staunen, nicht ärgern

Marcel Proust und die AFD

Die deutschen Kulturgüter, Traditionen sowie die Ge-
schichte sind immanenter Bestandteil der deutschen
Identität. Die AfD wird allen Bestrebungen, dieses aus
den Lehrplänen zu entfernen, zu verfälschen oder zu
reduzieren, entgegenwirken. Bereits ab der Grundschule
müssen diese Inhalte zum Pflichtstoff des Unterrichts
gehören. Das fördert Heimatliebe und Traditions-
bewusstsein.

Wahlprogramm der AFD

Marcel Proust und die AFD sind bzgl. der Identiät die beiden Extreme. Bei Marcel Proust und dessen Werk A la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), geht es im wesentlichen darum, unverfälscht in ein früheres Stadium zurückzukommen, also nicht durch die gedankliche Rekonstruktion bzw. nicht durch ein Erinnern, das ja immer den Keim der Verälschung in sich trägt, sondern unmittelbar. Das schafft er erst im letzten der sieben Bänden, in Le temps retrouvé (Die wiedergefundene Zeit). Indem er die Madeleine in den Tee taucht, wird er unmittelbar in eine frühere Zeit zurückkatapultiert, erlebt nochmal, was seinem vrai moi, seinem wahren ich entspricht und was dazwischen liegt und das ursprüngliche Erleben verdeckt, ist ausgeschaltet. Diese vrai moi ist eine höchst individuelle Angelegentheit. Man kann das kürzer haben.

Viele Säulen beschien die Sonne
doch nur die Säule Memmnons klang

Soll heißen. Auch wenn alle Leute das gleiche Erleben, heißt das noch lange nicht, dass diese Erleben alle Leute in gleicher Weise prägt. Gleiche Liga Goethe in Urworte, orphisch.

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Das Gedicht geht dann zwar weiter, beschreibt den Einfluss des Umfeldes, den deformierenden Zwang und die Hoffnung, aber im Kern wird von einer Individualität ausgegangen und wer diese nicht findet, das ist das Problem von Marcel Proust, steht sozusagen „neben sich“ und ist unfähig, authentisch zu fühlen. Unter dieser Perspektive braucht es zwar einen Input, der einen Widerhall im Individuum hat, denn kann z.B. die Schule liefern, aber jeder muss da schon seinen eigenen Weg finden.

Das sieht die AFD nun radikal anders. Sie will eine Identität schaffen, weil das deutsche Volk sonst untergeht.

Ein Volk ohne Nationalbewusstsein
kann auf die Dauer nicht bestehen.

Rein pragmatisch hat die AFD nun ein Problem, denn die überwältigende Mehrheit der Germanen lehnt die Vorstellungen der AFD ja ab, das heißt das „Volk“, das der AFD vorschwebt, existiert gar nicht. Es stellt sich also die Frage, von welchem Volk die AFD eigentlich konkret redet. Vermutlich geht es lediglich darum, deutsches Geld vor dem angenommenen Zugriff aller möglichen fremden  Fieslinge, EU, Zuwanderer, etc. zu schützen und wenn man das schöngeistig verpackt, dann klingt das halt nicht so krass. Dann geht es nicht mehr um den schnöden Mammon, sondern um das Wahre, Schöne und Gute. Also die Leute, die der Meinung sind, dass man die Arbeitslosigkeit verrringern kann, indem man den freien Personenverkehr innerhalb der EU einschränkt, werden da noch schöngeistig geadelt.

Aber unabhängig von der Marketingstrategie, denn um eine solche handelt es sich, es ist ja kaum anzunehmen, dass die AFD Häuptlinge an diesen Blödsinn selber glauben, haben wir hier zwei ganz grundsätzlich verschiedene Ansätze, die wir durchaus auch noch institutionell verankert finden.

Bei dem einen Ansatz, also Marcel Proust und Co, geht es darum die eigene Identität, von deren Vorhandensein ausgegangen wird, zu finden. Bei der AFD geht es darum, eine solche zu schaffen, damit der Volkskörper harmonisch schunkeln kann. (Wobei wohl eher davon ausgegangen wird, dass eine Identität so ohne weiteres erst Mal nicht vorhanden ist.) Dadurch, dass die Kids lernen wer König Barbarossa war und Wilhelm II, Walter von der Vogelweide lesen und Schuhplattler tanzen wird die Heimatliebe und das Traditionsbewußtsein gefördert. (So unvoreingenommen würde man ja schlicht sagen ubi bene, ibi patria, da wo ich mich wohlfühle, ist meine Heimat, aber das sehen die irgendwie anders. Wobei der Autor jetzt vermutet, dass die Vaterlandsliebe spätestens bei der Einkommensteuererklärung endet. Heimatliebe hin, Heimatliebe her, beim Geld hört der Spaß auf.)

Auf jeden Fall ist das Programm der AFD ja tatsächlich verwirklicht, denn Deutsch und deutsche Literatur ist ein Hauptfach. Das könnte man ja in zwei Fächer splitten. Weltliteratur und Linguistik. Dann würden Schulen ein breites Spektrum an Möglichkeiten anbieten und jeder kann sich dann auf seinen individuellen Weg machen. Linguistik abspalten und nicht mehr im Deutschunterricht mit verbraten wäre sinnvoll, weil sich der Sinn von z.B. Grammatik eigentlich erst mit einem komparativen Ansatz ergibt. (Es sei aber konzediert, dass Schulen breiter aufgestellt sind, schließlich gibt es a ja auch noch zwei Fremdsprachen. Das mit der Identiätsschaffung ist wohl ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, bzw. ein Kompromiss.)

An manchen Stellen macht die Fokusierung auf einen bestimmten Kulturkreis auch Sinn, nämlich dann, wenn es künstlerisch anspruchsvoll wird. Würden sich die Spanier nicht mit Flamenco beschäftigen, die Portugiesen nicht mit  dem Fado, die Mexikaner nicht mit dem  Mariachi, die Argentinier nicht mit dem Tango und würden Autoren nicht für ein bestimmtes Publikum schreiben, würde die Vielfalt abnehmen. Das funktioniert dann nicht mehr ohne Spezialisierung und eine Gemeinschaft, die das fördert.

 

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