht es beträchtliche Resourcen und selbst dann dürfte es unmöglich sein, eine Ideologie so tief im Bewußtsein der Menschen zu verankern, dass die Ideologie bestimmend für das Handeln ist. Die Wahrheit ist eher, dass es nur minimale positive Incentives bzw. minimale Sanktionen braucht, um eine Gesellschaft auf Linie zu bringen, bzw. ein vom Regime gewünschtes Verhalten zu zeigen. Einzelne Gruppen mögen an den ideologischen Hokuspokus tatsächlich glauben, für die Gesamtgesellschaft spielt sie keine Rolle.

Letztlich zielte die Ideologie des Nationalsozialismus ja auch auf ökonomische Ziele. Ökonomisch ist das zwar Unsinn, weil „Kapital“ im Sinne von nicht konsumierten Einkommen der Vergangenheit ökonomisch bedeutungslos ist, das ist auch der Grundfehler bei Karl Marx, siehe www.economics-reloaded.de, folglich die „Arisierung“ jüdischen Vermögens weitgehend sinnfrei war und Boden in modernen Volkswirtschaften keine Rolle spielt und infolgedessen kein Bedarf bestand an Lebensraum im Osten, aber für ökonomische Laien ist das so interessant wie für Hernán Cortez das Gold von Mexiko, was ebenfalls ein ökonomischer Trugschluss war und Spanien lediglich eine mächtige Inflation, aber keinen Reichtum bescherte. Es geht also letztlich auch beim Nationalsozialismus nicht um Ideologie sondern um ökonomische Incentives.

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