staunen, nicht ärgern

Die Bildung von Neologismen liegt unterhalb der Schwelle des Bewußtseins

Unter Neologismen versteht der Autor jetzt keine Komposita, also zusammengesetzte Wörter wie Lampenschirm, Käsekuchen, Uhrwerk etc.. weil diese, insofern es sich um neue Wörter handelt, nicht die nötige Stabilität aufweisen, sie werden spontan jeden Tag Millionenfach gebildet und verschwinden auch wieder. Sagen kann man aber, dass auch die Bildung von Komposita Regeln folgen, die unterhalb der Schwelle des Bewußtseins liegen. Es gibt für die Bildung von Komposita Regeln und diese werden auch angewendet, allerdings ohne dass dem Sprecher diese Regeln bekannt sind. Die Regel ist die: Komposita setzen sich zusammen aus Determinans (das Bestimmende) und Determinatum (das Bestimmte). Ein Freizeitpoet ist also ein Poet, Poet ist das Bestimmte, der durch die Freizeit näher spezifiziert wird, die Freizeit ist Bestimmende. Die Struktur ist jedem Deutsch Muttersprachler bekannt. Ein Segelschiff ist ein Schiff, wohingegen ein Schiffssegel ein Segel ist. Nach diesem Schema kann man dann Millionen neuer Wörter bilden, Badewannenmusiker, Brötchenmaler, Maschinenstrafssteuer, Riesterrente, Hausatmosphäre etc. etc..

Das zugrunde liegende Problem ist immer dasselbe. Sprache ist das einzige System, das ein Regelwerk hat, das man nicht kennen muss, um die Regeln korrekt anzuwenden. Das wiederum bringt viele Leute auf die Idee, dass man eine Sprache so lernen soll, wie seine Muttersprache, also ganz ohne Grammatik und mühelos. Die Tatsache, dass man eine Sprache ohne bewußte Reflexion über das Regelwerk lernen kann, heißt aber noch lange nicht, dass diese Methode besonders effizient ist. Beim Erwerb der Muttersprache scheiden alle Alternativen aus, ein Baby beizugiegen, was ein Akkusativ ist, dürfte schwierig sein. Sind aber die Regeln der Muttersprache bekannt, so sind Transferleistungen in andere Sprachen möglich, das geht dann bedeutend schneller.

Corona hat uns nun ein paar Neologismen beschert, z.B. verimpfen, die linguistisch kurios sind, siehe https://theatrum-mundi.de/wortschoepfungen-in-zeiten-von-corona-verimpfen-und-eintrag/ und https://theatrum-mundi.de/wortschoepfung-in-zeiten-von-corona-der-impfling/.

Wird der Impfstoff von Biontech verimpft, dann wird er nicht einfach nur geimpft, sondern es wird solange geimpft, bis kein Impfstoff von Biontech mehr da ist. Vermutlich ist unbewusst das Wort verbrauchen präsent. Noch kurioser ist der Impfling, denn der passt nicht in die Reihe. Wörter auf -ing bezeichnen eine Zustand, Flüchtling, Sonderling, Lehrling, Liebling etc.. Der Impfling ist aber nicht geimpft, sondern ist ganz im Gegenteil jemand, der noch geimpft werden muss. Er ist sozusagen ein Anwärter auf eine Impfung, wohingegen der Flüchtling nicht jemand ist, der in Zukunft noch flüchten muss und der Sonderling ist auch nicht jemand, der in Zukunft sonderbar wird. Wir haben hier eine Lücke, bzw. es gibt einfach keine Möglichkeit, aus dem bestehenden Rerservoir an produktiven Systemen, einen zutreffenden Neologismen zu bilden, was dazu führt, da ein heftiger Bedarf besteht nach einem Ausdruck, der den Sachverhalt beschreibt, dass das bestehende System durchbrochen wird. Das dürfte grundsätzlich so sein, weshalb sich letztlich auch alle Sprachen ähneln.

Der Deutsch Muttersprachler würde diesen Satz verstehen: Die Vermeidung eines weiteren Lockdowns wurde mühsam erimpft. Das Wort erimpfen würde für den Deutsch Muttersprachler bedeuten, dass durch eine intensive Ausübung der durch das Verb beschriebenen Handlung ein Ziel erreicht wurde. Vermutlich würde unbewusst ein Zusammenhang hergestellt zu erreichen, erschaffen, erlangen, ersteigen, erarbeiten etc… Das Kuriosum besteht darin, dass die Bedeutung des Wortes erimpfen erfasst würde, ohne das hierüber weiter reflektiert wird. Die Bildung von Neologisem spielt sich also unterhalb der Schwelle des Bewusstseins ab. Man kann zwar darüber nachdenken und mögliche Erklärungen finden, aber spontan erfolgt die Bildung solcher Neologismen ohne eine bewusste Reflexion.

Sprachpuristen machen sich jetzt Sorgen um die deutsche Sprache, weil diese zunehmend durch Anglizismen angereichert wird. Die Wahrheit dürfte schlicht die sein. Es werden ständig neue Wörter kreiert und die Entlehnungen aus dem Englischen machen hierbei nur einen Bruchteil aus und „deutsche“ Neologismen können, wie der Impfling, ziemlich systemwidrig sein. Hätte das Englische ein Wort für den Impfling, dann hätte man diese Wort übernehmen können, allerdings hat auch das Englische hierfür keine Begriff. Das Englische schafft es wahrscheinlich nicht mal bis zu verimpfen, das ist das Deutsche anpassungsfähiger. Entstehen Lücken, so werden neue Begriffe geschaffen, was ganz unterschiedliche Gründe haben kann. Für overdressed und underdressed hat das Deutsche kein Äquivalent, man müsste auf eine Umschreibung zurückgreifen, die aber nicht so flexibel ist. Overdressed heißt, dass die Kleidung im gegebenen Kontext zu formel, zu elegant, zu teuer etc. war. Der Begriff Absatzwirtschaft für Marketing wäre schlicht falsch und jeder andere Begriff, hätte eine ähnliche Verengung der Perspektive. Marketing umfasst Kommunikationpolitik, Preispolitik, Distributionspolitik, Kundenorientierung. Absatzwirtschaft stellt mehr auf rein technisch, organisatorische Zusammenhänge ab.

Neue Wörter entstehen auch, wenn sie atmospärisch einen Zustand besser beschreiben. Rumhängen und chillen ist wohl nicht das gleiche. Wer rumhängt, hängt auch irgendwie durch, aber wer chillt, der ruht sich aus, aber vermutlich sehen Sprachpuristen das Abendland durch beide Verben bedroht. Man kann sich natürlich auch über Wörter wie abturnen aufregen, hier wird ja ein englisches Wort durch ein im Deutschen produktives System ergänzt (abdrehen, ablaufen, abgeben etc..), aber Systembrüche können wir auch mit rein deutschen Wörtern haben.

Das Schema mit den Anglizismen ist also das gleiche wie das, was wir nun schon seit mehreren Tausend Jahren erleben. Gibt es Lücken, so wird diese Lücke durch irgendeinen Neologismus gefüllt. Das einzig neue ist, dass keine komplett neuen Wörter mehr geschaffen werden und selbst Produktnamen wie Persil sind keine neuen Wörter. Persil kommt von (Perborat / Silikat), Ariel ist wahrscheinlich ein echter Engel und greift der Hausfrau unter die Arme, die Colgate hat ihren Namen vermutlich von William Golgate, seines Zeichens ein Seifenfabrikant, die Flora Soft ist eben pflanzlich und lässt sich gut streichen. Also hier hätte man auch schlicht neue Wörter bilden können. Bei Rama war das vermutlich so, kaum anzunehmen, dass der Erfinder dieser Margarine ein Fan des gleichnamigen Stammes in Nicaragua war. Komplett neue Wörter sind aber äußerst selten.

Die Sprachpuristen müssten mal abschließend klären, wie konkret sie Lücken füllen wollen. Gibt das System einer Sprache den benötigten Neologismus nicht her, dann kann man entweder ein komplett neues Wort kreeieren, was heutzutage praktich nie passiert, oder ihn aus einer Sprache entlehnen, die die Lücke schon gefüllt hat.

 

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