staunen, nicht ärgern

Des Kaisers neue Kleider

In der großen Stadt, in welcher er wohnte, ging es sehr munter zu; an jedem Tage kamen viele Fremde da an. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger; sie gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, das man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster wären nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, besäßen die wunderbare Eigenschaft, daß sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

Grundbedingung für das Funktionieren des Schemas ist also Angst. Da die Grundaussage für wahr gehalten wird, also nur diejenigen die Kleider sehen können, die den Anforderungen des Amtes gewachsen sind, wird keiner zugeben, dass er die Kleider nicht sieht, wobei das Märchen den entscheidenden Punkt eben nicht erklärt. Nicht erklärt wird, wieso die Grundannahme nicht mehr hinterfragt wird.

Kaum anzunehmen, dass Hans Christian Andersen die Erfahrung, die dem Märchen zugrunde liegt, bei Kleidern gemacht hat. Läuft jemand nackt durch die Gegend, wird man niemandem überzeugen könenn, dass er angezogen ist. Zugrunde liegen dürften wohl eher Begrifflichkeiten, die hinterfragt schlicht nichts bedeuten.

In der Realität dürfte es hierfür völlig unterschiedliche Mechanismen geben. Die Begrifflichkeiten können schlicht gewaltsam durchgesetzt werden. Erich Mielke z.B. war nicht in der Lage, dafür fehlte ihm jede Ausbildung, das Theoriegebäude des Marxismus zu erfassen, denn dieses beruht letztlich auf der klassischen Nationalökonomie und hat auch dieselben inhärenten Fehler. Er wirft aber mit tonnenweise Begriffen um sich, Bourgeoisie, Arbeiterklasse, marxistisch / leninistische Partei, Imperialismus, sozialistische Bewusstsein, dialektischer Materialismus etc. etc… Wer es dann wagte, diese Begriffe zu hinterfragen, der hatte ein echtes Problem. Der Originalsound Erich Mielke findet sich hier: https://www.stasi-mediathek.de/medien/rede-von-minister-erich-mielke-zum-8-jahrestag-des-ministeriums-fuer-staatssicherheit/. Hätte Erich Mielke jetzt jemand gefragt, wieso der Kapitalist Kapital, was auch bei Marx letztlich Geld ist, Marx nennt das dann Geldkristall, akkumulieren muss, wenn jede Zentralbank Geld in jeder x-beliebigen Menge drucken kann, wäre Erich Mielke so nackt gewesen wie der Kaiser. Allerdings wäre derjenige, der diese naheliegende Frage gestellt hätte, im Knast gelandet, wenn er auf eine Antwort allzulange insistiert hätte, mit dem Ergebnis, dass niemand diese sehr naheliegende Frage stellte und sowenig wie der Minister im Märchen zugegeben hätte, dass der Stoff nicht vorhanden ist, damit hätte er sich ja als inkompetent geoutet, hätte ein Minister, Professor, Lehrer des Marxismus / Leninismus an Schulen zugegeben, dass das ganze marxistisch leninistische Tohuwabohu schlicht nichts bedeutet, denn das hätte jeden den Job gekostet.

So krass finden wir das Phänomen aber im Alltag nicht. Weit öfter finden wir das Phänomen, dass buzz words eine Komplexität vortäuschen, wo tatsächlich nichts ist. Wirtschaftsberatungsgesellschaften wie Mckinsey, Arthur de Little, Ernst & Young etc. haben es hier zur wahren Meisterschaft gebracht. Wenn die Jungs und Mädels ihre Power Point Folien runterrattern und alle buzz words, die gerade Mode sind, runter rattern, total cost of ownwership, change management, direct costing, core competencies, business reengineering etc…, dann versinken die Beamten auf ihren Stühlen. Dahinter verstecken sich dann, wenn sich überhaupt was dahinter versteckt, recht simple Dinge, die durchaus aus der Sphäre des Alltags bekannt sind. Wer z.B. ein Auto kauft, der sollte sich mal darüber Gedanken machen, was neben den Anschaffungskosten noch alles an Kosten, im laufenden Betrieb, anfallen. Das schaffen aber alle Leute, auch ohne total cost of ownership. Wer aber heiße Luft verkaufen will, braucht dafür einen hübschen Namen. Andererseits ist ein Jargon auch konstituierend für eine Gruppe. Wer die Begriffe benutzt, gibt sich als Angehöriger der total motivierten Truppe zu erkennen, wer statt direct costing schlicht Deckungsbeitragsrechnung sagt, ist eben ein Langeweiler.

Ein spezifischer Jargon sorgt für die Kohäsion der Gruppe. Wer Linguist werden will, sollte z.B. die Begriffe abstraktive Relevanz und aperzeptive Ergänzung kennen. Damit ist gemeint, dass man manche Leute noch versteht, wenn sie nuscheln, das ist dann die aperzeptive Ergänzung oder wenn sie in einem Satz einen Hustenanfall bekommen, das ist dann die abstraktive Relevanz. Wir haben da zwei wunderschöne Fachbegriffe, mit denen wir uns als Kenner der Materie zu erkennen geben, die aber leider eigentlich nichts bedeuten, bzw. nichts, was so bedeutend ist, dass man hierfür neue Termini einführen müsste.

Hans Christian Andersen liefert keine weitere Erklärungen für das Phänomen, der Abstraktionsgrad, auf dem er das Phänomen beschreibt ist ziemlich hoch, die Darstellung als solche also wenig suggestiv. Von daher erstaunt es, dass die message ankommt, zumal im Alltag selten etwas hinterfragt wird, wenn eine Begrifflichkeit von einer mit Autorität ausgestatten Persönlichkeit benutzt wird, bzw. von Massenmedien kommuniziert wird. Es findet sich nichts in dem Märchen, was erklären würde, warum auch das einfache Volk den Hokuspokus glaubt.

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