staunen, nicht ärgern

Die Literatur als Möglichkeitsraum

Die Geisteswissenschaften leiden ja bekanntlich an der „Versteheritis“, siehe z.B. hier https://theatrum-mundi.de/geisteswissenschaften-versteheritis-die-relevanz-der-wahrheit-und-friedrich-schiller/. In Millionen von Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten beschäftigen sich Hunderte von Millionen Leuten damit, was uns der Autor mit seinem Werk sagen wollte, wobei das, was er sagen wollte, sich durchaus auf Verhältnisse beziehen kann, wie sie in der Zeit der großen Winde herrschten. Gibt man Hermeneutik bei google ein, erhält man sagenhafte 3 Millionen Treffer und wir lernen, dass das ganzes Bataillon der üblichen Verdächtigen, also Aristoteles, Platon, Spinoza, Schleiermacher, Dilthey, Heidegger, Gadamer, Foucault, Derrida etc. etc. etc.. sich mit der Frage beschäftigte, was uns der Autor mit seinem Werk eigentlich sagen wollte. Verbreitet ist die Krankheit, wenn auch ein bisschen anders, auch unter Historikern, siehe https://theatrum-mundi.de/was-machen-eigenlich-historiker-irgendwas-zwischen-verstehen-erklaeren-beschreiben-interpretieren-illustrieren-erlaeutern-und-unterhalten/. Das führt dann zu gewaltigen Papierbergen und zu Hunderten von Millionen verschwendeter Steuergelder, weil das natürlich niemanden, außer der armen Sau, die eine der oben erwähnten Arbeiten schreiben muss und irgendwelche Literatur braucht, die sie zitieren kann, niemanden interessiert. Noch bedauernswerter ist der Mensch, der den Quatsch dann lesen muss, wobei letztere wenigstens staatlich alimentiert werde und ab und an auch ein „Forschungssemester“ bekommen, wo sie die Liste der zitierbaren geistigen Ergüsse erweitern können. Man könnte Sinnvolleres anstellen mit dem Geld, Steuergelder (!), siehe www.die-geisteswissenschaften.de. Die Geisteswissenschaften arbeiten hart daran, sich ins endgültige Aus zu manövrieren.

Ihr nennt es eueren Weg und wollt nicht ruhn
in trocknem Taumel rennend bis euch allen
statt Gottes rotem Blut
der Götzen Eiter in den Adern rinnt

Bei Stefan George ist alles klein geschrieben. Kann man machen, kann man lassen. Um den Vers von Stefan George zu verstehen braucht man aber was, was mit Versteheritis nichts zu tun hat.

Eine andere Liga ist dann Bertolt Brecht, das ist dann weniger verquast als das ganze Hermeneutik Gedöns, aber sachlogisch nicht besser. Bertolt Brecht will uns auf dem Theater die Welt erklären, also sozusagen Edutainment und Infotainment für Fortgeschrittene. Daraus schließt der Autor dieser Zeilen, dass Bertolt Brecht nie ein Handbuch zur Makroökonomie bzw. irgendeinen Klassiker, z.B. Alfred Marshall, Economics, in der Hand hatte. Die Welt erklärt man am besten in schlichter Prosa, wobei selbst in schlichter Prosa das noch schwierig ist.

Dann gibt es noch die litterature engagée, also Satre & Co, da soll der Leser dann durch die Lektüre woke werden wie es Neudeutsch heißt, früher hieß das schlicht sensibilisiert, und seinen Beitrag dazu leisten, die literarisch festgestellten Missstände zu beheben. Kann im Einzelfall funktionieren, A Escrava Isaura von Bernardo Guimarães wäre hierfür ein Beispiel, auch wenn die Sklaverei zum Zeitpunkt des Erscheinen des Romans schon abgeschafft worden war. In der Regel macht aber erst die Verfilmung eines solchen Werkes einen richtigen Rums. Massenwirksam wird die Darstellung eines Missstandes erst, wenn er unterhaltsam dargeboten wird.

Was gibt es noch? (Die Liste ist lang, wir werden jetzt nicht alle durchgehen.) Bei Maria Vargas Llosa ist die Literatur ein Gottesmord, ein deicidio (Historia de un deicidio). Der Schriftsteller erfindet die Welt neu, weil das, was Gott zusammengebaut hat, langweilig ist. Das sieht der Autor dieser Zeilen natürlich fundamental anders. Es gibt nichts Spannenderes, als die Realität. Die Xte Serie von irgendwelchen Rechtsanwälten, die sich heroisch und leidenschaftlich für ihre Mandanten einsetzen und nebenbei noch ihre privaten Probleme abwickeln ist in der Tat stinklangweilig. Der Witz bei Rechtsanwälten, um mal bei diesem Beispiel zu bleiben, ist die totale Abwesenheit von Romantik. Diese geballte Nicht-Romantik darzustellen, wäre wirklich spannend. Dokumentarfilme à la Michael Moore sind spannender als Filme, die durch Anfügen von beliebigen Nebenhandlungen auf 1,5 Stunden getrimmt werden müssen. Die Dominanz der Fiktion dürfte durch die Tatsache bedingt sein, dass man bei Fiktion mehr Ideen recyceln kann als bei der Darstellung der Realität, die man ja, bevor man sie darstellt, auch noch begreifen müsste. Das scheint auch das Problem der öffentlich rechtlichen Sender zu sein. Anstatt sich mit der ungemein spannenden Realität zu beschäftigen, produzieren die Krimis, Quiz-Shows und Trash in industrieller Serienproduktion.

Ach ja, die l’art pour l’art gibt es auch noch. Da wird dann die Zweckfreiheit betont. Die Vertreter dieser Richtung gehen davon aus, dass die Kunst überall instrumentalisiert werde. Bezogen auf die Literatur ist das aus mehreren Gründen reiner Blödsinn. Erstens bleibt hier unklar, was der Unterschied ist zur reinen Unterhaltung. L’art pour l’art in Reinkultur ist DER KOMMISSAR, der läuft jetzt schon seit gefühlten vierzig Jahren in der Glotze. Zweitens ist alles, auch das, was besonders engagiert daher kommt, im Grunde art pour l’art, das ist nämlich der tiefere Sinn. Eine Message verkauft sich nun mal leichter, wenn sie unterhaltsam dargeboten wird. Und last not least: Im luftleerem Raum gibt es nichts, was bedeutsam ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert