staunen, nicht ärgern

Was heißt eigentlich Intuition ?

Bekanntlich gibt es keine Wörter, für Dinge, die es schlicht nicht gibt, weder real noch in der Vorstellungskraft. (Wobei es natürlich viele Dinge gibt, real, in der Vorstellungswelt, in der Wahrnehmung etc. für die es keine Wörter gibt. Wittgenstein liegt da also völlig falsch, siehe https://theatrum-mundi.de/wittgenstein-und-der-ewige-kalauer-von-der-sprache-die-die-grenzen-der-welt-bedeuten/.)

Da es also das Wort Intuition gibt, in der Vorstellungswelt mancher Leute, muss es irgendwas in der Vorstellungswelt geben, worauf dieser Begriff zielt. Es gibt schlicht keine Wörter, die vollkommen ins Leere zielen, was im übrigen auch für Wortneuschöpfungen aller Art gilt, siehe https://theatrum-mundi.de/die-bildung-von-neologismen-liegt-unterhalb-der-schwelle-des-bewusstseins/).

Bei Wikipedia hat sich mal jemand ausgetobt und versucht, den Begriff irgendwie näher zu bestimmen.

Intuition (von mittellateinisch intuitio = unmittelbare Anschauung, zu lateinisch intueri = genau hinsehen, anschauen) ist die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen zu erlangen, ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes, also etwa ohne bewusste Schlussfolgerungen. Intuition ist ein Teil kreativer Entwicklungen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Intuition

Da werden Sie geholfen! So schwurbelig geht das dann weiter.

Mit Intuition kommt man in unterschiedlichen Situationen in Kontakt z.B. wenn wir Leute aufgrund Kleidung, Sprache, Aussehen ablehnen bzw. sympathisch finden. Vermutlich (???) beruht die Einschätzung dann auf Vorerfahrungen. Kleidet sich z.B. jemand wie anno dazumal, dann vermuten wir, dass er auch mental im anno dazumal stecken geblieben ist. Wir bilden Gruppen, unbewusst und da sortieren wir die Leute ein, korrekterweise oder inkorrekterweise. Betritt jemand donnernd den Saal, tritt forsch auf, dann vermuten wir vielleicht eine Persönlichkeit mit wenig Empathie; oder eben einen Strahler Siebzig, der Gruppen mitreißen kann. Also je nachdem. Wir beurteilen die Modulation der Stimme, wenn uns jemand grüßt und modulieren unsere Stimme intuitiv, je nachdem wenn wir grüßen. Ein Kind grüßen wir anders, mit einer anderen Modulation, also einen Erwachsenen. Wie wir das tun, um mal ein Beispiel zu nennen, ist intuitiv.

Intuition begegnet uns wohl nur in der Einschätzung menschlichen Gewusels und die adäquate oder auch nicht adäquate Reaktion auf selbiges. Intuition dürfte also viel zu tun haben mit der Fähigkeit, sich in andere Hineinzuversetzen. Man braucht nicht viel Phantasie um sich klar zu machen, dass die Modulation der Stimme eines Arztes, der einem Patienten nach seinem Befinden fragt, völlig anders ist, als wenn man ein Kind nach seinem Befinden fragt, wobei es manche Ärzte schaffen, diese Frage ziemlich dumpfbackig zu stellen, was dann wiederum dazu führte, dass angehenden Mediziner hier geschult werden. Um mal ein Beispiel zu nennen, das zeigt, dass man Intuition auch lernen kann.

Außerhalb des menschlichen Gewusels wird uns der Begriff nie begegnen, bzw. wenn er uns begegnet, wird er falsch verwendet. Wenn der ADAC Mitarbeiter intuitiv davon ausgeht, dass das Auto nicht anspringt, weil die Batterie alle ist, dann meint er eigentlich, dass er das vermutet. Die Vermutung ist was total anderes. Bei der Vermutung haben wir mehrere Alternativen zur Erklärung eines Phänomens und die gewählte ist die subjektiv wahrscheinlichste; aufgrund von Erfahrung, logischen Schlussfolgerungen oder im gegebenen Kontext. Vermuten ist ein durch und durch rationaler Vorgang. Der Begriff vermuten beinhaltet sachlogisch schon das Vorhandensein von Alternativen. Ein Arzt, der intuitiv davon ausgeht, dass der Kreatin Wert zu hoch ist, sollte vielleicht doch mal eine Blutbild erstellen lassen um sich durch die Eliminierung von möglichen anderen Erklärungsmustern langsam an die Wahrheit anzunähern.

Die Intuition ist keine bewusste Auswahl aus mehreren Alternativen. Dass man ein weinendes Kind nicht mit donnernder und forscher Stimme nach seinem Befinden fragt, sondern stimmlich versucht, einen Zugang zu finden, setzt keine bewusste Auswahl voraus. Jemand, der das nicht kapiert, ist eben eine Dumpfbacke, die korrekte Alternative hat er schlicht nicht im Repertoire. (Unter Umständen, weil er in einem Millieu aufgewachsen ist, indem nur eine enge Bandbreit an Emotionen erfahrbar war.)

Wir können also festhalten. Intuition kann sich nur auf menschliches Gewusel im weitesten Sinne beziehen, unmittelbare zwischenmenschliche Beziehung, Kunst, Literatur, Musik, Einschätzung von anderen und die Einstellung zu gesellschaftlichen, politischen Konstellationen etc.. Intuition findet als in Bereichen statt, wo eine objektive Einschätzung der Situation schlicht nicht möglich ist. Man kann z.B. ahnen oder intuitiv erfassen, dass die 100 prozentigen immer der gleiche Menschenschlag sind. Die 100 prozentigen Kommunisten, 100 prozentigen Patrioten, die 100 prozentigen Anhänger der freien Marktwirtschaft etc.. diesselbe Charakterstruktur haben. (Was man in diesem Falle sogar beweisen kann, denn die Strukturen, die diese Strömungen schaffen, gleichen sich wie ein Ei dem anderen.)

Jenseits dieser Binse, wird es dann schwierig. Eine der besten Beschreibungen von Intuition finden wir im Torquato Tasso von Goethe. Die Beschreibung ist zwar viel Goethe und wenig bis nix Torquato Tasso, aber hier wird mal höchst intuitiv Intuition beschrieben.

1) Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
2) sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
3) was die Geschichte reicht, das Leben gibt,
4) sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
5) Das weit Zerstreute sammelt sein Gemüt,
6) und sein Gefühl belebt das Unbelebte.
7) Oft adelt er, was uns gemein erschien,
8) und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts.

ad 1) Normalerweise sind Menschen stark eingebunden in einen konkreten Kontext und versuchen innerhalb dieses konkreten Kontextes ihre Ziele zu verwirklichen. Wer erfolgreich sein will, muss fokusiert sein. Das Denken in größerem Zusammenhängen, makroökonomisch oder gesamtgesellschaftlich ist eher selten. Der Börsenmakler z.B. denkt nicht darüber nach, ob Spekualationen überhaupt Sinn machen, um mal ein konkretes Beispiel zu nennen. Dichter, also zumindest die, deren Werke zum kollektiven Bewußtsein der Menschheit gehören, weil sie allgemeingültige Erfahrungen festhalten, sind da eine andere Nummer. Sie sind das, was umgangsprachlich Träumer nennt, was im allgemeinen Verständnis negativ, weil wenig fokusiert, konnotiert ist.

ad 2) Also den Einklang der Natur vernimmt das Ohr auf keinen Fall so konkret kann Goethe das nicht gemeint haben. Den Einklang der Natur sieht man höchstens im Reagenzglas unter dem Elektronenmikroskop, wenn man die molekularbiologischen Prozesse versucht nachzuvollziehen. Einklang der Natur ist also eine Metapher. Jenseits der menschlichen Irrungen und Wirrungen aus Irrtum, Ehrgeiz, Geltungssucht, gibt es eine objektive Ordnung, die der Dichter, in diesem Falle Goethe / Torquato Tasso, sucht. Das kann dann alles mögliche sein. Im Faust z.B. ist es die übergeordnete Ordnung des Universums.

Die Sonne tönt, nach alter Weise,
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.

Unter dieser Ebene findet dann das menschliche Gewusel statt. (Was ja schon an und für sich das Projekt des Mephistopheles zum Scheitern verurteilt. Der beschäftigt sich mit dem menschlichen Gewusel und sieht das durchaus realistisch und mit viel Mutterwitz. Allerdings agiert er auf einer Ebene, den den ehernen Gang der Welt nicht berührt.)

Der Dichter ist also wenig fokusiert, die Ziele, die in einem engen Kontext sinnvoll sind, bedeuten ihm nichts.

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Wer so drauf ist, sucht nach größeren Sinnzusammenhängen.

(Wobei Goethe, wie bekannt, eher für ein tätiges Leben plädierte Spute dich, Kronos! / Fort den rasselnden Trott!…. )

ad 3) 4): Das heißt erst Mal nur, dass der Dichter über die Geschichte und das Leben intensiver nachdenkt als seine Zeitgenossen.

ad 5) Weit zerstreut beinhaltet eine Wertung. Der Dichter verbindet also Dinge, bei denen Normalsterbliche keine Verbindung sehen. Wenn man sich das an einem Beispiel klar machen will. Normalsterbliche würden den kalten Krieg als eine Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft betrachten, denn vordergründig war er ja das. Vordergründig war es ein Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Wirtschaftssystemen. Nicht weit zerstreut wäre also eine Diskussion über den Preis bei Marx, inkorporierte Arbeit und dem Preis in der Marktwirtschaft, da ist er ein Knappheitsindikator und Steuerungsinstrument für die Resourcenallokation. Weit zerstreut wäre dann eine ganz andere Perspektive. Überlegen könnte man sich auch, ob der Konflikt tatsächlich in den unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Auffassungen lag, oder ob es nicht schlicht um Machterhalt ging, siehe https://theatrum-mundi.de/oekonomen-im-westen-oekonomen-im-osten-und-des-kaisers-neue-kleider/. Professoren der Wirtschaft im Osten und im Westen werden dann über die organische Zusammensetzung des Kapitals oder irgendwas in der Art diskutieren, aber tatsächlich geht es natürlich erstmal ganz konkret um ihren Job. Um zwischen dem weit zerstreuten eine Verbindung herstellen zu können, muss man ein bisschen außerhalb des menschlichen Gewusels stehen. Um mal ein prominentes Beispiel zu nennen. Verfügt der Leser über Intuition, werden ihm noch andere Beispiele einfallen. Das ein grundsätzliches Problem der Dichtung. Ihre Entstehung verliert sich etwas im Dunkeln, ist ein intuitive Angelegenheit. Allerding verliert sich die Rezeption selbiger ebenfalls im Dunkeln.

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