staunen, nicht ärgern

Die offene Gesellschaft und ihre Romantik

Der Begriff „offene Gesellschaft“ bringt es bei google auf sagenhafte 48 Millionen Treffer, das englische Pendant „open society“ auf unglaubliche 1,6 Milliarden Treffer. Das kann kaum daran liegen, dass die Leute das Werk von Popper „The Open Society and its Enemies“ tatsächlich gelesen haben. Der Schmöker ist ziemlich umständlich geschrieben und die These, dass Platon, Hegel und Marx Pate standen bei totalitären Systemen, wird so richtig auch nicht erklärt. Totalitäres System bezieht sich hier, wenn auch nicht expressis verbis genannt, auf den Nationalsozialismus, aber bzgl. des Nationalsozialismus können einem ja wirklich viele Gründe einfallen und noch mehr finden sich in der Literatur zu diesem Thema, Weltwirtschaftskrise, die von der wilhelminischen Zeit geerbte Obrigkeitshörigkeit, Rassenwahn, Unterstützung durch die Stahlkocher etc. etc.. Platon ist zwar morto e sepolto, als tot und beerdigt, aber für totalitäre Strömungen kann er jetzt wirklich nichts. Platon interessiert keine Sau, nicht mal Hitler und Stalin. Was Hegel angeht, sieht Popper das wohl ein bisschen underkomplex. Zwar trifft es zu, dass bei Hegel am Ende der Geschichte nur das bewusst wird, was am Anfang schon da war, aber das hat dürfte die nationalsozialistische Clique kaum interessiert haben. Ist aber letztlich egal, wer sich dafür interessiert, kann es hier nachlesen: https://economics-reloaded.de/7_kritischer_Rationalismus/Karl_Popper/7_Karl_Popper.htm.

Die Grundthese, die im Begriff offene Gesellschaft ausgedrückt wird, ist nun bestechend einfach, obwohl man bezweifeln kann, dass selbige sich rumgesprochen hat.Plausibler ist, dass die offene Gesellschaft die Zusammenfassung all dessen ist, was nette Leute halt gut finden: Demokratie, Menschenrechte, Aufklärung, Toleranz, Rechtstaat etc.. Das ist natürlich alles nicht zu beanstanden und konsens, aber die offene Gesellschaft meint etwas Spezifischeres.

Popper überträgt seine Argumentation aus „Logik der Forschung“ auf den gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsprozess. Es ist unerheblich, ob sich eine These experimentell oder wie auch immer bestätigen oder verifizieren lässt, da wir aus eine endlichen Anzahl an Vorkommnissen nie auch eine unendliche Anzahl an Vorkommnissen schließen können. Die These, dass Schwäne weiß sind, lässt sich unendlich oft verifizieren, richtig ist sie trotzdem nicht. Es gibt schwarze Schwäne. Die These, dass eine Eisenkugel schneller fällt als eine Feder, erleben wir jeden Tag. Falsch ist die These trotzdem. Im luftleeren Raum fallen beide gleich schnell. Entscheidend ist, ob eine These überhaupt falsifizierbar formuliert ist. Die These von der Existenz Gottes z.B. ist nicht falsifierbar formuliert, kann experimentell oder wie auch immer weder bestätigt noch widerlegt werden. Diese Logik überträgt er nun auf den gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsfindungsprozess. Da niemand den Gang der Geschichte vorhersagen kann, das ist das, was er Marx und Hegel vorwirft, gibt es auch keine Möglichkeit, die ideale Gesellschaft auf dem Reissbrett zu planen. Die Entwicklung ist also „offen“ und in „offene Gesellschaften“ müssen Entscheidungen immer wieder korrigiert werden und das gelingt relativ friedlich in Demokratien.

[Bzgl. des wissenschaftstheoretischen Ansatz, also dem Insistieren auf Falsifizierbarkeit, ist der Popper Ansatz einerseits banal und andererseits falsch. Ganz ohne Popper werden Thesen, zumindest in den Naturwissenschaften, falsifizierbar formuliert. Es gibt keine Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, wenn die in der Veröffentlichung vertretenen Thesen und die dazugehörigen Experimente sich nicht „nachkochen“ lassen. Irrtümlich ist aber, dass eine These verworfen wird, wenn sie falsifiziert worden ist. In der Regel wird man eher davon ausgehen, dass die These an sich richtig ist, aber im Einzelfall Bedingungen vorliegen, die zu einem anderen, als dem erwarteten Ergebnis führen. Soll heißen: Erst wenn eine allgemeinere Theorie zur Verfügung steht, die eine höhere Aussagekraft hat, wird die ursprüngliche Theorie verworfen. Die Unstimmigkeiten des ptolemäische Weltbildes, alle Planeten kreisen um die Erde, wurden erstmal durch die Epizykeltheorie aufgelöst und war damit erstmal prognostisch besser als die Theorie Keppler. Erst als Keppler klar wurde, dass die Planeten nicht in Kreisen sondern in Ellipsen um die Sonne kreisen, war das ptolemäische Weltbild Geschichte. Die Tatsache, dass eine Theorie einmal falsifiziert wurde, beeindruckt schlicht niemanden. Aber egal.]

Hinsichtlich der Übertragbarkeit des wissenschaftstheoretischen Ansatzes auf den gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsprozess gibt es nun gleich zwei Probleme. Das erste Problem ist, dass Popper da etwas overkomplex ist. (Also wenn es underkomplex gibt, muss es auch overkomplex geben.) Die Wahrheit ist nämlich viel trivialer. (Was bei den Geisteswissenschaften öfter mal vorkommt. Die haben die Tendenz, Geheimnisse und Abgründe zu sehen, wo keine sind. Vermutlich weil Geheimnisse romantisch sind. Eine Rolle dürfte aber auch spielen, dass niemand es wagt, Begriffe substanzlos zu finden, wenn sie sich mal etabliert haben. Man würde dann als Unwissender gelten, der den gewaltigen Tiefsinn nicht erfasst hat, siehe https://theatrum-mundi.de/des-kaisers-neue-kleider/.)

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