staunen, nicht ärgern

AFD: Im Wahnsinn des Einzelnen / zeigt sich die Wahrheit der Gattung

Die AFD ist an und für sich kein besonders interessantes Phänomen, auch wenn sie die Klaviatur des Erregungsjournalismus perfekt beherrscht. Haut Björn Höcke eine steile These raus und einen richtig knackigen Spruch, dass rattert das quer durch alle Medien. Würde man über den Quark einfach nicht berichten, wäre er halt ein armer Irrer, wie sie zuhauf durch die Republik laufen. Wenn ihm das Spaß macht, kann er ja seine Männlichkeit für sich entdecken, https://www.youtube.com/watch?v=dvFJiPv93gc. Normalerweise würde man solche Leute in die Psychiatrie schicken, aber massenmedial aufbereitet setzt es den Erregungsmechanismus in Gang und der bringt nun mal Clicks und Auflage.

Streckenweise hat die AFD, z.B. in der Wirtschaftpolitik, Argumentationsmuster, die weit verbreitet sind und das ist dann schon interessanter, vor allem dann, wenn diese irrigen Vorstellungen im akademischen Umfeld vertreten werden. Der Häuptling der AFD, also Jörg Meuthen, behauptet ja im ZDF-Sommerinterview für den größten Teil des AFD Wahlprogrammes nicht verantwortlich zu sein, https://www.zdf.de/politik/berlin-direkt/berlin-direkt—sommerinterview-vom-18-juli-2021-100.html, man kann aber davon ausgehen, dass er an dem Teil, der die Wirtschaft betrifft, mitgepinselt hat. Der Mann ist DIPLOM VOLKSWIRT und Professor für VOLKSWIRTSCHAFTLEHRE. Wir lernen also, dass man VWL studieren kann und eigentlich trotzdem elementare Zusammenhänge nicht verstehen kann und wir lernen, dass man sogar Professor werden kann ohne von der Thematik auch nur den allerblassesten Schimmer der allerblassesten Ahnung zu haben und das ist jetzt echt ein Problem. Was irgendwelche Honks von der AFD zur Genetik, deutscher Kultur, Volk und Nation und Geschichte etc. von sich geben ist weitgehend egal. Ein paar Verrückte gibt es immer und ohne massenmedialen Verstärker wäre das auch irrelevant. Wenn aber Professoren der VWL kompletten Blödsinn erzählen und diesen Blödsinn in Wahlprogramme pinseln, dann haben wir ein Problem, denn dann wird Blödsinn Standard im akademischen Betrieb.

Der ganze Abschnitt im Wahlprogramm der AFD, siehe https://cdn.afd.tools/wp-content/uploads/sites/111/2021/06/20210611_AfD_Programm_2021.pdf, beruht auf fundamentalen Denkfehlern, die, soit die en passant, dieselben sind, die auch schon Carlos Murks gemacht hat. Die Zahlen hat der Autor eingeführt.

(1) Die EZB sollte eine zweite Deutsche Bundesbank sein.
(2) Stattdessen betreibt sie eine Währungspolitik der
wirtschaftsfeindlichen Null- und Negativzinspolitik.
(3) Diese zerstört langfristig alle kapitalgedeckten Alters-
sicherungssysteme von Betriebsrenten, über staatlich
geförderte kapitalgedeckte Rentensysteme, private
Lebensversicherungen bis zu privaten Sparvermögen.
(4) Inzwischen fehlen über die vergangenen Jahre mehr
als 500 Mrd. Euro für die Altersvorsorge der Deutschen.
(5) Die Negativzinspolitik der EZB führt dazu, dass nicht
mehr wettbewerbsfähige Unternehmen als „Zombies“
im Markt verbleiben und den gesunden Unternehmen
einen unfairen Wettbewerb liefern.
(6) Nullzinsen führen zu gravierender Kapitalfehlallokation
in der Realwirtschaft. In Deutschland könnten
inzwischen 20% bis 50% der Firmen ihre Kapitalkosten
in einem normalen Zinsumfeld nicht mehr verdienen.
(7) Das kommt einer permanenten, staatlich geförderten
Insolvenzverschleppung durch die Bundesregierung
gleich. (8) Bereits nach wenigen Jahren wird das zu kas-
kadenartigen Zusammenbrüchen von sogar bis dahin
noch gesunden Unternehmen führen und den Auftakt
zu einer umfassenden Depression bilden. (9) Negativzin-
sen führen außerdem zu weiteren volkswirtschaftlichen
Schäden, weil der deutsche Kapitalstock von vielen
Billionen Euro nicht rentabel eingesetzt werden kann.

Wer jetzt das ganze theoretische Fundament aufgerollt haben will, der kann es hier nachlesen: https://www.economics-reloaded.de/pdf-Dateien/Keynes_Buch.pdf. Vereinfacht kann man sagen, die gesamte Theorie seit 1936 hat unser Professor für Volkswirtschaftslehre nicht mitbekommen. Er will nochmal eine Politik betreiben, die mit dazu beigetragen hat, die Weimarer Republik zum Zusammenbruch zu bringen.

Wir vereinfachen das jetzt mal. Was soll uns der Abschnitt sagen? Der Abschnitt soll uns sagen, dass die Sparer verlangen können, dass es am anderen Leute gibt, die deren Geld nehmen und es so rentabel anlegen, dass auch ordentlich Zinsen gezahlt werden können. Da würde der Autor sagen, dass die Sparer doch mit ihrem Ersparten Unternehmen gründen sollen, die bzgl. der Renditen ihren Erwartungen entsprechen. Wenn sie das nicht können, macht es wenig Sinn sich darüber zu beschweren, dass andere Leute das nicht können, womit wir bei (5) wären. Es gibt praktisch keine „Zombie“ Unternehmen, aber eine ganze Menge Zombie Sparer. Ein Zombie Sparer ist jemand, der von anderen verlangt, dass der Zins erwirtschaftet wird, den er für angemessen hält. In so einer Welt leben wir aber nicht. In dieser unserer Welt müssen Renditen konkret am Markt erwirtschaftet werden, was sich die Sparer so wünschen, spielt da keine Rolle.

Das gilt dann natürlich auch, (2), für die kapitalgedeckte Rentenversicherung. Auch diese setzt darauf, dass das angesparte Geld von Unternehmen so rentabel eingesetzt werden kann, dass es den Lebenstandard im Alter sichert. Hier gilt das gleiche. Wenn den Pensionsfonds und ähnlichem die Renditen, die konkret und in der realen Welt erwirtschaftet werden zu gering erscheinen, wäre die einfachste Lösung, wenn sie die hochrentable Hammer Innovation an den Markt bringen, die bzgl. der Rentabilität ihren Vorstellungen entspricht. Das wäre weit zielführender als Jammern. Einfach rumzugreinen, dass die bösen, bösen Unternehmen nicht innovativ genug sind, um ihren Ansprüchen zu genügen, bringt da wenig.

(6) ist nun eine Marotte, die sie bei Hayek und Co abgeschrieben haben, die aber reiner Blödsinn ist. Bei einer Nullzinspolitik bekommen ALLE Unternehmen billiger Kredit, die hochrentablen wie die weniger rentablen, allerdings hat das keine Einfluss auf die Allokation der tatsächlich knappen Resourcen, also insbesondere die qualifizierte Arbeit, denn die hochrentablen Unternehmen können höhere Löhne bezahlen und damit die knappe Resourcen in die optimale Verwendung locken. Der Zins hat exakt Null Auswirkungen auf die Allokation der tatsächlich knappen Resourcen.

Abenteuerlich ist jetzt (7). Da sind die ganz in der klassischen Nationalökonomie verhaftet, wo Geld und Kapital noch als Synonyme verwendet werden, bei Adam Smith teilweise sogar innerhalb desselben Abschnitts. Was man jetzt verstehen muss: In der klassischen Nationalökonomie bedeutet Sparen den Verzicht auf Konsum. Das macht Sinn in einer VOLLBESCHÄFTIGTEN Wirtschaft, das heißt in einer Wirtschaft, bei der alle Produktionspotentiale ausgeschöpft sind. (Was nicht notwendigerweise gleichzusetzen ist mit Vollbeschäftigung. Auch bei Unterbeschäftigung kann es passieren, dass das Produktionspotential augeschöpft ist.) In der Vollbeschäftigung können mehr Investitionsgüter nur hergestellt werden, wenn zumindest kurzfristig weniger Konsumgüter hergestellt werden. Sparen die Leute also, VERZICHTEN auf Konsum, werden Resourcen frei. Sparen ist hier ein OPFER und für ein Opfer will jemand eine Gratifikation erhalten, den Lohn für Arbeit oder eben den Zins für das Ersparte. In der Vorstellungswelt der klassischen Nationalökonomie, da herrscht immer Vollbeschäftigung, kann man also Geld und Kapital als Synonyme verwenden. In der UNTERBESCHÄFTIGUNG allerdings kann man Geld einfach drucken, in beliebiger Menge und deswegen hat es GAR KEINEN PREIS. Was üppig vorhanden ist, hat nun mal keinen Preis. Die AFD verwindet also, dass der die EZB Unternehmen subventioniert, wenn es nicht einen ordentlichen Preis für Geld fordert. Das ist so ähnlich, wie wenn man für Sand in der Wüste Sahara einen Preis fordert. Mit derselben Logik könnte man auch sagen, dass Wasser subventioniert wird, wenn der Staat nicht das Trinkwasser vergiftet und damit künstlich knapp hält, so dass Leute, die Wasser in der Badewanne gehortet haben, es teuer verkaufen können. Die Logik ist schon ziemlich gaga.

Die AFD findet also, (6), dass sie EZB 20 bis 50 Prozent der Unternehmen über eine Zins, den diese nicht erwirtschaften können, aus dem Markt kicken soll. Die AFD will also Massenarbeitslosigkeit nur damit die Zombie Sparer eine ordentliche Rendite bekommen. (In der Realität, und um diese geht es hier, ist allerdings noch viel schlimmer. Setzen jetzt noch mehr Leute auf die kapitalgedeckte Rente, dann sinken die Umsätze. Was dem einen sein Sparen, ist dem anderen weniger Umsatz. Das würde zu noch höherer Arbeitslosigkeit führen und irgendwann hätten wir einen Punkt erreicht, an dem niemand mehr sparen kann und auch keine Butter mehr auf’s Brot bekommt.)

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