staunen, nicht ärgern

Steppenwolf von Hermann Hesse, Goethes Faust, Easy Rider und ganz langweilig: Didaktik der Literatur

Beim Steppenwolf allerdings ist etwas unklar, inwiefern die von ihm konstatierte kulturelle Verflachung ihn überhaupt tangiert. Es ist nicht ersichtlich, was ihn daran hindert, alle Bücher dieser Welt zu lesen, in alle Konzerte zu gehen und sämtliche Museen zu besuchen. Nachvollziehbar problematisch wird es für ihn nur, wenn die kulturelle Verflachung zu gesellschaftlichen Spannungen führt, was im Roman in der Form des Hurra Patriotismus angedeutet wird. Hier können wir dann durchaus eine Relevanz erkennen und eine Verbindung herstellen zum Leben von Hermann Hesse, allerdings entsand sein Pazifismus erst später. Zu Beginn des ersten Weltkrieges interpretierte er das Massenschlachten noch als Auseinandersetzung zwischen dem tiefsinnigen deutschen Geist und der welschen Oberflächlichkeit. Reminiszensen daran, inklusiv Sticheln gegen die oberflächlichen Amerikaner, findes sich auch im Steppenwolf.

Nach dem zweiten Weltkrieg entstand eine breite Kritik an der Kulturindustrie, angefangen bei „Aufklärung als Massenbetrug“ von Adorno / Horkheimer, „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postmann, „La cultura del espectáculo“ von Mario Vargas Llosa, „The tyranny of merit“ von Michel Sandel um nur mal einige zu nennen. Die in all diesen Essays und Studien zugrunde liegende Situation ist aber eine vollkommen andere. Die Kulturindustrie wird dann zum Problem, wenn sie aus ökonomischen Gründen dazu zwingt an einem an sich sinnlosen Spiel teilnehmen müssen und das System zu Verhaltensweisen zwingt, die zu gesellschaftlichen Spannungen führen. Harry Haller allerdings ist finanziell abgesichert und kann das Leben eines Bohemien führen. Wenn er dieses als sinnentleert empfindet, sollte er an den von ihm verehrten Goethe denken.

Dem Tüchtigen, ist diese Welt nicht stumm.

(Wobei Goethe das Thema noch öfter behandelt, z.B. in „Schwebender Genius über der Erdenkugel“, „Prometheus“, „An Schwager Kronos“.)

Harry Haller ist der seltene Sonderfall von jemandem, dem alle Möglichkeiten zur sinnstiftenden Tätigkeit offen stehen. Seine Probleme erinnern ein bisschen an stinkreiche Erben, die mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen oder eben an verbeamtete Geistliche, für die schon die Abschaffung des großen Latinums die ersten Anzeichen für den Untergang des Abendlandes sind, weil das den Kanon bedroht, der ihnen ihre Stellung in der Gesellschaft zuweist.

Auch seine gefühlte oder eingebildet gefühlte Zerrissenheit zwischen dem Bedürfnis nach Transzendierung des Lebens durch die Kunst und der Befriedigung sinnlicher Lust, dafür steht der Steppenwolf, ist psychologisch seltsam. Der Autor würde eher vermuten, so Typen sind ihm schon öfter begegnet, dass in der Vergeistigung viel Leerlauf steckt, also nicht alles durch die Welterfahrung gedeckt ist, beliebig und damit bedeutungslos ist. Wir finden das oft im akademischen Betrieb. Da haben wir, um es mit Adorno zu sagen, mit einem neutralisierten Bewußtsein zu tun, dem es egal ist, woran es sich begeistert. Beliebigkeit ist so ziemlich das Gegenteil von Bedeutsamkeit, siehe https://theatrum-mundi.de/und-sehe-dass-wir-nichts-wissen-koennen-das-will-mir-schier-das-herz-verbrennen-oder-nicht-alles-was-etwas-bedeutet-ist-auch-bedeutsam/.

Der Autor würde auch erstmal bestreiten, dass Geist und Sinnlichkeit entgegengesetzte Pole sind. Die beeinflussen sich gegenseitig. Darauf beruht auch die von Adorno in „Erziehung zur Mündigkeit“ geäußerte Hoffnung. Von der Bildung verspricht er sich eine Unfähigkeit zur Gewalt. Um es mal auf den Punkt zu bringen. Man kann davon ausgehen, dass völlig andere Dinge stattfinden, wenn Goethe mit einer Frau in die Kiste steigt, als wenn Till Lindemann das tut. Merkwürdig ist auch, dass er zuerst auf die berühmten Verse im Faust rekurriert, „zwei Seelen wohnen auch in meiner Brust / die eine will von der anderen sich trennen…“, um dann darzustellen, dass nicht nur zwei Seelen in seiner Bruste leben, sondern unendlich viele.

Rebus sic stantibus stellt sich jetzt natürlich die Frage, inwiefern der Steppenwolf von Hermann Hesse als Schullektüre geeignet ist. Es ist zu vermuten, dass ein ziemlich großer Teil der Schülerpopulation sich in einer weit schwierigeren Lebenssituation befindet: Immigrationshintergrund, soziale Ausgegrenztheit, unsichere Zukunft aufgrund der allgemeinen Weltlage, Ausbildungssysteme in allen Bereichen, die nicht mehr Schritt halten mit der wirtschaftlichen Dynamik, familiäre Probleme etc. etc.. Die Probleme von Harry Haller sind da echte Luxusprobleme. Die Probleme von Harry Haller mögen für Oberstudienräder und Professoren nachvollziehbar sein, wenn diese irgendwann mal ein Fausterlebnis haben.

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein.

Allerdings ist Voraussetzung für ein Fausterlebnis, dass ein letzter Rest an authentischer Erfahrungsfähigkeit noch vorhanden ist, was meistens nicht mehr der Fall ist. Die Inhalte haben keinen intrinsischen Wert mehr, es geht nur noch um den Tauschwert. Wer meint, dass Pierre Bourdieu, der sich an den Universitäten breit macht, das ironisch meint, der irrt. Bei Pierre Bourdieu geht es ganz explizit um den Tauschwert. Bildung ist geschrumpft zum kulturellen Kapital, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturelles_Kapital, das ökonomisch verwertbar ist. Der institutionell verankerte Kanon hat einen ganz konkreten ökonomischen Nutzen und wird von daher auch institutionell verteidigt. Die Aufnahme neuer Tendenzen würden diesen Kanon verwässern, von daher schmort der Kanon im eigenen Saft und in jedem Land gibt es Tendenzen, den Kanon zur nationalen Identität auszubauen. Was den Italieniern ihr Dante, ist den Spaniern ihr Don Quijote, den Franzosen ihr Molière und den Engländern ihr Shakespeare. Dass der akademische Betrieb weitgehend im Leerlauf dreht, wird von Harry Haller auch erst empfunden, als er aus diesem ausgeschlossen wird. Die Welt, die er beim Besuch seines akademischen Kollegen aus früheren Zeiten erlebt, mit rude goodbye, war auch seine Welt.

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