staunen, nicht ärgern

Des Kaisers neue Kleider

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Geschichten ins kollektive Gedächtnis eingehen, manchmal beruhen sie schlicht auf einem Irrtum. „Gegen Windmühlen“ kämpft zum Beispiel Don Quijote und der Autor des Romans, also Miguel de Cervantes Saavedra, hat hier tatsächlich in allen größeren Sprachen dieser Welt Spuren hinterlassen. Hier allerdings liegt ein Missverständnis vor. Wer mit dieser Metapher ein Verhalten beschreibt, meint meistens, dass der der Widerstand gegen eine Fehlentwicklung zwar rational nachvollziehbar, aber sinnlos ist, weil durch das Opponieren aufgrund der Machtverhältnisse die Fehlentwicklung nicht korrigiert werden kann. Genau das ist aber eben genau nicht die Situation, die der Roman beschreibt. Don Quijote kämpft gegen real existierende Windmühlen, also gegen Vorrichtungen, mit denen Mehl gemahlen wird, und diese sind höchst zweckmäßig. Das Problem des Hidalgo de la Mancha ist ein ganz anderes. Für das von ihm ersehnte ritterliche Leben ist in einer durch und durch prosaischen Welt schlicht kein Platz. Die Details sind jetzt etwas komplizierter, der Autor hat den Roman mal umgedichtet, so dass der Kern der Problematik deutlicher wird, siehe https://www.spanisch-lehrbuch.de/uebungen/level3_hoerverstaendnis/literatur/Don_Quijote/Don%20Quijote_es_de.pdf, aber vereinfacht gesagt ist das so. Hier haben wir wohl die Situation, dass die Leute den Roman, bzw. diese bestimmte Stelle des Romans, in einer Weise interpretieren, die näher an ihrer Alltagserfahrung liegt und die etwas komplexere Konstellation des Romans von der Alltagserfahrung abweicht, so dass es zu Fehlinterpretationen kommt. Lernen kann man daraus, dass die Interpretation von der Vorerfahrung abhängig ist.

(Wobei man sich manchmal wundern kann: Meerfahrt mit Don Quijote, eine Art Essay von Thomas Mann, hat den Kern der Problematik auch nicht erfasst. Spätestens an der Stelle, wo der Canónigo, also ein Vertreter der Kirche, die Ritterromane mit dem Hinweis zu diskreditieren sucht, dass es wohl unmöglich sei, dass ein Hirtenjunge einen Riesen mit einer Steinschleuder erschlägt, hätte Thomas Mann mal aufwachen müssen, denn es gibt nur einen Ritterroman, wo so etwas beschrieben ist, nämlich die Bibel. Die Bibel ist also sozusagen die Mutter aller Ritteromane. Aber das ist im Moment nicht unser Thema. Festellen kann man nur, dass Thomas Mann manchmal eine ziemliche Tratschtante ist. )

Ins kollektive Gedächtnis der Menschheit hat es auch die kleine Seejungfrau von Hans Christian Andersen geschafft. Warum weiß eigentlich niemand. Im Roman Doktor Faustus von Thomas Mann sieht sich Adrian Leverkühn in der Person der kleinen Seejungfrau gespiegelt. Auf der einen Seite ist er auf Menschen angewiesen, andererseits bereitet ihm der Umgang mit selbigen Schmerzen, was ja das Problem der kleinen Seejungfrau ist. Um unter den Menschen zu weilen, hat sie ihren Fischwanz durch zwei Beine austauschen lassen, kann damit aber nicht schmerzfrei gehen. (Was ein allgemeines Problem der Familie Mann gewesen sein muss. Golo Mann beschreibt in Wallenstein eine ähnliche Konstellation.)

Das wäre also die Liga Nietzsche.

Die Welt ein Tor, zu tausend Wüsten stumm und kalt
wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends halt

Möglich auch, dass der Bekanntheitsgrad des Märchens darauf beruht, dass manche Leute sich ein Stück weit aufgeben, wenn sie sehr verliebt sind.

Ein anderes Beispiel wäre das hässliche Entlein. Das ist eigentlich gar nicht hässlich, nur leider im falschen Umfeld. Eigentlich ist es ja ein Schwan. Das kann man jetzt über Hunderte von Seiten so weiter treiben. Sebastin Haffners Buch über die psychische Verfassung des nationalsozialischen Regimes trägt den Titel Jekyll & Hyde, was wiederum auf den Roman von Robert Louis Stevenson, Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, zurückgeht. Alice im Wunderland hat eine gewisse Logik. Ist alt werden ein Problem, wäre es logischer, den Nichtgeburtstag zu feiern. Ein prominentes Beispiel wäre noch die 9. Symphonie von Beethoven mit der Ode an die Freude von Friedrich Schiller. Da kann man sogar davon ausgehen, dass sich das Teil ins kollektive Gedächtnis der Menscheit eingebrannt hat, weil die message angekommen ist, auch wenn hieraus nur bedingt Konsequenzen gezogen werden.

Warum sich manche Geschichten ins kollektive Gedächtnis einbrennen und manche nicht, hat allerdings nicht notwendigerweise damit etwas zu tun, dass eine typische Situation allgemeingültig beschrieben wird. Ähnlich bekannt wie die kleine Seejungfrau ist z.B. Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, Frau Holle oder Rotkäppchen und da ist nicht erkennbar, dass eine typische Situation auf den Punkt gebracht wird. Eine Rolle spielt wohl auch der Unterhaltungswert, die Frage, ob es musikalisch umgesetzt wurde, das ist bedeutsam bei den englischen nursery rhymes, ob Walt Diseny einen Film daraus gemacht hat und eben Zufall.

Bei des Kaisers neue Kleider scheint allerdings die Tatsache eine Rolle zu spielen, dass eine typische Situation beschrieben wird. Gibt man des „Kaisers neue Kleider“ bei google ein, bekommt man sagenhafte 6,5 Millionen Treffer und in diesem Fall versuchen sogar viele Leute, das Märchen soziologisch zu deuten. Google hat es sogar geschafft, automatisiert eine Antwort auf die Frage zu finden, was das Märchen aussagt. Die Quintessenz steht eigentlich da:

In der großen Stadt, in welcher er wohnte, ging es sehr munter zu; an jedem Tage kamen viele Fremde da an. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger; sie gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, das man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster wären nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, besäßen die wunderbare Eigenschaft, daß sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

Grundbedingung für das Funktionieren des Schemas ist also Angst. Da die Grundaussage für wahr gehalten wird, also nur diejenigen die Kleider sehen können, die den Anforderungen des Amtes gewachsen sind, wird keiner zugeben, dass er die Kleider nicht sieht, wobei das Märchen den entscheidenden Punkt eben nicht erklärt. Nicht erklärt wird, wieso die Grundannahme nicht mehr hinterfragt wird.

Kaum anzunehmen, dass Hans Christian Andersen die Erfahrung, die dem Märchen zugrunde liegt, bei Kleidern gemacht hat. Läuft jemand nackt durch die Gegend, wird man niemandem überzeugen könenn, dass er angezogen ist. Zugrunde liegen dürften wohl eher Begrifflichkeiten, die hinterfragt schlicht nichts bedeuten.

In der Realität dürfte es hierfür völlig unterschiedliche Mechanismen geben. Die Begrifflichkeiten können schlicht gewaltsam durchgesetzt werden. Erich Mielke z.B. war nicht in der Lage, dafür fehlte ihm jede Ausbildung, das Theoriegebäude des Marxismus zu erfassen, denn dieses beruht letztlich auf der klassischen Nationalökonomie und hat auch dieselben inhärenten Fehler. Er wirft aber mit tonnenweise Begriffen um sich, Bourgeoisie, Arbeiterklasse, marxistisch / leninistische Partei, Imperialismus, sozialistische Bewusstsein, dialektischer Materialismus etc. etc… Wer es dann wagte, diese Begriffe zu hinterfragen, der hatte ein echtes Problem. Der Originalsound Erich Mielke findet sich hier: https://www.stasi-mediathek.de/medien/rede-von-minister-erich-mielke-zum-8-jahrestag-des-ministeriums-fuer-staatssicherheit/. Hätte Erich Mielke jetzt jemand gefragt, wieso der Kapitalist Kapital, was auch bei Marx letztlich Geld ist, Marx nennt das dann Geldkristall, akkumulieren muss, wenn jede Zentralbank Geld in jeder x-beliebigen Menge drucken kann, wäre Erich Mielke so nackt gewesen wie der Kaiser. Allerdings wäre derjenige, der diese naheliegende Frage gestellt hätte, im Knast gelandet, wenn er auf eine Antwort allzulange insistiert hätte, mit dem Ergebnis, dass niemand diese sehr naheliegende Frage stellte und sowenig wie der Minister im Märchen zugegeben hätte, dass der Stoff nicht vorhanden ist, damit hätte er sich ja als inkompetent geoutet, hätte ein Minister, Professor, Lehrer des Marxismus / Leninismus an Schulen zugegeben, dass das ganze marxistisch leninistische Tohuwabohu schlicht nichts bedeutet, denn das hätte jeden den Job gekostet.

So krass finden wir das Phänomen aber im Alltag nicht. Weit öfter finden wir das Phänomen, dass buzz words eine Komplexität vortäuschen, wo tatsächlich nichts ist. Wirtschaftsberatungsgesellschaften wie Mckinsey, Arthur de Little, Ernst & Young etc. haben es hier zur wahren Meisterschaft gebracht. Wenn die Jungs und Mädels ihre Power Point Folien runterrattern und alle buzz words, die gerade Mode sind, runter rattern, total cost of ownwership, change management, direct costing, core competencies, business reengineering etc…, dann versinken die Beamten auf ihren Stühlen. Dahinter verstecken sich dann, wenn sich überhaupt was dahinter versteckt, recht simple Dinge, die durchaus aus der Sphäre des Alltags bekannt sind. Wer z.B. ein Auto kauft, der sollte sich mal darüber Gedanken machen, was neben den Anschaffungskosten noch alles an Kosten, im laufenden Betrieb, anfallen. Das schaffen aber alle Leute, auch ohne total cost of ownership. Wer aber heiße Luft verkaufen will, braucht dafür einen hübschen Namen. Andererseits ist ein Jargon auch konstituierend für eine Gruppe. Wer die Begriffe benutzt, gibt sich als Angehöriger der total motivierten Truppe zu erkennen, wer statt direct costing schlicht Deckungsbeitragsrechnung sagt, ist eben ein Langeweiler.

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