staunen, nicht ärgern

Theodor Storm und Werner Mölders

Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
So also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.

Vorspann number one: Auf Werner Mölders kommt man eigentlich gar nicht, es sei denn man wohnt in Moabit / Berlin, wie der Autor dieser Zeilen. Da kann man dann entlang der Spree zum Invalidenfriedhof flanieren. Da liegen tonnenweise Generäle und Ähnliches, die meisten aus der Zeit der seligen Hohenzollern, was ja auch nicht besonders interessant ist. Davon gibt es ja Millionen, und die hatten alle die gleichen Probleme, so dass das nicht besonders interessant ist. Ein Grab allerdings wird jedes Jahr von irgendeiner Fangemeinde mit Blumen bedacht, die nennt sich Mölders Vereinigung e.V., das steht auf den Schleifen; die gedenkt dann ihres Helden noch nach 100 Jahren. Aus irgendeinem Grund hat sogar irgendjemand die Zeremonie mit dem Smartphone abgefilmt und nach youtube hochgeladen:  https://www.youtube.com/watch?v=gqX9Gi2-br8. Soll bloß keiner sagen, dass es auf youtube keine Kultur gibt! Für den Mölders, Werner begeistert sich aber nicht nur der Mölders Fanclub, sondern ziemlich lange auch die Bundeswehr: Da gibt es ein Jagdgeschwader, das nach ihm benannt wurde, eine Kaserne und ein Kriegsschiff. Irgendwann hat dann Peter Struck, seines Zeichens Verteidigungsminister, den Hokuspokus zur größten Entrüstung der Fangemeinde beendet.

Vorspann number two: Was jetzt kommt, ist eine Beschreibung, also sozusagen die verbale Schilderung von Vorgängen. Das machen Historiker so. Die stappeln ohne Ende Fakten aufeinander.(Der Autor dieser Zeilen hat ja unter anderem mal Geschichte studiert, huh! Wenn man jung ist, macht man eine Menge Blödsinn.) Das Problem mit den Fakten ist, also vor allem mit historischen, bei denen es sich ja meistens um das menschliche Gewusel dreht, dass die Erklärungskraft der Fakten relativ bescheiden ist. Anders formuliert: Das Irrationale, das dass Gewusel treibt, ist rational nicht zu packen. Also da wo es wirklich spannend wird, erfahren wir nichts wirklich neues.

Vorspann number three: Was ist die eigentlich interessante Frage? Die interessante Frage ist, was in den Leuten vorgeht, die da mit Kränzen der tiefen Erschütterung ihrer Gemüter Ausdruck verleihen. Dazu kommen wir dann am Schluss.

Wir fangen an. Das mit Werner Mölders machen wir kurz und bündig, die langen Ausschweifungen von Hunderten von Abhandlungen zu dessen Vita sind weitgehend irrelevant. (Wer Lust hat, möge bei der Suchmaschine seines Vertrauens „Werner Mölders“ eingeben, also mit Vornamen, andernfalls bekommt man den Fußballer, den erachtet z.B. google als relevanter.) Also der Mölders, Werner war ein Jagdpilot und konnte total gut fliegen, so dass er insgesamt 115 feindliche Flieger abgeschossen hat unter anderem eben im Rahmen der Legion Condor in Spanien und dann in Polen, Frankreich, Russland etc.. Vermutlich war er auch an der großflächigen Bombardierung von Städten beteiligt, wenn auch nicht an der Bombardierung von Guernica, was zu zivilen Opfern führte und militärisch völlig sinnlos war. (Das hat im übrigen auch die Wehrmacht getan, so dass sich die lang andauernde Frage, ob die Wehrmacht eine Bande von Verbrechern war, sich weitgehend erübrigt. Die ganze Diskussion um die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ ist etwas skurril. Die Bombardierung ganzer Städte ist ein Kriegsverbrechen. (Details hier: https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/Voelkerstrafrecht/voelkerstrafrecht_node.html). Um genauer zu sein: Jeder, der Anstrengungen unternommen hat, freiwillig, um bei der Wehrmacht Karriere zu machen, war an Kriegsverbrechen beteiligt. Selbst in den Zeiten des Nationalsozialismus hätte es keine Möglichkeit gegeben, mangelnden Eifer zu sanktionieren. Man hätte z.B. niemanden zwingen können, Bomberpilot zu spielen. Es gab bei der Wehrmacht ziemlich viele Zwangsrekrutierte, das ändert aber nichts daran, dass die Wehrmacht eine kriminelle Vereinigung war. Auch bei der Mafia, ’Ndrangheta, Camorra etc. gibt es Leute, die da unfreiwillig mitspielen, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass es sich um kriminelle Organisationen handelt. Wieso die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ so einen Wirbel machte, erschließt sich jetzt nicht unmittelbar. Es wurde lediglich umständlich bewiesen, was von vornehrein klar war, wobei wir aber nichts über den eigentlich interessanten Tatbestand erfahren, der den Wahnsinn ins Rollen brachte. Womit wir wieder beim Thema wären.

Die Heldenverehrug, die Werner Mölders bei bestimmten Gruppen erfährt, bezieht sich auf seine handwerklichen Fähigkeiten: Er konnte gut fliegen und somit viele Flieger anderer Nationen vom Himmel holen. Die Frage, ob diese handwerklichen Fähigkeiten sinnvoll eingesetzt wurden, also die Frage nach dem Ziel, wird bei diesen Gruppierungen gar nicht gestellt. Sieht man die Dinge so, dann müsste das Strafrecht umgeschrieben werden. Ein Bankraub, ein Mord, ein Betrug etc. ist durchaus ehrenhaft, wenn er mit einer gewissen Raffinesse und handwerklichem Geschick durchgeführt wird. So sieht das aber offensichtlich die Fangemeinde Werner Mölders nicht, denn die sind der Meinung, dass sie ganz ehrenhafte Bürger sind. Das kann drei Gründe haben.

Erstens: Man traut dem Militär PRINZIPIELL nicht zu, über Ziele nachzudenken, weil das den geistigen Horizont eines Militärs nun mal übersteigt. In diesem Fall ist man der Meinung, dass die Unfähigkeit eines Militärs über Ziele nachzudenken entschuldbar ist. Ähnliche Maßstäbe kennt ja auch das Strafrecht. Bei Jugendlichen werden andere Maßstäbe angelegt, als bei Erwachsenen, weil von einer geringeren Einsicht ausgegangen wird. (Den Eindruck kann man im übrigen immer mal wieder gewinnen, siehe z.B. hier: https://theatrum-mundi.de/was-ist-eigentlich-ein-militaer/) Geht die Werner Mölders Fangemeinde davon aus, hat sie eine wenig schmeichelhafte Vorstellung von der Bundeswehr. Es mag zwar durchaus sein, dass Militärs die Tendenz haben, sich in Spiele verstricken zu lassen, die sie nicht verstehen, aber dieser Sachverhalt sollte dann Anlass zu strukturellen Reformen sein.

Zeitens: Man geht davon aus, dass Werner Mölders subjektiv nicht in der Lage war zu erkennen, dass das Ziel, das Germanentum zu neuer Blüte zu führen, wirtschaftlich, moralisch und kulturell völlig unsinnnig war. Er war also subjektiv nicht in der Lage zu erkennen, dass z.B. die Legion Condor an der Seite Francisco Francos eine demokratisch legitimierte Regierung bekämpfte. In diesem Fall war Werner Mölders aber nicht die hellste Kerze auf der Torte.

Drittens: (Das ist die wahrscheinlichste Option.) Die Ziele waren ihm schlicht egal, was dann auch merkwürdig ist. Ist das Ziel an und für sich unsinnig, ist es rational, wenn es möglichst ineffizient erreicht werden soll. Werner Mölders wäre dann ein Held, wenn er mit jedem Flieger eine Bruchladung hingesetzt hätte.

 

Soweit so trivial. Ab jetzt wird es kompliziert. Das Gemüt der Fangemeinde Werner Mölders ist irgendwie erschüttert wenn sie ihres Helden gedenken. Die Frage ist nur, was bewegt die tief bewegten Gemüter. Im Originalsound klingt das dann so:

 

„Am 15. März 1939 wurde Mölders als Hauptmann Chef der 1. Staffel des Jagdgeschwaders 53. Während die deutschen Truppen im September nach Polen einmarschierten befand sich Mölders mit seinem Geschwader an der Westgrenze des Reiches. Am 20. September 1939 gelang ihm sein erster Abschuss im 2. Weltkrieg, eine französische Curtis „Hawk“. Am 28. Mai 1940 erreichte er als erster Luftwaffenpilot den 20. Abschuss und bekam dafür das Ritterkreuz verliehen.“

https://www.reservistenverband.de/rheinland-pfalz/aktuelles/jagdflieger-werner-moelders-die-wuerde-des-menschen-reicht-ueber-den-tod-hinaus/

 

Dass es sich bei dem Angriff auf Polen um einen durch nichts gerechtfertigten Angriffskrieg handelt, fällt der Fangemeinde Werner Mölders gar nicht auf. Schwerpunkt des gesamten Artikels sind die Abschussquoten. Das hier verbuchen wir mal unter Apologie und historischem Unsinn.

„Mölders legendäre Luftsiege waren zweifellos nützlich für das Dritte Reich; ihm selbst kann man keine innere Nähe zu den Nationalsozialisten nachsagen. Er war gläubiger Christ und kümmerte sich – wie Hermann Hagena durch Originalbriefe von Mölders belegte – um seinen Klassenkameraden Georg Küch und seine jüdische Mutter.“

Der Fanclub ist also der Meinung, dass man sich am Massenmord der Nazis beteiligen kann, ohne selber ein Nazi zu sein. Theoretisch mag das sogar möglich sein, wenn auch nicht besonders plausibel, aber praktisch gesehen ist das völlig egal. Die Argumentation von Hermann Hagena, ein Brigadegeneral der Bundeswehr (!!), ist skurril. Der von Mölders unterstützte Angriffskrieg auf Polen machte die Ermordung von sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens überhaupt erst möglich. Der, nach nationalsozialistischer Auffassung „Halbjude“, hätte die Hilfe von Werner Mölders ohne diesen Angriffskrieg gar nicht benötigt.

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