staunen, nicht ärgern

Wahrheiten ohne Relevanz: Wo Wissenschaft und Günther Jauch sich treffen

Wer Geisteswissenschaften studiert, egal was, Geschichte, Philologie, Philosophie, oder eine Sozialwissenschaft, Soziologie, Volkswirtschaftslehre, Pädagogik etc… der muss auf einmal alles „wissenschaftlich“ betrachten und eine bestimmte Textsorte produzieren. Auf der sicheren Seite ist man bei Seminarbeiten, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten etc. wenn man viel zitiert und irgendein Geblubbere abhschreibt, auf das man eigentlich auch selber gekommen wäre. Das ist auch das Spannende an der ganzen Diskussion um Plagiate von Karl-Theodor zu Guttenberg, Anette Schavan, Franziska Giffey etc.. Die Kritik setzt nicht am Inhalt an, sondern an Formalitäten. Annette Schavan z.B. philosophierte mehrer Jahre über „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“. Neben viel Freud, C.G.Jung, Hannah Arendt, Scholastik etc.. finden sich dann Tonnenweise erhabene Ansichten wie diese, die sie allerdings abgeschrieben hat.

Die Bedingtheit jeglicher Güter wiederum hat zur Folge, daß sie sich unter bestimmten Umständen einander ausschließen und dann in einer konkreten Situation dem jeweils ethisch geboteneren die Verwirklichungspriorität zu geben ist, entsprechend der allgemeinen Vorzugsregel: „Vor zwei miteinander konkurrierende, einander ausschließende Werte gestellt, hat der Mensch zu prüfen, welcher von beiden den Vorzug verdient und den handelnd zu verwirklichen.“

Sie stellt also etwas verquast fest, dass es Gewissenskonflikte geben kann. Wer hätte das gedacht? Wer so veranlagt ist, dass er Gewissenskonflikte haben kann, der weiß das und bei denen, die das Phänomen nicht kennen, davon gibt es, wie sich empirisch belastbar zeigen lässt eine ganze Menge, braucht man einen ganz anderen Ansatz. Wer solche Trivialitäten auch noch kopieren muss, der hat tatsächlich ein Problem. Spannender als eine Diskussion über nicht vorhandene Anführungsstriche wäre also eine Diskussion über Inhalte. Darum ging es aber in der ganzen Debatte gar nicht. Die Republik diskutierte MONATELANG über fehlende Anführungsstriche. Vermutlich fokusiert die Diskussion auf Formalien, weil im großen Geblubbere keine Aussagen mehr sind, die empirisch belastbar sind. Im großen Geblubbere spielt falsch und richtig keine Rolle mehr. Eindeutig unwissenschaftlich sind nur fehlende Anführungsstriche, der Inhalt ist eigentlich egal. Ob eine Aussage empirisch belastbar ist oder relevant, ist schlicht egal. Solange die Anfuhrungsstriche korrekt das Zitat markieren und die kopierten Textstellen einer möglichst langen Literaturliste entstammen, kann man mit dem Einfluss von irgendwas auf irgendwen promovieren und irgendwer hat immer Einfluss auf irgendwas, so dass den Geisteswissenschaften die Themen nicht ausgehen. Spannender wäre eigentlich die Frage, darüber könnte man mal eine Promotion schreiben, wieso es Leute gibt, die sich jahrelang mit dem Wandel von X im Laufe der Zeit durch das agieren von Y befassen, nur um damit ihren Namen zu verlängern. Die durchaus korrekte Feststellung, dass derjenige, der noch nichts gefunden hat, für das es sich zu sterben lohnt, auch noch nicht gelebt hat, scheint diese Leute noch nicht inspiriert zu haben. Gewissensbisse allerdings hat Annette Schavan wohl eher nicht gehabt, ihr Traktat für die Ablage Rund hat den Steuerzahler nämlich Geld gekostet. Hier gab es also eine Bedingtheit zweier Güter, der Wunsch von Frau Schavan ihren Namen zu verlängern und den Kosten für den Steuerzahler, die sich unter diesen bestimmten Umständen auschlossen. In dieser Situation hat sie sich dafür entschieden, ihren Namen zu verlängern. Gut wäre natürlich eine Bildungsministerin, die eine große Vision hat, wie man inspirierende Bildung unters Volk bringt. Das mit der Namensverlängerung ist schon ziemlich kleingeistig, uninspiriert und langweilig. Bei Ablage rund steppt der Bär nun gar nicht und das rockt null.

Geisteswissenschaften streben irgendwie nach „Wissenschaftlichkeit“, konkret festgemacht wird das aber mehr an formalen Kriterien als an inhaltlichen. (Wobei die formalen Anforderungen auch eine Menge Papier produzieren. Die meisten Seminar-, Bachelor-, Masterarbeiten ließen sich, wenn man es kurz und knackig macht, um 90 Prozent reduzieren. Ob die hoffentlich zahlreich vorhandenen Gedankenblitze das Produkt eigener Genialität sind oder ob lediglich die Gedankenblitze anderer Leute paraphrasieren werden, ist weitgehend egal, denn denn einsam auf einer Insel lebt niemand. Die meisten Gedankenblitze beruhen auf den Gedankenblitzen anderer. Bewusst oder unbewusst.)

Allerdings ist das nicht mal dies das Problem. Das Problem ist die Relevanz. Eine irrelevante Erkenntnis ist so bedeutsam bzw. bedeutungslos wie irrelevantes Nichtwissen. Fatal ist nur ein Nichtwissen eines relevanten Zusammenhanges. Entscheidend ist nicht, ob etwas wahr ist, sondern ob es bedeutsam ist, wie schon die lustige Person in Goethes Faust zutreffend feststellt. Entscheidend ist, das gilt vor allem für Artefakte aller Art, Dichtung, Musik, bildende Kunst, Tanz etc. ob sie SUBJEKTIV bedeutsam ist.

Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.
Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte
Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,
Dann sauget jedes zärtliche Gemüte
Aus eurem Werk sich melanchol’sche Nahrung,
Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt
Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt.
Noch sind sie gleich bereit, zu weinen und zu lachen,
Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;
Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;
Ein Werdender wird immer dankbar sein.

Das Schauspiel, um ein solches handelt es sich ja bei Goethes Faust, ist also eher Projektionsfläche. Wenn es „erquickt und auferbaut“ sorgt es wohl für eine weitere Perspektive auf die Welt, die aber wiederum von dem abhängt, was man „im Herzen trägt“. Um Wahrheit geht es also gar nicht, ganz im Gegenteil. Das Wirkung kann auch durch „viel Irrtum und [nur ein kleines] Fünkchen Wahrheit“ erreicht werden. Allerdings ist der Artefakt nicht beliebig, er muss anschlussfähig sein, einen „Werdenden“ im richtigen Moment treffen. Schüttet man die Leute einfach mit beliebigem Müll zu, dann lauscht da niemand der Offenbarung und pseudowissenschaftlichen Geblubbere mit den ewig gleichen Phrasen à la „muss Gegenstand weiterer Forschung sein“ lauscht schon deswegen niemand, weil es sofort nach Erstellung in der Ablage Rund entsorgt wird.

An der Wahrheitsfindung werden die Geisteswissenschaften nicht scheitern, sie können aber scheitern an der Beliebigkeit. Kann jedes Thema Gegenstan „wissenschaftlicher“ Forschung werden, landen wir beim Kreuzworträtsel oder eben bei Günther Jauch und dafür brauchen wir keine teuren Fakultäten. Schlimmstenfalls kennen die Leute dann den Autor eines Gedichtes nicht, das macht aber nix, solange sie wissen, wie der Chefarzt in der Schwarzwaldklinik heißt.

Alles in allem nicht besonders kompliziert, aber bei den professoralen Untoten, die durch deutsche Unis schlurfen, hat man den Eindruck, dass das summum bonum das Erreichen des Rentenalters ist. Denkt man länger darüber nach, ist die Thematik komplizierter, siehe https://www.die-geisteswissenschaften.de.

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