staunen, nicht ärgern

Was heißt eigentlich Intuition ?

6) Das ist das, was Dichtung nun mal tut, der Welt eine Bedeutung geben, allerdings belebt das Gefühl das Unbelebte nur indirekt. Es ist die Fähigkeit, dieses Gefühl auch auszudrücken, die das Unbelebte belebt. Des weiteren muss beim Empfänger ein ähnlicher Hintegrund vorhanden sein. Sprache kann Inhalte nur bewusst werden lassen, sie kann aber keine schaffen.

ad 7) 8) ergänzt und präzisiert 1) und 5). Da der Dichter etwas außerhalb steht, ist seine Perspektive eine andere. (Ähnliches behautet der Volksmund ja auch von Kindern: Kindermund tut Wahrheit kund. Kinder sind von gesellschaftlichen Konventionen noch weitgehend unbeeindruckt und können aus dieser Perspektive heraus Dinge drastisch auf den Punkt bringen. Empirisch belastbar ist die These zwar nicht, aber in der Regel erreicht eine Redewendung nur dann einen hohen Bekanntheitsgrad, wenn eine allgemeine Erfahrung griffig formuliert wird. In diesem Falle haben wir noch ein Märchen, „Des Kaisers neue Kleider“, siehe https://theatrum-mundi.de/oekonomen-im-westen-oekonomen-im-osten-und-des-kaisers-neue-kleider/, mit der gleichen Aussage.)

Die Intuition liegt also nicht immer falsch, sie hat aber das wesentliche Problem, dass nur die bereits Überzeugten überzeugt werden, da eine intuitiv gewonnen Einsicht nur denen vermittelbar ist, die über denselben Background verfügen.

Wenn es z.B. To the Lighthouse von Virginia Woolf sich Mr. Ramsay, ein Universitätsprofessr für Literatur, mit dem Einfluss „von irgendwas auf irgendwen“ befasst, dann kann man „intuitiv“ erfassen, was gemeint ist. Vermutlich kommt die message aber bei Universitätsprofessoren nicht an, den die befassen sich zeitlebens mit dem Einfluss von irgendwas auf irgendwen. Die verstehen den Witz nicht.

Dazu gibt es sogar ein noch prominenteres Beispiel in Goethes Faust.

Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet

Der Faust wird nun alljährlich millionenfach an Universitäten und Schulen durchgekaut, aber weder ein Professor noch ein Oberstudienrat kämen auf die Idee, dass sie nur Regenwürmer finden. Man müsste jetzt weit ausholen, in einem rationalen Diskurs, um denen klar zu machen, dass da ein Problem ist. Man könnte ihnen z.B. erklären, dass der Spaß auch Steuergelder kostet, und dass, wenn man anderer Leute Geld verpulvert, man sich halt nicht mit dem Einfluss von irgendwas auf irgendwen beschäftigen kann, sondern eine sehr genaue Vorstellung davon haben muss, warum man sich damit beschäftigt.

Eine Wahrheit steckt in dem Drama Torquato Tasso. Wer intuitiv auf eine Situation reagiert, kann durchaus dichter an der Wahrheit sein, als die Gefangenen des „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, Adorno das nennt. Aufbrechen lässt sich das System aber nur über den rationalen Diksurs und in der Regel kann man seine Intuitionen auch klar strukturieren, wenn man länger drüber nachdenkt.

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