staunen, nicht ärgern

Sprachen, ganz mühelos lernen

Die Aversion der Leute gegen Grammatik dürfte in der Art liegen, wie diese in der Schule vermittelt wird. Schulische Grammatikvermittlung fokusiert auf einzelne Aspekte der Grammatik einer Fremdsprache, die bis ins Detail durchdekliniert werden und dann in schriftlichen Prüfungen abgefragt werden. Da dies keinen Sinn macht, erschließt sich niemandem der Sinn von Grammatik. Sinnvoller wäre es, man würde zuerst OBERFLÄCHLICH eine Überblick über das Gesamtsystem geben. Also nicht den subjonctif in allen Feinheiten, also nicht, dass espérer im Französischen, im Gegensatz zu allen anderen romanischen Sprachen, den subjonctif nur bei verneinten Sätzen verlangt. Das ist auch eher ein lexikalisches, als ein grammatikalisches Problem. In dem Maße, in dem eine Struktur keinem einheitlichen Muster folgt, wird es zum lexikalischen Problem. Es muss vor allem darum gehen, möglichst schnell einen Gesamtüberblick über das gesamte System zu erhalten. Also Verwendung der Zeiten, Zeitenfolge, Modus, Pronominalsystem, Flexionen, Satzstellung, Syntax etc… In der Lebenswirklichkeit, das heißt außerhalb der Schule, ist man sofort mit dem Gesamtsystem konfrontiert, beherrscht man dieses, ist ein passives Verständnis, hörend oder lesend, möglich. Der Muttersprachler verwendet immer das Gesamtsystem. Es nützt jetzt wenig, wenn man alle unregelmäßigen Partizipien kann, aber keinen Imperfekt. Besser ist es, man kennt zwar nicht alle Partizipien, dafür aber den Imperfekt aller unregelmäßigen Verben, weil der Muttersprachler auch diesen benutzen wird. Ist er prinzipiell bekannt, läßt sich in der Regel auch die Bedeutung erraten. Vorrang hat hierbei immer das passive Verständnis, die aktive Nutzung ergibt sich dann. Hat man mal in einer Sprache gelernt, sich rasch einen Überblick zu verschaffen über das Gesamtsystem und die wesentlichen Strukturelemente, wird man diese Fähigkeit beim Erlernen jeder x-beliebigen Sprache nutzen können. Man wird also in jeder Sprache relativ schnell an einen Punkt kommen, wo diese zumindest passiv verstanden wird. Schulen gehen exakt umgekehrt vor. Sie fokusieren auf Details und auf die korrekte Anwendung, die wiederum in schriftlichen Prüfungen, die im realen Leben weniger bedeutsam ist als die mündliche Kommunikation. (Was im übrigen noch den Effekt hat, dass die Aussprache bei der schulischen Sprachvermittlung nur eine untergeordnete Rolle spielt.) Das Vorgehen der Schulen erklärt sich aus der Tatsache, dass mindestens genauso relevant wie die Wissensvermittlung die Messung des Wissenstandes ist. Das ist eine typische Marotte des Schulsystems, die in diesem Fall zu Lasten der Wissensvermittlung geht, weil nur ein eng abgegrenztes Thema mit einem spezifischen genau definierten Wortschatz und vorher festgelegtem Umfang an Formen tatsächlich gemessen werden kann. Das erklärt den Stellenwert, der Grammatik zugemessen wird. So wie es in der Schule betrieben wird, ist sie tatsächlich nutzlos.

Der europäische Referenzrahmen für Sprachen gibt wenig her. Eine intelligentere Beschreibung ginge so. Das unterste Niveau, A1, wäre die Fähigkeit, einfach Texte zu lesen, etwa Comics, Mafalda, Mickey Mouse, Asterix etc.. Etwas höher ist das Niveau, wenn man sich direkt mit einem Muttersprachler über ein bekanntes Thema, bzw. ein Thema, bei dem die Möglichen Bedeutungsalternativen gering sind, unterhält. Das wäre, sowas wie Wetter, nach dem Preis fragen, nach der Herkunft fragen etc… In diesem Fall wird der Gesprächspartner sich auf das Sprachniveau einstellen, bzw. „mit Händen und Füßen“, unter Umständen unter zuhilfenahme einer Drittsprache, klar zu machen versuchen, was er sagen will. Das wäre dann A2 und ungefähr 2000 Wörter. Bis jetzt sind auch noch die Ansprüche an de Grammatik gering. Das ist weitgehend Präsens und untergeordnete Nebensätze tauchen allenfalls sporadisch auf, das heißt die Anzahl an Konjunktionen ist gering. B1 wäre die Lektüre von Zeitungstexten über ein gut bekanntes Thema, bei dem sich auch viel erraten lässt und das Gespräch mit EINEM Gesprächspartner über ein Thema, mit dem man sich sehr gut auskennt. Das fachspezifische Vokabular liegt zwar nicht vor, kann aber umschrieben werden. Die Diskussion wird jetzt komplexer, aber die Zusammenhänge können teilweise auch erraten werden. Das wären dann 5000 Wörter. B2 wäre ein Niveau, das es erlaubt, etwa Nachrichten im Fernsehen zu verfolgen, wenn klar ist, über was gesprochen wird. Eine Nachrichtensendung über spanische Innenpolitik, die ein detailliertes Vorwissen verlangt, ist z.B. schwierig. Das Agieren Trumps in der Coronakrise relativ einfach. Nachrichtensprecher sprechen sehr deutlich und liegen von der Geschwindigkeit unterhalb dessen, was im Alltag auftaucht. Auf diesem Niveau braucht man allerdings schon einen Überblick über das gesamte System, das heißt alle Zeitformen, etwa 50 Konjunktionen, die Fähigkeit, die verschiedenen Modi zu erkennen etc.. Man muss nicht alle Formen kennen, aber man muss wissen, um welche Form es sich handelt, wenn sie auftaucht. Auf diesem Niveau sollte es auch nicht mehr wie ein Wasserfall an einem Vorbeirauschen, wenn sich Muttersprachler untereinander unterhalten, man also keinen Einfluss mehr hat, auf die Auswahl der Themen. C1, das wären dann 12000 Wörter, erlaubt ein Verständnis jeder Art von Text, auch Literatur, wobei ab und an ein Wort nachgeschlagen werden muss. Auf diesem Niveau kann man sich problemlos ein ein Gespräch unter Muttersprachlern einklinken und auch Dialogen in Filmen, häufig geprägt durch Slang, Hintergrundgeräusche, undeutliche Aussprache etc… Die grammatikalischen Strukturen werden nicht nur passiv verstanden, sondern auch die Formen, etwa die verschiedenen Verbformen, können auch aktiv, sprechend / schreibend, genutzt werden. C2 entspricht dann Muttersprache Niveau, also mindestens 25 000 Wörter. Hierbei ist dann noch zu berücksichtigen, dass eine allgemeine Beschreibung schwiergi ist, weil das auch von der Sprache abhängt. Bei Portugiesisch z.B. kann es sein, dass man zwar ganze Romane mühelos lesen kann, aber gesprochen nicht mal einfachen Texten folgen kann. (Das trifft für das europäische Portugiesisch noch mehr zu, als für das brasilianische Portugiesisch.) C1, um mal eine Vorstellung zu haben, entspricht etwa dem Niveau, dass man hat, wenn man ein Philologiestudium abgeschlossen hat, heute Master früher Staatsexamen / Magister. Das sind dann fünf Jahre. Babbel und Co können sich jetzt auf den Standpunkt stellen, dass man dieses Niveau ganz mühelos mit einer App erreicht. Das ist definitiv falsch, da haben die Jungs und Mädels entweder wirklich keine Ahnung, oder es ist reines Marketing. Vermutlich letzteres. Die Annahme, dass alle philologischen Studiengänge eine Horde von Idioten sind, ist falsch. In der wissenschaftlichen Literatur spielen diese online Sprachkurse auch keine Rolle, weil die Verhältnisse wesentlich komplizierter sind. Das oben beschriebene Schema passt auch, hier hat das eine gewisse Relevanz, zum Erwerb der Muttersprache. Kinder lernen in Kontexten, die mit zunehmendem Alter, weil sich der Gesprächspartner darauf einstellt, immer komplexer werden. Erreichbar ist mit einem reinen Onlinekurs ein Niveau zwischen A2 und unter Umständen ganz knapp B1. B1 aber auch nur dann, wenn zusätzlich mit authentischen Texten, hörend und lesend, eingesetzt werden. Konzediert sei, dass man für B2 nicht notwendigerweise, wie in der Schule, 8 Jahre brauchen musss, da ist noch Luft nach oben, aber sprachdidaktische Laien werden da keine Impulse geben.

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