staunen, nicht ärgern

Was Fussball und Geisteswissenschaften gemeinsam haben

An manchen Tagen bringt spargel online, www.spiegel.de, auf fast einem Drittel der Startseite Fussball. Wer es noch sportlicher haben will, der kann Heute Journal gucken, die kleben ans Ende noch einen Sportteil. Überall werden da höchst relevante Dinge von existentieller Bedeutung verhandelt. Wir erfahren Details über die Förderung der sportlichen Jugend in Portugal, in welchen Formationen Joachim Löw die Mannschaft aufmarschieren lässt, eine Menge Romantik, z.B. mit welchem Spieler von Barcelona Shakira liiert ist und welcher Spieler sich gerade von wem trennt und was Franck Ribéry so treibt. Besonders spannend natürlich, wenn er auf sündigen Pfaden wandelt. Manchmal richtig romantisch, z.B. wenn ein Fussballer Vater wird. Man könnte jetzt meinen, das hätte irgendeine praktische Bedeutung, also die Leute schauen sich das an, weil sie selber Sport machen, oder sonst irgendein praktischer Bezug besteht, aber niente pizza, das Robert Koch Instiut schreibt das.

Übergewicht und Adipositas

Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös).
Quelle: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Themen/Uebergewicht_Adipositas/Uebergewicht_Adipositas_node.html

Vermutlich wäre mehr machen und weniger zugucken ein echter Lösungsansatz. Mit Bier und Chips wird es auch nicht besser. (Nachdenken könnte man auch über den Schulsport. Also die Kids müssen irgendwas finden, was ihnen Spaß macht, dann besteht Hoffnung, dass sie dran bleiben. Wenn gar nichts mehr geht, könnte man mit den Kids kochen und ihnen mal beibiegen, dass ein Salat manchmal eine Option ist. Irgendwelche kleinen Bälle vierzig Meter weit werfen, entlastet jetzt das Gesundheitssystem so wenig wie Bundesjugendspiele.) Und wenn „wir“ Weltmeister werden, alter Schalter, dann steppt der Bär. An dem Tag, an dem Deutschland Weltmeister ist der Autor dieser Zeilen seiner studentischen Taxifahrerkarriere nachgegangen, alle Wetter, das war was los. (Und der Hans von Funker macht sich dann auch noch lustig, „fahr die Weltmeister nach Hause“. Damals war der Funk aber im ganzen Taxis hörbar und krassen Spott kapieren auch noch Vollbesoffene.) Irgendwie ist Fussball reine Emotion, nicht gerade das interesselose Wohlgefallen à la Schiller, aber auf jeden Fall ziemlich losgelöst von allen Bezügen. So ähnlich ist das auch mit den Geisteswissenschaften. Ab und an produzieren die Thilo Sarrazins, Constantin Schreiber, Akif Pirinçci etc. echte Aufreger. (Letzterer ist besonders gut: Das geht gegen alles, Menschen islamischen / jüdischen Glaubens, Menschen mit anderer sexueller Orientierung, Migranten allgemein. Also da ist wirklich für jeden was dabei.)

Die Frage ist, sind die Geisteswissenschaften reine Emotion, wie Fussball, oder hat das auch irgendeine praktische Bedeutung? Auf jeden Fall sind die Geisteswissenschaften eine staatstragende Angelegenheit und wehe die Fussballer trällern nicht mit, wenn die Nationalhymne abgenudelt wird. (Wobei der Autor natürlich die zweite Strophe viel geiler findet.

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Wenn Wein zu edlen Taten begeistert, dann geht es rund. Als Fahrgäste, siehe oben, kotzen die einem dann das Taxi voll und mal an alle Gastwirte. Jemanden abfüllen, der schon abgefüllt ist und das Problem dann auslagern, ist a) unfair und b) ein Straftatbestand. Das mit dem Sang klappt dann auch nicht mehr und mit Frauen können die dann gar nix mehr anfangen.) An der Stelle wird dann Fußball zu einem genuin geisteswisschenschaftlichen Thema. Da stellen sich Fragen, die die ganze Nation erschüttern. Hat doch Mesut Özul nicht mitgeträllert. Da stellt sich natürlich die Frage, nach der Identität; die Jungs von der Werte Union, https://www.wertunion.de, sehen dann die deutsche Identität bedroht.

Nur Assimilation schafft Konfliktfreiheit und Sicherheit und sichert langfristig unsere Werte und unsere Kultur. Wir fordern insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam. Anders als andere Religionen weist der Islam eine Doppelnatur auf: Er ist nicht nur Religion sondern zugleich politische Ideologie mit Allmachtsanspruch.

Quelle: https://werteunion.net/wofuer-wir-kaempfen/konservatives-manifest/

Hat er sich doch nicht assmiliert der Mesut. Vielleicht weil er sich identifiziert mit dem Volk der Dichter und Denker und für das Volk der Dichter und Denker ist das Teil mit Brüdern, die nach Einigkeit und Recht und Freiheit streben irgendwie nicht besonders suggestiv. Also keine message, die so richtig unter die Haut geht. Das Teil ist einfach nur dämlich. Ich plädiere für die Toten Hosen als Nationalhymne: https://www.youtube.com/watch?v=J86zYZGApkc. Das ist mal eine Ansage, damit kann man was anfangen. (Im übrigen hat der Autor keine Ahnung, was im Kopf von Mesut Özul vorgeht. Das Ding mit Erdoğan war natürlich auch nicht der burner.)

Der wesentliche Unterschied zwischen Fußball und Geisteswissenschaften besteht darin, dass Fussball zur besten Sendezeit kommt und wirklich big business ist und die Geisteswissenschaften in die späten Nachtstunden verschoben werden, bzw. schlicht massenmedial gar nicht nicht in Erscheinung treten. Wir haben also eine Diskrepanz zwischen Angebot, was ja üppig ist, jeden Tag wird auf Tausenden von Blogs und Tausenden von Feuilleton Artikel über das Wahre, Schöne und Gute debattiert. Die Kunst besteht aber immer darin, Erregung zu produzieren oder zumindest besonders staatstragend zu sein. Schafft man Erregung, dann schafft man es sogar in die öffentlichen rechtlichen Sender. Es geht also nicht um Relevanz, nicht beim Fussball und nicht bei den Geisteswissenschaften, es geht um Erregung. Aus staatstragender Sicht, hängt erstmal das Wohl und Wehe der ganzen Nation am kulturellen Erbe. Beim BMBF lesen wir.

Wir wollen eine Zukunft gestalten, in der für jeden ein gutes Leben möglich ist. Zur Bewältigung dieser Aufgabe leisten die Geistes- und Sozialwissenschaften unverzichtbare Beiträge: Sie reflektieren gesellschaftliche Entwicklungen und Systeme kritisch und erarbeiten Orientierungs- und Handlungswissen über und für die Gesellschaft. Ihnen kommt deshalb eine Schlüsselrolle für eine erfolgreiche Gestaltung unserer Zukunft zu.

Quelle: https://www.bmbf.de/de/geistes-und-sozialwissenschaften-152.html

Also Geisteswissenschaften befassen sich mit dem Einfluss von irgendwas auf irgendwen bzw. dem Einfluss von irgendwem auf irgendwen. (Das stammt von Virginia Woolf, die Fahrt zu Leuchtturm. Damit karikiert sie ihren Vater, der war Professor für Philosophie.) Die unverzichtbaren Beiträge für eine Zukunft, wo jedem ein gute Leben möglich ist, klingen dann so: Die Wolke als Dispositiv der Literatur im Wandel des Wissenshorizontes – Studien zu Wolkenkodierungen bei Hugo, Baudelaire und Maupassant, bzw. Ökokritik als Endzeitmythos in La stella Assenzio von Livia De Stefani bzw. Fragmente der Unruhe als simulakres Schreiben: Federigo Tozzis Bestie etc. etc. etc.. Also da werden die letzten Fragen der Menschheit verhandelt, die dann Orientierungs- und vor allem Handlungswissen bieten.

Aus einer anderen Perspektive hat sich der Autor mit der Thematik mal hier beschäftigt: www.die-geisteswissenschaften.de. Es gibt bei den Geisteswissenschaften ein massives Problem mit der Didaktik. Das wird dort verhandelt.

Auffallend an dem Artikel des BMBF ist, nur von gesellschaftlichen Entwicklungen die Rede ist und konkreten Lösungen bzgl. Zukunftsfragen. Daraus muss man schließen, dass der Autor des Artikels des BMBF geistige Artefakte noch nicht als Bereicherung erlebt hat, sonst würde im das als erstes einfallen. Geisteswissenschaften müssen nicht notwendigerweise Probleme lösen, es reicht schon, wenn sie Spaß machen. Das Problem ist, sie machen keinen Spaß mehr und von daher gibt es einen Mangel an Nachfrage. Was nicht unmittelbar erregt bzw. bei Günther Jauch nützlich ist, hat keine Chance. Bei einem zunehmend schwindenden Teil der Bevölkerung haben die Geisteswissenschaften noch eine Aura. Dann ist es schick, die Schlagwörter auf der Party rauszuhauen. Glücklicherweise gibt es hierzu eine Website: https://www.philomag.de/artikel/zwoelf-klassiker-der-philosophie-je-einem-satz?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Sieht man die Sache realistisch, wird man konstatieren müssen, dass die Allgemeinheit die Geisteswissenschaften schlicht als völlig bedeutungslos einschätzt. Konkrete Lösungen erwartet die Allgemeinheit nur durch technischen Fortschritt. Die Geisteswissenschaften gehören im Bewusstsein der Öffentlichkeit in die Sphäre Unterhaltung und in dieser Sphäre geht es primär um Erregung. Die Geisteswissenschaften existieren maximal noch als abrufbares Wissen. Wer weiß, wann Goethe gestorben ist, kommt bei Günther Jauch eventuell eine Runde weiter. Die Frage, inwiefern in Goethes Faust zwischen Wort und Begriff unterschieden wird, gehört nicht zum abfragbaren Wissen.

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