staunen, nicht ärgern

Der Nationalstaat, Eric Zemmour und Björn Höcke

Man muss den geldtheoretischen Überlegungen Milton Friedmans, dafür hat er ja den Nobelpreis bekommen, nicht zustimmen, bzw. es ist eigentlich ziemlich offensichtlich, dass sie falsch sind, siehe https://economics-reloaded.de/9_Monetarismus/Milton_Friedman/9_1_Milton_Friedman.htm, es kann einem auch einem Menge Kritisches zu seiner zum Anarcho-Kapitalismus tendierenden Staatsauffassung einfallen, aber eine Sache sieht er, und noch mehr Sohnemann, also David Friedman, irgendwie richtig, bzw. unter der richtigen Perspektive. Staaten müssen vor allen Dingen mal effizient sein, der ganze Tralala drum herum ist eigentlich blanker Unsinn.

Es ist naheliegend, dass eine Organisationseinheit zur Lösung bestimmter Probleme eine gewissen Größe haben muss, um von einer Fixkostendegression zu profitieren. Ein Dorf mit 1000 Einwohnern, kann für potentiell 10 Patienten im Jahr keine Intensivstation für ein paar Millionen Euro vorhalten, für 50 Stundenen keine komplette Universität, für 5 km Straße, die im Verlaufe der Jahrzehnte gebaut werden müssen, keine schweren Baumaschinen, für einen komplizierten Kriminalfall alle fünf Jahre keine gut ausgestatte Kriminalpolizei etc. etc. etc.. Was jetzt die optimale Betriebsgröße für einen Staat ist, ist jetzt schwer zu sagen, es gibt da ja bekanntlich eine sehr weite Bandbreite, die unter anderem davon abhängt, wie mit anderen Staaten kooperiert wird. Wo es sich anbietet, etwa im Bereich Forschung und Entwicklung, kooperieren Staaten ja bekanntlich. Auf der anderen Seite besteht die Tendenz, bei großer Betriebsgröße, den Betrieb dann in kleinere Einheiten, etwas Bundesländer, mit in bestimmten Bereichen eigener Kompetenz, aufzuspalten. Das ist aber soweit trivial und nicht der interessante Punkt.

Der interessante Punkt ist, dass solche Gebilde Identitäten schaffen, bzw. irgendwas, mit dem die Leute sich „identifizieren“, was immer man jetzt konkret unter Identifikation versteht. Das ist selbst dann der Fall, wenn Landesgrenzen dieser Staaten völlig willkürlich gezogen worden sind. Die Ausgangsbedingungen aller südamerikanischen Staaten z.B. war weitgehend gleich. Die Herausbildung einzelner Staaten, Kolumbien, Venezuela, Peru, Chile, Pero etc. beruhte nicht auf kulturellen Unterschieden, Unterschiede in der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung ergaben sich erst später. Trotzdem identifizieren sich die Leute mit ihrer Patria. Die Schulkids in Bolivien intonieren zu allen möglichen Anlässen „Viva mi patria Bolivia / que es una gran nación / para ella doy mi vida / también mi corazón.“ Also die sind auch bereit für Volk und Vaterland zu sterben, das kennen wir ja schon. Man kann finden, dass es bzgl. der Identifikation hier Ähnlichkeiten gibt mit Fussballmannschaften. Obwohl im Grunde jedem klar ist, dass Fussballvereine Unternehmen sind, die mit austauschbaren Mitarbeitern operieren und eigentlich nichts Spezifisches haben, für das man schwärmen könnte, bzw. das einen individuell ansprechen könnte, finden wir allsonntäglich eine „Identifikation“ mit Fussballmannschaften. (Man könnte finden, dass sich die Fans in den berliner Verkehrsbetrieben auch ohne Fußballmannschaft besaufen könnten, aber offensichtlich macht das mehr Spaß, wenn man Fan ist eines Fussballvereins, warum auch immer.)

Die Liebe zum Vaterland ist also eine andere Nummer als die Liebe zu einer Person. In der Regel, Ausnahmen sind möglich, muss die Person, in die man sich verliebt, irgendetwas Spezifisches haben, etwas, was man attraktiv, anziehend oder was auch immer findet. Ein Land hat aber in der Regel gar nichts Spezifisches, bzw. nur ein Teil davon hat etwas spezifisches, das man anziehend finden kann. Wer auf verwinkelte Gassen steht, der mag Granada, und wer gerne segelt, kann Fan von Auckland sein. Wer gerne Berge hochkraxelt, kann die Schweiz attraktiv finden und wer sich gerne einen Joint reinzieht, kann Amsterdam cool finden. Also irgendetwas Spezifisches, kann man attraktiv finden, aber ein ganzes Land hat nichts Spezifisches, wenn man mal, unter Umständen, von der Sprache absieht. Ganze Nationen sind ziemlich unspezifisch und ein chilenischer Winzer hat viel gemeinsam mit einem Deutschen Winzer, die hätten sich vermutlich eine Menge zu sagen, aber sehr viel weniger mit einem chilenischen Onkologen oder einem Professor für moderne Literatur. (Wobei letztere sich wahrscheinlich nett mit ihren Französischen Kollegen unterhalten könnten.)

Wir haben also das merkwürdige Phänomen, dass Organisationen, deren Sinnhaftigkeit sich eigentlich nur ökonomisch rational begründen lässt, zu einer „Identifikation“ führen, das heißt in Bereiche ausgreift, die sich rational überhaupt nicht mehr erklären lässt. Fußballfans sind zutiefst erschüttert, wenn „die Mannschaft“ es nicht mal ins Viertelfinale schafft und drehen durch vor Freude, wenn eben selbige Weltmeinster wird. Und das bei vollem Bewusstsein, dass auch „die Manschaft“ letztlich ein Unternehmen ist. Irgendein Verein muss die Spieler einkaufen, das ist ein BWL Problem, also eine Frage, wie gut der betreffende Verein wirtschaftet, wie viel er also bezahlen kann. Ist der Spieler dann da, kriegt er einen deutschen Pass und gut ist. „Die Manschaft“ ist so unspezifisch wie die gesamte Republik.

Wie kann man das skurrile Phänomen erklären? Nachvollziehbar ist, dass sich Menschen da am wohlsten fühlen, wo sie sich auskennen und das ist nun mal in der Regel die Gegend, wo sie einen gültigen Pass haben mit unbeschränkter Aufenthaltserlaubnis. Was zur Identifikation führt ist also nicht irgendetwas Spezifisches, sondern Vertrautheit. Nachvollziehbarerweise spielt hier die Sprache eine entscheidende Rolle. In der Regel, Ausnahmen bestätigen die Regel, wird in einer Nation eine Sprache gesprochen bzw. eine Sprache ist der gemeinsame Nenner. Wo dies nicht der Fall ist, bei den Kurden in der Türkei, bei den Katalanen in Spanien, den Uiguren in China, den Berbern in Algerien etc. etc. gibt es Probleme. Sprache ist tatsächlich so was wie Heimat. Werden Menschen aus dieser vertrieben, weil sie nicht anerkannt wird, kann es schon mal passieren, dass sie bewaffnet Widerstand leisten. In der deutschen Presse wird auch wesentlich ausführlicher über Österreich berichtet, also z.B. über Frankreich, weil in Österreich eben Deutsch gesprochen wird, das Land ist also vetrauter. Die Presse im deutschsprachigen Bereich der Schweiz berichtet ausführlich über Deutschland und der Autor vermutet, dass in der italienisch bzw. französischsprachigen Schweiz auführlich über Italien und Frankreich berichtet wird. Dass sich Staaten meistens solange ausdehnen, bis die Grenzen des Sprachgebietes erreicht sind, ist auch ökonomisch nachvollziehbar. (Wobei, siehe Schweiz, Ausnahmen die Regel bestätigen. Unterschiedliche Sprachräume können sich zur Abwehr eines gemeinsamen Feindes auch zusammenschließen.) Unterschiedliche Sprachen wären im Alltag ein echtes Hindernis.

Die Begeisterung für die Nation lässt sich also mit der Binse ganz gut erklären: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Es ist nachvollziehbar, dass man für das Vertraute eine engere Beziehung aufbaut, als zum Fremden. Naheliegend ist auch, dass es leichter ist, über das Fremde Mythen zu verbreiten, also über das Vertraute. Bei dem Vertrauten können die Leute ja eher nachprüfen, ob die Propaganda einen Wahrheitsgehalt hat oder nicht.

Würde beim Nationalismus bzw. Patriotismus spezifische Eigenschaften eine Rolle spielen, würde dies eine bewusste Auswahl voraussetzen, die der Nationalist bzw. Patriot aber nicht machen kann, da es ihm an Vertrautheit mit andere Kulturkreisen fehlt.

Soweit so schlicht. Wir fühlen uns erst mal in einem Umfeld wohler, wo wir uns auskennen. Daraus ergibt sich aber auch, dass die oft gemachte Unterscheidung zwischen Nationalismus, das ist der, der andere Nationen hasst, und Patriotismus, das ist der, der sein Land liebt, ohne andere zu hassen, de facto nicht existiert. Wer in diesem Kontext Liebe mit Vertrautheit verwechselt, ist manipulierbar. Die Grenzen zwischen Nationalismus und Patriotismus sind so fließend, dass sie de facto inexistent sind.

Verstärkt wird das Phänomen dadurch, dass alle Nationen über ihre jeweiligen Bildungssystem eine Identität SCHAFFEN wollen, was etwas ganz anderes ist, also Individualitäten zu entwickeln. Das gelingt zwar nicht, weil in der Neuzeit kulturelle Erscheinungen aller Art, Musik, Moden, Bellestristik, etc. globale Strömungen sind, aber versucht wird es trotzdem. Was dem einen sein Goethe, ist dem anderen sein Quijote, dem dritten sein Shakespeare, dem vierten sein Dante und dem fünften sein Racine und Molière. Gleichermaßen hoffnungslos sind die jeweiligen Versuche, Sprachen „rein“ zu halten. So was wie den „Verein deutsche Sprache“, https://vds-ev.de/, gibt es überall, in jeder Nation gibt es Besorgte, die die Reinheit der Sprache bewahren wollen.

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