staunen, nicht ärgern

To the Lighthouse von Virginia Woolf

Mrs Ramsay ist die zentrale Figur des Romans. In der Art, wie ihr Bewußtsein beschrieben wird, kristallisiert sich die Perspektive des Romans. Über die Vergangenheit von Mrs Ramsay erfahren wir nur etwas über Andeutungen und im Grunde gibt es gar keine Vergangenheit, es gibt nur Gegenwart. Genau genommen gibt es auch keine Zukunft, keine Identität, die der Welt ihren Willen aufzwingen will. Ohne den Zwang zur Identität, zerfließt das Bewußtsein, wird widersprüchlich, sprunghaft, den Eingebungen des Moments folgend. Wie immer man das bewertet, es gibt keine Identität mehr, die alle Spontanität unter sich begräbt. Spontanität, die im Einklang mit der Welt steht, wäre ein sinnvolles Ziel, kann aber nur bestehen, wenn sie überhaupt irgendwo erscheint. Den unten stehenden Absatz kann man also so oder so sehen. Die „Welt“ erzwingt eine Zurichtung, tritt sie zurück, spiegelt das Bewußtsein das Leben unmittelbar in seiner ganze Komplexität. Das mag verwirrend sein, kann aber auch der Anfang von Versöhnung sein.

„Life, she thought—but she did not finish her thought. She took a look at life, for she had a clear sense of it there, something real, something private, which she shared neither with her children nor with her husband. A sort of transaction went on between them, in which she was on one side, and life was on another, and she was always trying to get the better of it, as it was of her; and sometimes they parleyed (when she sat alone); there were, she remembered, great reconciliation scenes; but for the most part, oddly enough, she must admit that she felt this thing that she called life terrible, hostile, and quick to pounce on you if you gave it a chance. There were eternal problems: suffering; death; the poor. There was always a woman dying of cancer even here. And yet she had said to all these children, You shall go through it all. To eight people she had said relentlessly that (and the bill for the greenhouse would be fifty pounds). For that reason, knowing what was before them—love and ambition and being wretched alone in dreary places—she had often the feeling, Why must they grow up and lose it all? And then she said to herself, brandishing her sword at life, Nonsense. They will be perfectly happy. And here she was, she reflected, feeling life rather sinister again, making Minta marry Paul Rayley; because whatever she might feel about her own transaction, she had had experiences which need not happen to every one (she did not name them to herself); she was driven on, too quickly she knew, almost as if it were an escape for her too, to say that people must marry; people must have children.“

„Leben dachte sie aber ohne ihren Gedanken zu beenden. Sie sah sich das Leben genauer an, davon verstand sie was, für sie war es etwas Tatsächliches, etwas Private, das sie weder mit ihren Kindern noch mit ihrem Mann teilte. Zwischen ihr und dem Leben fand so eine Art Austausch statt, bei der sie auf der einen und das Leben auf der anderen Seite stand. Manchmal, wenn sie alleine war, plauderten sie miteinander. Sie konnte sich erinnern, dass es Szenen großer Versöhnung gab, aber meistens, es kostet Mühe das zuzugeben, fand sie das Ding, das sie Leben nannte schrecklich, feindlich, immer bereit auf einen herabzustürzen, wenn man ihm einen Freiraum lässt. Die Probleme nahmen nie ab: Leiden, Tod, die Armen. Immer gab es eine Frau, die irgendwo an Krebs verstarb. Und trotzdem hatte sie zu diesen Kindern gesagt: Ihr werdet das schon meistern. Zu acht Menschen hatte sie das gesagt, immer wieder (und die Rechnung für das Gewächshaus würde fünfzig Pfund betragen). Aus diesem Grund hatte sie sich oft, weil sie wusste, was ihnen bevorstand, Liebe und Ehrgeiz, allein eingepfercht an schäbigen Orten, gefragt, warum sie den älter werden müssen und all das verlieren? Dann wieder sagte sie sich, das Schwert des Lebens führend: Unsinn. Sie werden glücklich sein. Dann war es wieder anders, sie dachte nach. Und obwohl sie fühlte, wie bedrohlich das Leben war, wollte sie Minta mit Paul Rayley verheiraten, denn wie immer sie ihren eigenen Austausch mit dem Leben beurteilte, hatte sie Erfahrungen, eigentlich nicht sie selbst sondern andere, gemacht, die nicht jedem zustoßen mussten. Sie wurde getrieben, zu heftig, wie sie wohl wusste, von der Idee, dass Menschen heiraten und Kinder haben müssen, als ob es auch ein Entrinnen für sie selbst gäbe.“

Fragen kann man sich, ob durch diesen inneren Monolog, der gegensätzlich Einstellungen komprimiert, die conditio humana nicht intimer dargestellt wird, als durch die Schaffung einer konstruierten Identität.

[Einschub: Also: Vermutlich sitzen jetzt manche vor dem Bildschirm und wissen nicht, was das soll. Das Problem ist, dass Identität konstruiert wird, vermutlich halt von Dumpfbacken mit einem sehr niedrigen Bildungsniveau. Anschauen kann man sich das hier.

Das ist ein völlig wirres Gesabbel. Da wird alles mögliche als kompakte Gruppe genommen, Russland, Katholiken, Ukraine, Eurasien, Deutschland, Linie bis zum West-Slavischen Baltischen Bereich etc. etc. und mit wilden Beispielen irgendwelche Zusammenhänge konstruiert: … und da kommen die dann mit Dostojewky und erzählen einem, dass sie Beethoven lieben. Daraus schließt er dann auf Deutschfreundlichkeit. Dostojewky wird auf der ganzen Welt gelesen und Beethoven auf der ganzen Welt gespielt, wie auch Rolling Stones, Yes, Deep Purple, die Scorpions, die Toten Hosen etc. etc… Es gibt kein Werk der Weltliteratur, dass nicht in jedem Land gelesen wird. Die Frage, was Oswald Spengler zu der Frage zu sagen hat, ob Russland zum Abendland gehört oder nicht, ist so irrelevant, wie die Frage, ob Indien grundsätzlich anders ist als das „Abendland“. Plausibel ist eine Einteilung nach Berufsgruppen. Ein indischer, mexikanischer, russischer etc. Arzt hat mehr Anknüpfungspunkte zu einem deutschen Arzt, als zu einem indischen, mexikanischen, russischen Lebensmittelhändler. Was läuft da schief bei den Jungs, bzw. was ist schon an der Penne schief gelaufen? Die haben die Fähigkeit, sich auf die Phänomene einzulassen, völlig verloren und hangeln sich entlang an irgendeinem halbverdauten Schwachsinn, denn sie sich irgendwo angelesen haben. Der Nussknacker ist Standardrepertoire an jedem Opernhaus dieser Welt und wird von Choregrafen aus aller Herren Ländern inszeniert. Das Einlassen auf die Welt kann man üben. Die Konstruktion von Identität ist bei näherer Betrachtung schlicht Schwachsinn. Im übrigen und da die Jungs so eine solche Vorliebe für die tausendjährige deutsche Kultur haben. Auch hier sind natürlich ganz konkrete KENNTNISSE zielführender, als Geschwafel. Ende des Einschubs.]

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