staunen, nicht ärgern

Marktwirtschaft: Maximale Kontrolle oder maximale Freiheit?

Den Begriff Marktwirtschaft verwendet Adam Smith, der das System erstmals theoretisch dargestellt hat, nicht. Das hat den schlichten Grund, dass es das Gegenmodell, also Sozialismus / Planwirtschaft, schlicht noch nicht gab. Ausgehend von einem spezifischen und weitgehend zutreffenden Menschenbild, nämlich das Menschen versuchen ihren Wohlstand, also ihren ganz persönlichen und materiellen, zu maximieren, vergleicht er die wirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen mit den wirtschaftlichen Aktivitäten des Staates. Auf das gesamte Theoriegebäude gehen wir hier nicht ein, wer sich dafür interessiert, sei auf die www.economics-reloaded.de verwiesen.

Für Adam Smith bedeutet Marktwirtschaft in erster Linie Kontrolle, was er mit zahlreichen Beispiele illustriert, einige davon richtig lustig. Gedanken macht er sich z.B. über seine Professoren Kollegen an der Universität in Edingburgh. Bezahlt wurden Professoren entweder mit einem fixen Salär oder durch direkte Zuwendungen der Hörerschaft, also der Studenten. Ist die Bezahlung der Professorenschaft staatlich garantiert, sinkt deren Leistungsbereitschaft, inhaltlich und didaktisch, drastisch. Sie werden also versuchen, ganz ökonomisches Prinzip, das klar definierte Ziel, Erhalt der staatliche garantierten Entlohnung, mit einem minimalen Aufwand zu erreichen, machen also gerade noch so viel, dass sie nicht entlassen werden. Die hierdurch gewonne Zeit werden sie anderweitig gewinnbringend einsetzen. Hängt jedoch die Entlohnung unmittelbar von den Zuwendungen der Zuhörerschaft ab, besteht ein Leistungsanreiz. Ein bekanntes Problem auch an heutigen Universitäten. Ist die Bestallung zum Professor erst mal erfolgt, kann jeder Professor dreißig Jahre lang denselben Käse vortragen. Manche Professoren schaffen es sogar, in der Vorlesung tatsächlich ihre eigenen Bücher VORZULESEN.

[Witzig ist in diesem Zusammenhang Milton Friedman, also der Gegenpool zur Auffassung von Marktwirschaft als Kontrolle; für Milton Freedman ist Marktwirtschaft vor allem Freiheit. Der ist zwar auch der Meinung, dass die Entkopplung von Gratifikation und Bezahlung zu Fehlentwicklungen führt, sieht hier aber das Problem bei den Studenten. Wenn die keine Studiengebühren zahlen müssen, machen die Party ohne Ende. Der Mann war halt Professor und da sieht man das halt anders.]

Das Problem haben wir überall, besonders nett in stark staatlich reglementierten Bereichen wie der Justiz. Spaßeshalber, auch aus anderen Gründen, hat der Autor mal einen Prozess geführt, um das genauer zu untersuchen, siehe www.recht-eigenartig.de. Hängt das Honorar eines Rechtsanwaltes allein vom Streitwert ab, besteht ein Anreiz diesen zu erhöhen. Allerdings besteht kein Anreiz, den Prozess auch tatsächlich zu gewinnen. Im Gegenteil: Je blöder er sich anstellt, desto höher ist die Chance, es eine Instanz weiter zu schaffen. Rechtsanwalt ist also der einzige Beruf, wo Unfähigkeit ein rentables business ist.

Richtig lustig ist das dann beim Berufsbeamtentum bzw. im öffentlichen Dienst im Allgemeinen. Ein Beamter muss nicht besonders qualifiziert sein und noch weniger bemüht. Treu seinem Dienstherrn ergeben reicht, was in der Praxis bedeutet, dass er insbesondere Geschäftsabläufe nicht hinterfragt und nicht versucht, die Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen. Das Einwohnermeldeamt hat keine Konkurrenten, der die Prozesse optimiert und damit die Leistung effizienter erbringt. Es gibt also nichts und niemanden, der das „Unternehmen“ Einwohnermeldeamt aus dem Markt drängen kann und keine Notwendigkeit zur effizienten Leistungserstellung. Das Ideal des Berufsbeamtentums heißt dann Sozialismus. Im Sozialismus sind schlicht alle verbeamtet. Die Entlohnung ist weitgehend von der Leistung abgekoppelt, es gibt kein Unternehmen, dass durch eine quantitative oder qualitative überlegene Leistungserstellung ein Unternehmen aus dem Markt kickt.

Marktwirtschaft bedeutet für Adam Smith also vor allem Kontrolle. Der vielzitierte Bäcker von Adam Smith, der die Brötschen nicht backt, um andere Leute glücklich zu machen, sondern weil er Geld verdienen will, hat keine Alternativen. Sind seine Brötschen qualitativ schlechter, produziert er zu wenige davon oder sind sie zu teuer, dann geht er pleite, wenn der Bäcker um die Ecke die Brötchen billiger anbietet.

Die in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gestarteten Vesuche die Verwaltung zu reformieren, zielten auf Kontrolle durch Wettbewerb ab. Der Autor dieser Zeilen hatte mal das zweifelhafte Vergnügen die Amtsleiter der Berliner Verwaltung in Kosten- und Leistungsrechnung zu schulen. Grob gesagt ging es bei allen Versuchen die Verwaltung zu reformieren darum, über marktwirtschaftliche Elemente ein Controlling in der Verwaltung einzuführen. Berechnet wurde z.B. was es in Charlottenburg / Berlin kostet, einen Parkschein für Anwohner zu erstellen und was dieselbe Leistung in Neukölln / Berlin kostet. War es in Neukölln billiger, dann läuft da in Charlottenburg was falsch und, vereinfacht gesagt, wurden nur noch die Preise bezahlt, die in Neukölln üblich waren. Naheliegenderweise war der Widerstand der Amtsleiter erheblich, so dass die Verwaltungsreform letztlich scheiterte.

Faktisch ist der Wettbwerb die einzige Möglichkeit, eine Wirtschaft zu steuern. Jede andere Methode führt zu endlos langen Diskussionen. Gäbe es Tesla nicht, wäre VW ad calendas graecas der Meinung, dass man für die Produktion eines Autos dreißig Stunden braucht. Macht Tesla das in zehn Stunden, dann erübrigt sich die Diskussion. Kontrolle durch Wettbewerb hat den unbestechlichen Vorteil, dass extern nicht kontrolliert werden muss. Das System kontrolliert sich selber. Das erklärt auch, warum Unternehmen ab einer bestimmten Größe Vorleistungen einkaufen. Es ist einfacher, Marktpreise zu vergleichen, anstatt innerbetrieblich über Controlling für eine effiziente Leistungserstellung zu sorgen.

Das Reich der totalen Freiheit ist das Berufsbeamtentum. Beim Finanzamt kann man durchaus bei sommerlichen Temperaturen um 13 Uhr nach Hause gehen. Es gibt Finanzämter in Berlin, die sind im Sommer nach 13 Uhr restlos entvölkert, was der Pförtner mit gleitender Arbeitszeit erklärt und beim Finanzamt für Körperschaften frühstückt man eigentlich immer. Ehemalige DDR Bürger fassen das so zusammen: Freitag nach eins / Macht jeder seins.

Die Begründer der sozialen Marktwirtschaft, wobei der Begriff reines Marketing ist, ähnliche soziale Sicherungssysteme finden sich überall, also Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, sprechen in Bezug auf die Marktwirtschaft deshalb auch von einem Apparat. Der Begriff insinuiert schon das Entscheidende. Die Marktwirtschaft ist ein Apparat, der wie von Geisterhand bewegt, die Prozesse optimiert. Den beteiligten Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen.

Nebenbemerung: Es gibt eine breite Diksussion darüber, ob der homo oeconomicus ein realistisches Menschenbild ist. Diese Diskussion ist vollkommen sinnfrei. Es geht bei Adam Smith nicht um die Frage, ob allen Menschen die Jacke näher ist als die Hose. Es geht um die Frage, wie man eine Volkswirtschaft steuert. Wenn der erfolgreiche Unternehmer sich nebenbei noch karitativ betätigt, ist das sicher begrüßenswert, wobei er ja durch die effiziente Leistungserstellung, die die conditio sine qua non für sein Überleben als Unternehmer darstellt, der Lebenstandard der Gesellschaft erhöht wird. Die Kunden haben immer die Möglichkeit, die Brötchen beim Bäcker nebenan zu kaufen, um in diesem Beispiel zu bleiben. Tun sie das nicht, geht es ihnen offensichtlich besser, wenn sie die Brötchen beim effizienten Bäcker kaufen. Ob der Unternehmer jetzt ein homo oeconomicus ist oder nicht, ist völlig egal. Man kann finden, dass der Wettbewerb entsolidarisiert. Man kann aber auch finden, dass das vollkommene Reich der Freiheit des Berufsbeamtentums noch viel mehr entsolidarisiert, denn diese Freiheit muss vom Steuerzahler finanziert werden. Entscheidend ist die Frage, ob der Wettbewerb zu einer qualitativ und / oder quantitiven besseren Versorung führt. Dann ist er marktwirtschaftlich sinnvoll. Haben wir lediglich, wie derzeit im Aktienmarkt, lediglich eine Preissteigerung, dann ist der Wettbwerb sinnfrei.

Dass Adam Smith vor allem Kontrolle meint, sieht man auch daran, dass er Unternehmer ganz prinzipiell für bösartig hält. Egal wo die sich treffen, in der Kneipe oder sonstwo, versuchen sie den Wettbewerb auszuschalten, das heißt sich zusammenzuschließen und so höhere Preise durchzusetzen. Irrtümlich ging er davon aus, dass der Staat das nur sehr begrenzt verhindern kann. Tatsächlich erließt der Senat der USA schon 1890 den sogenannten Sherman Act, der Absprachen zur Verhinderung des Wettbewerbs unter Strafe stellte und dem Staat die Möglichkeit gibt, für ausreichenden Wettbewerb zu sorgen. Auch das ist also kein genialer Einfall von Walter Eucken.

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