staunen, nicht ärgern

Sprachen, ganz mühelos lernen

Der Titel ist ein clickbait, den definiert Wikipedia folgendermaßen: Hinter vielen Links, die mit einem Clickbait versehen werden, befinden sich Videos, Bildstrecken oder Listicles. Solche Inhalte sind häufig von geringer journalistischer Qualität, verbreiten sich allerdings in sozialen Medien besonders gut. Das stimmt! Unter einem clickbait finden wir reinen Blödsinn, der aber marketingtechnisch funktioniert. Babbel, Duolingo, chatterbug, lingoda, Birkenbihl, Jicki etc. etc. haben jetzt alle ganz neue Methoden, wissenschaftlich geprüft. Da lernt man Sprachen mühelos, jeder kann das, mit 20 Minuten am Tag lernt jeder jede Sprache in drei Wochen, meistens sogar fließend. Da gibt es die hirngerechte Methode, mit der kognitiven Methode geht es 80 Prozent schneller, der personalisierte Wortschatztrainer ist der ultimative Kick, da wandern die Wörter ins Langzeit Gedächtnis, mühelos. Natürlich passen sich alle Programme an den individuellen Lernstil an, das geht wie daddeln, alles mühelos. Gaming ist das Zauberwort, Grammatik geradezu schädlich. Alles muss sich um Kommunikation drehen. Das ist mal eine message! Da freuen sich alle. Zwar sprechen die Jungs und Mädels, die da mit gewaltigen Summen an venture capital angefüttert wurden nur Englisch und ihre Muttersprache und keiner von denen hat Sprachen studiert, aber das ist egal. Da geht nach dem hoppla jetzt komm‘ ich Prinzip. Bei Babbel lernt man sich in neuen Sprache wirklich zu verständigen. Wie man sich unwirklich verständigt ist zwar unklar, aber eine Cola kann man überall auf der Welt ganz wirklich auf Englisch bestellen. Alle Unis auf der ganzen Welt, die sich seit fünfzig Jahren mit Sprachdidaktik beschäftigen: Alles Idioten. Bei Babbel und Mosalinga ist der Erfolg durch wissenschaftliche Studien nachgewiesen, die allerdings noch keiner gesehen hat. Drei Wochen Babbel ist so effizient, wie ein ganzes Semester an der Uni. Das Problem ist, ein Sprachstudium an der Uni vermittelt die Sprache gar nicht. Die Sprachkenntnisse werden lediglich abgeprüft. Wer meint, dass im Zentrum eines Philologiestudiums die Sprachvermittlung steht, der hat seine wissenschaftliche Studie an der falschen Stelle in Auftrag gegeben, bzw., so sie denn existiert, ordentlich Geld dafür bezahlt. Zwar muss man nach vier Semestern in der Lage sein, jeden x-beliebigen Roman in der Originalsprache zu lesen, diese sind dann nämlich Gegenstand von Seminarbeiten, aber auf diesem Niveau wird die Sprache nicht vermittelt. Das ist nicht Gegenstand des Studiums.

Das ist aber gar nicht der Punkt. Die Frage ist, wieso soll eigentlich Sprachen lernen mühelos sein? Marketingtechnisch günstig, wer kauft schon ein Produkt, das nur unter Einsatz von Arbeit konsumiert werden kann? Allerdings stellt sich eine Frage: Warum soll nur das Erlernen von Sprachen mühelos sein? Warum soll man nicht auch C++ mühelos lernen oder Guitarre spielen? Warum soll nicht ein Ingenieurstudium mühelos zu bewältigen sein? Oder Medizin? Mühelos zum Abitur! Das wäre mal eine Nummer.

Vermutlich verbirgt sich hinter mühelos hier der Saldo aus Aufwand und Ertrag. Ist der Ertrag gering, kann der Saldo nur positiv sein, wenn der Aufwand gering ist. Bei Babbel ist der Ertrag, dass man bei Reisen oder Business besser klar kommt. Da wäre es günstiger, sich 10 000 Wörter in Englisch in die Birne zu bimsen, das dauert dann zwar, aber damit kann man was anfangen. Mit 1000 Wörter in einer anderen Sprache ist man im business ziemlich sprachlos und den Weg zum touristischen Higlight findet man, indem man einfach den anderen hinterher läuft. Man wird den Verdacht nicht los, dass unsere Sprachenthusiasten so richtig gar nicht wissen, warum man eine Sprache lernen soll. Kultur, Bücher, Musik, Geschichte, authentische Kontakte, Auseinandersetzung mit einem Kulturraum ist so was ähnliches wie Grammatik. Voll bäh! Wer also meint, Sprachvermittlung an der Schule sei langweilig, der kennt die Jungs und Mädels von der Sprachfront im Internet noch nicht. Da wird noch der langweilste Lateinlehrer getoppt. Sprachen wird dann ganz hochinnovativ zum Ausfüllen von Kästchen, dann ist Sprachen lernen total gamifiziert. Die ganzen schwachsinnigen Dialoge, die man in jedem Schulbuch findet, werden total innovativ in html5, der ultimmative wirkliche Alltag, total wirklich. Wobei eine Sache kurios ist. Wer den Alltag sucht, wenn er eine Sprache lernt, der sollte es besser bleiben lassen. Alltag gibt es auch daheim. Wer als ultimative Vision Business und Reisen hat, der sollte vielleicht mal über das Leben nachdenken. Vielleicht tobt es nicht da, wo er gerade ist. Der Ertrag ist dann gering und die Sache muss dann folgerichtig mühelos sein.

Babbel und Co sind aber ok. Die Jungs wollen Cash machen, irgendwann wollen die venture capitalists ja Rendite sehen. Interessant ist eigentlich eine andere Frage. Wie dämlich sind eigentlich die Leute, die sich so einen Schwachsinn antun, denn das ist nicht mal billig. Pro Jahr so roundabout 100 Euronen. Dafür gibt es Programme ohne Ende von Langenscheidt und Co. Mit tonnenweisen Kästchen zum Ausfüllen, wobei vorher sogar mal gründlich erklärt wird, was man in die Kästchen schreiben soll. Die Autoren entstammen dann dem akademischen Mittelbau, also Muttersprachler, die an der Uni für den sprachpraktischen Teil zuständig sind und nach dreißig Jahren alle Probleme durchdenklniert haben. Irgendwie schaffen es manche Leute nicht mal zu youtube. Da gibt es ohne Ende, TAUSENDE, kostenlose Programme. Und da die Jungs und Mädels von der Internet Sprachenfront letztlich auch nur Grammatik machen, irgendwas muss ja reinschreiben in die Kästchen, kann man sich auch eine grundsolide Grammatik von Hueber kaufen, kostet 27 Euro. Wer es auf dem Niveau Internet Sprachenthusiasten haben will, der kann auch eine Kurzgrammatik von Pons kaufen. Kostet 9 Euronen und ist ausführlicher. Oder, Achtung!! Werbeeinblendung in eigener Sache!!, der kann auch auf www.franzoesisch-lehrbuch.de, www.spanisch-lehrbuch.de, www.italienisch-lehrbuch.de etc. etc. gehen. Das kostet dann nüscht. Es hat vielleicht einen Grund, warum diese ganzen hochinnovativen Methoden im institutionalisierten Bildungssystem keine Rolle spielen. 1200 Stunden, von der funften Klasse bis zum Abitur, Englischunterricht führt zwar nicht unbedingt zum optimalen Ergebnis, da ist noch Luft nach oben und es könnte auch amüsanter gestaltet werden, aber das hoppla jetzt komm ich Prinzip, bringt uns da auch nicht weiter. Im Vergleich zu den Jungs und Mädels, hat die Penne zumindest noch den Anspruch, komplexe Kulturräume zu vermitteln.

Die hoch innovativen Jungs und Mädels, die jetzt durch die wissenschaftlichste aller Methoden den ultimativen Weg zum mühelosen Spracherwerb gefunden haben blabbern ziemlich viel nach, ohne wirklich zu verstehen was die da blabbern. Mit den Kästchenübungen erklimmt man eine Stufe nach der anderen auf dem europäischen Referenzrahmen für Sprachen, von A1 geht es schnurstracks zu C1. Das Problem dabei ist, dass der europäische Referenzrahmen für Sprachen nur einen groben Anhaltspunkt liefert und kein offizell anerkannter Test, nicht der TOEFL, nicht das Cambridge Certificate, nicht der DELE, nicht der Test Français Langue Etrangère, nicht Telc / DHS etc. sich an daran orientieren. Diese Tests sind ausgefeilter. Der europäische Referenzrahmen für Sprachen ist eine rein verbale, vage Beschreibung von Kompetenzen.

A1 – Anfänger
Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen. Kann sich und andere vorstellen und anderen Leuten Fragen zu ihrer Person stellen – z. B. wo sie wohnen, was für Leute sie kennen oder was für Dinge sie haben – und kann auf Fragen dieser Art Antwort geben. Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen.

A2 – Grundlegende Kenntnisse
Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung). Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und geläufige Dinge geht. Kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.

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