staunen, nicht ärgern

Geisteswissenschaften, Versteheritis, die Relevanz der Wahrheit und Friedrich Schiller

Das Wort GEISTESwissenschaften suggeriert, dass sich die Geisteswissenschaften mit dem Geist beschäftigen. Das Wort ist nämlich ein zusammengesetztes Wort, setzt sich also, das ist so bei zusammengesetzten Wörtern, zusammen aus einem Determinatum, das ist in diesem Fall Wissenschaft, und einem Determinans, das ist in diesem Fall Geist. Die Geisteswissenschaften sind also die Wissenschaft vom Geist. Das funktioniert wie bei der Kaffeetasse. Die Kaffeetasse ist ganz unstrittig eine Tasse, die vorrangig eben als Behälter für Kaffee dient. Also bis hierhin herrscht Einigkeit, danach wird es dubios.

Was der Geist ist, weiß allerdings kein Mensch, siehe https://www.die-geisteswissenchaften.de, da hat sich der Autor mal redlich bemüht, die Thematik etwas aufzudrösseln. Das lassen wir jetzt aber, ist im Moment nicht unser Thema. Lassen wir einfach abstrakt stehen. Geist ist eine dynamische Beziehung oder ein Spannungsfeld zwischen einem Subjekt (das ist derjenige der denkt, fühlt, meint, etc.) und dem Objekt (das ist das, was dieses Subjekt eben umgibt, beeinflusst, beeindruckt, unterdrückt, hemmt, erleuchtet oder was auch immer.) Dass eine solche Beziehung existiert, wird niemand bezweifeln. Ob jetzt das Subjekt das Objekt beeinflusst oder das Objekt das Subjekt oder ob sie in wechselseitiger Beziehung stehen, müssen wir jetzt nicht diskutieren, bzw. darum geht es jetzt nicht. Es geht um die Versteheritis.

Die Geisteswissenschaften vollen den Geist VERSTEHEN. Damit sind wir aber schon beim nächsten Problem, denn es ist völlig unklar, was VERSTEHEN eigentlich bedeutet.

Fragt der Physiklehrer seine Schüler, ob sie z.B. den Energieerhaltungssatz verstanden haben, dann bezieht sich die Frage auf objektive Zusammenhänge. Wir haben es dann nicht mit einem Spannungsfeld zwischen dem Subjekt und de Objekt zu tun. Wir haben es mit kausalen Zusammenhängen zu tun, die unabhängig vom betrachtenden Individuum immer richtig sind, soll heißen, dass wir stabile Verhältnisse haben, die auch Prognosen zulassen, wie sich das System verhält, wenn bestimmte Parameter gegeben sind. In Klausuren werden dann bestimmte Variablen vorgegeben und da das System stabil ist, lassen sich die unbekannten Variablen ermitteln. Das ist natürlich eine höchst sinnvolle Einrichtung und es ist ausgesprochen praktisch wenn man solche Dinge versteht, denn andernfalls würden wir verhungern. (In die Diskussion um die Logik der Forschung à la Popper werden wir jetzt nicht einsteigen. Wir verstehen ohne weiteres, dass man bei dieser Art von Verstehen etwas KAPIEREN muss. Die Feinheiten sind jetzt irrelevant.)

Verstehen wird aber noch in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet, der mit „kapieren“, gar nichts zu tun hat. Wenn irgenjemand einen anderen versteht, dann kann er nachvollziehen, warum dieser so denkt, fühlt und handelt, wie er nun mal handelt. Will man z.B. verstehen, wie sich jemand fühlt, der an z.B. an Krebs erkrankt ist, dann ist es hilfreich, selber mal so eine Krise durchlitten zu haben. (Was bei Ärzten manchmal ein Problem ist. Die verstehen zwar, zumindest oft und so mehr oder weniger, die Ätiologie einer Krankheit, das bedeutet aber nicht, dass sie verstehen, wie sich der Patient fühlt. Ein Großteil der kritischen Beurteilung der Ärzteschaft geht auf dieses Konto. Bemängelt wird dann ein Mangel an Empathie.) Bei dieser Art von verstehen haben wir ein Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt. Verstehen in diesem Sinn ist nicht mehr vom betrachtenden Subjekt unabhängig und es handelt sich auch nicht mehr um ein Verstehen, dass schlicht richtig oder falsch ist.

Der Autor würde sagen, dass in vielen Sprachen diese Zweideutigkeit besteht, wobei es in vielen Sprachen noch ein zweites Wort gibt, das pointierter entweder die sachlogische Ebene adressiert oder die intersubjektive Nachvollziehbarkeit. Entender im Spanischen z.B. meint sowohl das Begreifen sachlogischer Zusammenhänge, wie auch intersubjektive Nachvollziehbarkeit. In dem bekannten Lied von Eduardo Aute (https://www.youtube.com/watch?v=CQWITmHLlvg) heißt es

Estoy buscando un amor
que quiera COMPRENDER

nicht ENTENDER. Gesucht wird also eine Liebe, die verstehen will, und zwar die Freude, den Schmerz, den Zorn und die Lust. Das spanische entender ist im Französischen zu entendre mutiert, das heißt dann aber nur noch hören, was es im Spanischen auch bedeuten kann, und comprendre adressiert sowohl das Verständnis sachlogischer Zusammenhänge wie auch die intersubjektive Nachvollziehbarkeit. Im Italienischen haben wir capire und comprendere im Angebot, wobei capire auf das Erkennen sachlogischer Zusammenhänge abstellt, die unabhängig vom Individuuum wahr bzw. richtig sind. Comprendere stellt mehr auf die intersubjektive Nachvollziehbarkeit ab. Wir haben also selbst innerhalb einer Sprachenfamilie Unterschiede, aber die Unterscheidung zwischen vestehen im Sinne von „kapieren“ und verstehen im Sinne von „innerlich nachvollziehen“ wird überall gemacht. Die Sprecher realisieren diese Unterscheidung zwar mit unterschiedlichen Wörtern, aber „intuitiv“ treffen alle diese Unterscheidung. Die einzigen, die Probleme mit dieser Unterscheidung haben, scheinen Geisteswissenschaftler zu sein, was fatal ist, denn genau in diesem Bereich ist diese Unterscheidung höchst relevant.

Da die Geisteswissenschaften nun mal an Universitäten angesiedelt sind, wo Fächer unterrichtet werden, bei denen die intersubjektive Nachvollziehbarkeit bzw. das Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt schlicht gar keine Rolle spielt, Fächer bei denen es also allein um das Erkennen sachlogischer Zusammenhänge geht, wo eine Aussage also entweder falsch oder richtig ist, sind sie der Meinung, dass sie ewig gültige Wahrheiten entdecken müssen, was wohl teilweise erklärt, dass man sich auf Bereiche konzentriert, bei denen das Subjekt keine Rolle mehr spielt, bzw. nur noch als Strukturelement auftritt.

Ein Beispiel hierfür wäre die „Forschung“ im Bereich semantische Felder, der ganze Strukturalismus und Poststrukturalismus Hokuspokus, die Einführung von nicht verstandenen Begrifflichkeiten aus den Wirtschaftswissenschaften bei Bourdieu, der hat so richtig nicht verstanden, was mit Kapital eigentlich gemeint ist, das ganze Noveau Roman blabla in der Romanistik. Ohne Subjekt, bzw. wenn das Subjekt nur noch als Strukturelement besteht, haben wir finstersten Marxismus. Wenn das Sein, also das Objekt, das Bewußtsein, also das Subjekt bestimmt, dann haben wir ein wissenschaftliches Paradigma, das der ursprünglichen Intention der Geisteswissenschaften, nämlich der Erfassung des Individuellen, diametral entgegengesetzt ist. Abgesehen davon ist der Ansatz Blödsinn. Was im Tierreich stimmt, Tiere, also das Subjekt, passen sich an ihre Umwelt, also das Objekt, an, stimmt bei Menschen eben nicht. Der Mensch hätte sich nicht an die Lebensbedingungen auf den Galapagos Inseln angepasst. Stünden diese nicht unter Naturschutz, hätte der Mensch die Galapagos Inseln an seine Bedürfnisse angepasst. Schon die Lateiner mit ihrem tempora mutantur et nos mutamor in illis, die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit den Zeiten liegen da falsch. Wesentlich öfter ändern sich die Menschen und damit die Zeiten.

Der Wissenschaftsbetrieb, also wenn man Professorchen werden will und verbeamtet selig in die Pensionierung hinüberdämmern will, braucht ein Selektionskriterium, also das Kriterium absolute Wahrheit. Zumindest muss suggeriert werden, dass es sowas gibt, denn andernfalls müsste man konzedieren, dass Verbeamtung lediglich eine subjektive Sympathiebekundung der Kollegen ist. Versteht man unter Geist das Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt, dann gibt es keine absolute Wahrheit mehr, dann gibt es in Abhängigkeit von der individuellen Entwicklung sehr viele Wahrheiten und vor allem gibt es dann ein Kriterium, dass bei den verbeamteten Geistlichen schlicht gar keine Rolle spielt: Relevanz.

In der Welt der sachlogischen Richtigkeit gibt es falsch und richtig, was in dieser Welt höchst vernünftig ist, das heißt im Hinblick auf ein konkretes Ziel ist es z.B. sinnvoll zu wissen, wie viel Energie mach braucht, um einen Liter Wasserstoff zu produzieren, welche Energiedichte dieser Wasserstoff hat im vergleich zu fossilen Bennstoffen und ob man ihn so in Tanks abfüllen kann, dass er, wenn man damit Flugzeuge betankt, nicht mitten in der Luft explodiert, das wäre nämlich schlecht. Das sieht jeder ein. Wir lassen das jetzt mit der Grundlagenforschung weg, bei der ein effizienter Steuerungsmechanismus ja auch fällt, und aktzeptieren erst Mal, dass das Kriterium Relevanz hier eine ganz bedeutende Rolle spielt. (Ist jetzt klar, mRNA Impfstoffe beruhen auf Grundlagenforschung im Bereich Molekularbiologie, die ursprünglich ziemlich sinnfrei war uns aber heute den Arsch rettet. Wir brauchen das aber nicht weiter zu vertiefen. Relevanz spielt in der Welt der sachlogischen Aussagen eine Rolle.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.