staunen, nicht ärgern

Karl Marx und die Querdenker: Ist die herrschende Meinung die Meinung der Herrschenden?

Im politischen Diskurs läuft ja vieles kreuz und quer. Konservative Ökonomen, sind z.B. der Meinung, dass sparen eine Tugend sei und die schwäbische Hausfrau besonders tugendhaft, wohingegen Draghi und die EZB Halodris sind, siehe https://theatrum-mundi.de/der-natuerliche-zins-nach-wicksell-und-die-deutsche-bundesbank/. Nicht ganz klar ist den Konservativen, dass Karl Marx eigentlich David Ricardo radikalisiert ist, aber auf die Idee, dass sie Marxisten sind, kämen die nie, wohingegen Keynes, bei dem letztlich nur harte Arbeit Werte schafft, aus deren Perspektive fast schon Hippie ist, also ganz links. Das zieht sich im übrigen durch. Was erzkonservativeres wie Adorno lässt sich kaum denken, der aber wiederum läuft, wie auch Ernst Bloch, unter marxistischer Philosoph. (Zu Ernst Bloch siehe https://www.die-geisteswissenschaften.de.) Um Adorno und Bloch allerdings zu verstehen, muss man schon richtig fleißig sein, also da braucht es die von konservativer Seite so hochgeschätzten Sekundärtugenden. Da gilt Schiller, eisenhart.

Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born.

Also nix mit Sponti, gar nicht. Aber egal.

Die Querdenker und Carlos Murks sind sich aber einig, auch wenn letzterer besser formulierte: Die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden. Soll heißen, alles Lügenpresse. Die Frage ist nur, wer sind eigentlich die „Herrschenden“. Also für die Massenmedien stellt sich das schlicht so dar: Die wollen ihre Produkte verkaufen und die 0,1 Prozent „Herrschende“, wer immer das auch sein mag, sind da völlig irrelevant. Die bringen maximal 0,1 Prozent des Umsatzes. Also wer für die Herrschenden schreibt, der macht pleite. Aus der Sicht der Massenmedien ist der Herrschende der mit Kaufkraft ausgestatte Käufer der Produkte, den muss man an die Angel kriegen, also vor allem Sex and Crime liefern, aber auf jeden Fall Erregung. Interessant ist die Frage, was für einen Slip Britney Spears trägt, wie viele Sätze Analena Baerbock irgendwo abkopiert hat, welcher Abgeordnete im amerikanischen Repräsentantenhaus sich in einem Chat entblöst hat, warum sich Armin Laschet mit Markus Söder keilt, wahrscheinlich weil es zwei Alphatiere sind, was die Windsor family so treibt, die Amouren von Juan Carlos etc. etc. etc.. Der idiomatische deutsche Ausdruck „sich eine Meinung bilden“, wird da richtig wörtlich genommen, den es gibt tatsächlich eine Zeitung, wo man sich seine Meinung ausschließlich bildhaft bildet, auch wenn ein Bild, haben wir es mit reinen Sachzusammenhängen zu tun, eigentlich gar nichts sagt und vor allem nicht mehr als Tausend Worte. Der Kalauer hat was.

Warum finden Männer schöne Frauen attraktiver als intelligente?
Weil Männer besser gucken als denken können.

Man könnte jetzt argumentieren, dass die „Herrschenden“ die Massenmedien sponsern und so Inhalte in die Gehirne der Erniedrigten und Beleidigten drücken können. Allerdings ist dem Autor kein Fall bekannt, wo Massenmedien dauerhaft gesponsert werden. Denkbar ist sowas nur bei den öffentlich rechtlichen, aber auch die beschäftigen sich lediglich mit dem Wiederkäuen von Nachrichten, die man an jeder Ecke findet und im übrigen produzieren die einen Krimi nach dem anderen und der investive Journalismus wird nur in homöopathischen Dosierungen verabreicht. Bei Talk Shows wartet der Autor noch auf den Tag, an dem Boris Becker bei Markus Lanz mit Günther Jauch über die Zinspolitik der EZB diskutiert. Also dass die „Herrschenden“ ein paar Milliarden in die Hand nehmen um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, ist wirklich schwer vorstellbar. Massenmedien liefern bestenfalls Infotainment, mit ziemlich wenig infos und viel Erregung. Ohne den verkaufsfördernden Erregungsmoment hätte es Bernd Höcke auch nie in die Nachrichten geschafft und wenn es bei Pegida nicht so ultra skurrile Typen gäbe, würde kein Mensch darüber berichten. Maximal kann man sagen, dass Massenmedien bestimmte Leserschichten bedienen, wodurch das Argument, dass es im Intenet zur Blasenbildung kommt, also Leute sich nur noch in den Foren bewegen, wo ihre Weltsicht dominiert, ins Leere läuft. Das machen Massenmedien seit es sie gibt. Das hat jetzt konkret mit dem Internet gar nichts zu tun. Auch der raffiniertest Algorithmus von youtube oder Facebook ist nie so ausgefeilt eindimensional, wie die Tageszeitung die anno dazumal allmorgendlich im Briefkasten landete.

Rebus sic stantibus werden wir mit einem race to the bottom rechnen müssen, das heißt die Erregungsmaschine muss immer höher geschaltet werden, wobei der Wettbewerb um Kundschaft den Prozess nochmal beschleunigt. Richtig müsste es also heißen: Die herrschende Meinung ist die unterhaltsamste Meinung und die wichtigsten Themen sind die unterhaltsamsten Themen.

Der Spruch von Marx, die herrschende Meingung, ist die Meinung der Herrschenden, impliziert auch, dass die herrschende Meinung sachlich falsch ist und lediglich dem Volk Sand in die Augen gestreut wird. Das Problem ist aber, dass die Frage nach falsch oder richtig sekundär ist. Primär geht es um relevant oder irrelevant. Bei irrelevanten Themen ist es schlicht egal, ob die gemachten Aussagen falsch oder richtig sind. Das Problem ist, dass eine relevante Auseinandersetzung selten unterhaltsam ist. Ob Melinda dem Donald jetzt die Hand gegeben hat oder nicht oder ob Melinda jetzt gerne Glaskkugeln an die Christbäume im Weißen Haus hängt, ist objektiv völlig egal und damit ist es auch völlig egal, ob die Aussagen stimmen oder nicht. Ob sich allerdings mal irgendjemand dazu entschließt, den Haftbefehl gegen Julian Assange fallen zu lassen, ist relevant, weil das ganz grundsätzliche Fragen berührt.

Unterhaltsam ist, wir schreiben den 1. Juli 2021, ob Annalena Baerbock irgendwo abgeschrieben hat. Da kann jeder mitreden und hier toben die Foren. Das ist wie Abschreiben in der Schule. Dazu hat jeder was zu sagen, das wird sich jetzt noch WOCHEN hinziehen. Das ist weit interessanter, als das Wahlprogramm der Grünen. Relevant wäre eine Diskussion über die zukünftige Mobilität, da gibt es ja Tausend Möglichkeiten. Man könnte den CO2 Ausstoß auch dadurch senken, dass man einen Einsitzer, mit dem die Leute zur Arbeit fahren, steuerlich und versicherungtechnisch dem Familienauto zurechnet, man könnte die Leute auf die Bahn, bringen, indem man mehr Wettbewerb schafft bei der Bahn und diese gezwungen wird, zu Kostenpreisen die Gleise anderen zur Verfügung zu stellen, man könnte sich überlegen, ob man es Sinn macht, hochpreisige Autos mit Elektromotoren zu subventionieren oder ob man das Geld nicht besser in Forschung und Entwicklung steckt, man könnte die Möglichkeiten ausloten, Wasserstoff in der Sahara mit Thermosolaranlagen zu produzieren, etc. etc. etc.. Das liest aber kein Mensch. Ist langweilig. Annalena Baerbock hat abgeschrieben, dazu hat jetzt jeder eine Meinung.

Die Erkenntnis ist auch nicht wirklich neu. Sie stammt von Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Die witzigen Stellen hat Wikipedia gefunden.

Unser Fernsehapparat sichert uns eine ständige Verbindung zur Welt, er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Neil_Postman

Das allerdings, interessiert wohl auch niemanden. Im übrigen auch nicht im Bereich Bildung. E-learning gamifiziert alles. Das ist dann total cool und witzig. Ober eben auch stinklangweilig.

 

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