staunen, nicht ärgern

Marktwirtschaft: Maximale Kontrolle oder maximale Freiheit?

Irgendwann hat, ein Wendepunkt war wohl das Buch Capitalism and freedom von Milton Friedman, erschienen 1962, der Begriff Marktwirtschaft ein Wendung erfahren. Der Begriff Marktwirtschaft, wobei Milton Friedman das Ding Capitalism nennt aber Marktwirtschaft meint, Kapitalismus ist eigentlich was total anderes, geht bei Milton Friemdann eine Symbiose ein mit dem Liberalismus à la John Stuart Mill und bewegt sich in Richtung Anarcho Kapitalismus à la Murray Rothbard. (Ein Schritt, der dann von seinem Sohn David Friedman und seinem Enkel Patri Friedman endgültig vollzogen wird.) Manche Elemente des Theoriegebäudes von Adam Smith bleiben zwar erhalten und werden sogar besonders betont, wie etwa die dezentrale Steuerung der Resourcen über die Preise, aber das Element Kontrolle fällt vollständig weg. Die Marktwirtschaft wird jetzt zum Bollwerk gegen einen übergriffigen Staat. Je mehr Resourcen der Staat an sich zieht, desto mehr Macht gewinnt er. Die Gefahren, die sich aus dieser Konstellation ergeben, dekliniert er dann an x-Beispielen durch. Kann man bei www.youtube.com betrachen, wenn man free to chose als Suchbegriff eingibt. Über weite Strecken sind seine Analysen zutreffend, wenn auch nicht besonders spektakulär. Das Grundproblem bei Milton Friedman ist nicht seine Beurteilung der marktwirtschaftlichen Ordnung an sich, deren Stärke hat auch Keynes nie in Frage gestellt. Sein Problem ist, dass er völlig irrige Vorstellungen über die Funktion des Geldes hat, was aber im Moment nicht unser Thema ist. Näheres hierzu unter www.economics-reloaded.de.

Wie Adam Smith nennt auch er das Moment der Kontrolle. Dass verbeamtete Lehrer nicht besonders motiviert sind, ist naheliegend. Bekommt man sein Salär unabhängig von der Leistung, wird man seine Kundschaft rein extrinsisch, via Zuckerbrot und Peitsche motivieren. Das macht am wenigsten Mühe. Bekommt man die Kundschaft nicht frei Haus geliefert, muss man die Kundschaft ja begeistern bzw. den Stoff interessant darstellen, was bedeutend schwieriger ist. Dass Rechtsanwälte besonders effizient Lobbyarbeit, um ein anderes Beispiel zu nennen, leisten, ist offensichtlich. Möglich wäre z.B. das Honorar an den Erfolg zu binden. Hält ein Rechtsanwalt eine Fall für aussichtslos bzw. ist er nicht ausreichend qualifiziert den Prozess zu führen, dann wird er den Auftrag nicht annehmen. Ist das Honorar lediglich abhängig vom Streitwert, wir noch der unqualifizierteste Rechtsanwalt noch den hoffnunglosesten Fall übernehmen. Das Erfolgshonorar ist aber in Deutschland nur in Sonderfällen vorgesehen. Hier haben wir sozusagen qua staatlicher Verordnung sowas wie eine Monopolpreis. Bei anderen Beispielen, die Milton Friedman nennt, kann man sich streiten. Auch die Ärzteausbildung und die Zulassung von Medikamenten will er liberalisieren. Sein Argument ist, dass bei Ärzten immer mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird und auch bei trivialen Krankheiten hochqualifiziertes und damit teures Personal eingesetzt wird. Überlegen könnte man sich, ob man den Studiengang nicht weiter auffächert und für Teilbereiche das Studium verkürzt. Naheliegenderweise stößt das auf den Widerstand der Ärzteschaft, denn auch mit trivialen Krankheiten, die einfach diagnostiziert und behandelt werden können, sich gutes Geld verdienen lässt.

Das Buch heißt aber Capitalism and Freedoom, wodurch deutlich wird, dass für Milton Friedman die freie Marktwirtschaft gegen Übergriffe des Staates schützen soll, was von seinem marktradikalen Kollegen von der Pelerin Society, Friedrich von Hayek, dann nochmal schärfer formuliert wird. Dessen Werk heißt dann Road to Serfdom, Wege in die Knechtschaft. Für Hayek ist jeder Versuch der staatlichen Lenkung, also auch die sozialen Sicherungssysteme, ein Weg in die Knechtschaft. Zu diesem Buch gibt es dann eine euphorische Laudatio von Otto Graf Lambsdorff, seines Zeichens ehemaliger Bundeswirtschaftsminister der FDP und Wolfgang Gerhard, ebenfalls FDP, dem langjährigen Vorsitzenden der Friedrich Naumann Stiftung. (Die natürlich die Staatsknete für ihre vielfältigen ABM Maßnahmen im In- und Ausland, wo die Freiheit tapfer verteidigt wird, nicht verschmäht.)

Die marktwirtschaftliche Ordnung bricht Macht. Zwar kann ein Arbeitnehmer auch in der marktwirtschaftlichen Ordnung nicht ohne weiteres den Arbeitgeber wechseln, aber je mehr Resourcen der Staat an sich zieht, desto weniger Optionen hat er und wenn der Staat der einzige Arbeitgeber ist, gibt es eben gar keine Optionen mehr. Also Konsument ist man in einer marktwirtschaftlichen Ordnung weitgehend frei, da man nie von einem einzigen Lieferanten abhängt und diesen jederzeit wechseln kann. Zumindest eher also in einer Situation, in der es nur einen einzigen Anbieter, nämlich den Staat, gibt.

Wenn also heutige Jungpolitiker der FDP, etwa Christian Lindner, mit glühenden Wangen für die Freiheit fechten, ist gar nicht so richtig klar, was sie eigentlich meinen. Konzipiert ist die Marktwirtschaft ursprünglich als Kontrollinstrument, das die Freiheit maximal einschränkt. Richtig frei ist man, zumindest als Anbieter von Leistungen aller Art, als Beamter, die maximale Freiheit gibt es also nur im Sozialismus, wo der Zusammenhang zwischen Leistung und Entlohnung weitgehend aufgelöst ist. Als Nachfrager ist man selbstredend freier in der Marktwirtschaft.

Wenn die FDP „Aus Liebe zur Freiheit“ plakatiert, heißt das also konkret gar nichts. Wirtschaftspolitisch nicht und nicht im Sinne des Liberalismus. Liest man sich die Schrift von John Stuart Mill „On Liberty“ durch, ist es eher der Staat, der die Freiheit verteidigt und der Begründer des Liberalismus, also John Stuart Mill, weist dem Staat weit mehr Aufgaben zu, als Milton Friedman.

Versuchen wir die notwendigen Leistungen des Staates zu benennen, werden wir finden, dass diese sehr viel facettenreicher sind, als sich viele Leute erstmal bewusst sind und sie durch eindeutige Grenzen nicht so klar umrissen werden können, wie dies pauschal in der öffentlichen Diskussion immer behauptet wird. Wir hören zum Beispiel immer wieder, dass sich die Regierung darauf beschränken müsse, vor Gewalt und Betrug zu schützen, dass aber ansonsten Menschen frei handeln können sollten und auf sich selber achten sollten. Solange als jemand, zu Lasten anderer Personen oder deren Eigentum, nicht gewalttätig ist oder betrügt, sei der Gesetzgeber oder die Regierung in keinster Weise dazu berufen sich darum zu kümmern. Aber warum sollten Leute durch ihre Regierungen, also, durch die gemeinsame Stärke, gegen Gewalt und Betrug geschützt werden, nicht aber gegen andere Gefahren, wo doch lediglich der Schaden offensichtlicher ist? Wenn nur das, was Menschen unter Umständen nicht selbst tun können, sich dazu eignet von der Regierung getan zu werden, dann könnten die Leute sich auch selbst mit eigenen Mitteln und Kraft gegen Gewalt wehren bzw. um Schutz nachfragen oder bezahlen, was sie ja gewöhnlich auch tun, wenn die Regierung nicht in der Lage ist, sie zu schützen und gegen Betrug kann sich jeder mit seinem eigenen Verstand wehren. Doch bevor wir mit der Diskussion der Prinzipien fortfahren, ist es besser die Fakten zu betrachten.

http://www.econlib.org/library/Mill/mlP63.html [die Übersetzung stammt vom Autor]

Freiheit setzt nämlich voraus, dass Handlungsalternative bekannt sind und diese sind ohne Bildung eben nicht bekannt und einen offenes Bildungssystem als Querschnitt der Vorstellungen, die sich in der Gesellschaft zu diesem Thema bilden, kann nur die Demokratie anbieten. Aus diesem Angebot kann sich jeder einzelne dann das raussuchen, was er einleuchtend findet.

Der „Freiheitsbegriff“ der Liberalen ist unbestimmt, bedeutet konkret nichts. Weder verbinden sich damit klare wirtschaftspolitische Vorstellungen, noch ist klar, ob weniger Staat mehr Freiheit bedeutet. Die FDP argumentiert da weitgehend nach Bauchgefühl. Das tun zwar alle Parteien, aber es wäre dienlich, nicht jede Wahl zur Schicksalswahl zu erklären und hier den Poppanz von fundamentalen Unterschieden aufzubauen.

Der Versuch, die marktwirtschaftliche Ordnung als das Reich der Freiheit zu verkaufen, ist letztlich nicht zielführend, weil sie a) vor allem ein Kontrollsystem ist und b) von den meisten Leuten auch so wahrgenommen wird. Zielführender wäre es, die Vorteile dieses Kontrollsystems hervorzuheben. Noch zielführender wäre es, Jungpolitiker ohne wirtschaftlichen Sachverstand dann noch sehen würden, dass die Marktwirtschaft sich in eine Sackgasse hineinmaövrieren kann, aus der sie ohne staatlichen Intervention nicht mehr herausfindet. Die Wahrheit liegt, zumindest was die Wirtschaftspolitik angeht, irgendwo zwischen Adam Smith und John Maynard Keynes, was ja wiederum im Grunde alle Parteien des demokratischen Spektrums zumindest intuitiv begriffen haben. Es macht also keinen Sinn, vor Wahlen einen Poppanz aufzubauen und heiße Luft zu produzieren.

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