staunen, nicht ärgern

Sind Fakten relevant?

Das war eine Clickbait Überschrift und sollte zum clicken animieren. Ne, ne, kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Fakten sind absolut relevant, allerdings ist die Erklärungskraft von Fakten gering. Fakten sind das Resultat von irgendwas, beweisen also, dass irgendwas zu einem bestimmten Resultat geführt hat, leider erzählen uns die Fakten höchst selten, wie man zu diesem Resultat kam, was ja eigentlich der spannende Punkt ist.

Fakten liegen uns in ganz unterschiedlichen Formen vor. In der Molekularbiologie z.B. haben wir am Anfang erstmal lediglich statistische Zusammenhänge. Wir können z.B. feststellen, dass Mäuse länger fit sind, wenn ein bestimmtes Gen, z.B. das, welches das Protein Ahnak exprimiert, ausgeschaltet wird. Das ist erst Mal ein rein statistischer Zusammenhang und der Beginn der Forschung. Eventuell beeinflusst das Ahnak Protein die Aktivität der Mitochondrien. Wir haben also ein Faktum, aber wir wissen icht, was zu diesem Faktum geführt hat. Hier haben wir also erst Mal die Fakten und dann die Theorie.

In der Physik haben wir selten statistische Zusammenhänge. Wir haben meist ein immer wieder auftauchendes Phänomen, etwa die Nordlichter, die uns aber auch nicht unmittelbar verraten, wie sie zustande kommen. Teilweise kommt die Physik auch erst Mal ganz ohne Fakten aus. Die Gravitationswellen waren erst Mal eine Theorie, durch Fakten wurde diese Theorie erst später bestätigt. Da läuft das also manchmal umgekehrt. Erst die Theorie und dann die Fakten.

Dann gibt es noch die Mathematik, das funktioniert ganz ohne Fakten. Richtig ist eine Theorie dann, wenn sie sich inhärent bestätigen lässt. Hat man ein Gleichungsystem gelöst, dann kann man die entprechenden x Wert einsetzen. Stimmt das was rauskommt, ist die Lösung offensichtlich korrekt und man kann dann auch bestimmen, wann Gleichungssysteme unlösbar sind. Eine Bestätigung durch Fakten braucht es hierzu nicht.

Die vordergründig so einleuchtende These von Karl Popper, dass zuerst die Theorie da war und diese so formuliert sein muss, dass sie sich durch Fakten bestätigen lässt, bzw. falsifizierbar formuliert ist, ist also falsch. Auf die Idee kommt er, weil er alle seine Beispiele aus der Physik entlehnt hat. In vielen Wissenschaften läuft es aber genau umgekehrt. Zuerst die Fakten, dann die Theorie. (Bzw. es bedarf gar keiner Fakten, wie z.B. in der Mathematik.)

Das ist aber nicht unser Thema und das spielt in der konkreten Forschung auch keine Rolle. Mediziner / Molekularbiologen, Chemiker, Physiker etc… brauchen Popper nicht, er spielt da keine Rolle.

Spannend wird das in der Geschichtswissenschaft. Da haben wir tonnenweise Fakten. Schlägt man z.B. ein Buch zur deutschen Reichsgründung auf, dann hagelt es da Fakten und die sollen irgendwas erklären. Treibende Kraft war nach dieser Faktenlogik, die unstrittig richtig ist, dass Bismarck die einzelnen Staaten unter preussischer Herrschaft einen wollte, was seiner Meinung nach nur „Blut und Eisen“ möglich war. (Die Tatsache, dass es noch eine ganze Menge Leute mit ähnlichen Ideen gegeben haben muss, braucht nicht erwähnt zu werden.) Das ist ein Faktum, erklärt aber nichts. Die Fakten sind das Resultat von irgendwas, um herauszinfen von was, müssten wir Bismarck auf die Couch legen und von einem Psychologen untersuchen lassen, vielleicht würde man dann Erhellendes erfahren. Das dieser sich aber seit über 120 Jahren die Radieschen von unten anschaut, wird das wohl nix.

Aus irgendeinem Grund war Bismarck und Gefolge der Meinung, dass ein großer Staat besser ist, als lauter kleine, leider hat er nie verraten, warum er diese Meinung vertrat. (So im Nachhinein würde man sagen, dass man sich eine Menge Ärger erspart hätte, wäre Deutschland nie unter Preussens Gloria vereinigt worden.)

Ganz pragmatische gesehen macht eine einheitliche Währung Sinn, der Abbau von tarifären und nicht tarifären Handelshemmnissen macht Sinn, bestimmte Infrastrukturprojekte, z.B. Straßen, lassen sich nur in größeren Einheiten verwirklichen, die aber auch auf freiwilliger Basis gewährleistet sein kann und für bestimmte Dinge, Krankenhäuser, Forschung und Entwicklung, Universitäten etc. braucht es eine gewissen Größe, andern falls sind die fixen Einzelkosten zu hoch. Für all das braucht man aber kein Reich. Das geht alles auch über Kooperation. Eine mögliche Erklärung für die Fakten, die Erklärung der Fakten ist weit interessanter als die Fakten, wäre also, das Bismarck wenig Verständnis hatte für ökonomische Zusammenhänge. Das wäre ein weiteres Beispiel für ökonomische Irrtümer und deren fatale Folgen. Darüber kann man ein ganzes Buch schreiben. Kaum anzunehmen, dass es nach der Reichsgründung irgendjemandem, außer eben Bismarck und ein paar Profiteuren, besser ging. Sicher ist nur, dass es danach vielen Leuten schlicht gar nicht mehr ging. Der Krieg 1863 (Preussen <=> Dänemark) forderte 7800 Tote, der Krieg 1866 (Preussen <=> Österreich) 8000 und der Krieg 1870 (Norddeutscher Bund unter Preussens Führung <=> Frankreich) 180 000 Tote.

Vermutlich waren es aber nicht ökonomische Gründe, die den Landjunker Bismarck auf die Idee brachten durch Blut und Eisen ein Reich zu schmieden, sondern irgendwas anderes. Da wir ihn aber nicht auf die Couch legen können, werden wir das nie erfahren.

(Wenn es auf die Fakten ankommt, könnte man auch argumentieren, dass Johann Nikolaus von Dreyse das Deutsche Reich geschmiedet hat. Mit dessen Hinterladergewehr konnten die Preussen schneller ballern. Das war mit ausschlaggebend für die Schlacht bei Königgrätz 1866.)

Die Geschichtswissenschaft hat nun die merkwürdige Angewohnheit, sich mit belanglosen Fakten zu beschäftigen, aber nicht mit den Prozessen, die zu den Fakten führten. Breiten Raum in der Diskussion nimmt z.B. die Emser Depesche ein, also die Veröffentlichung durch Bismarck eines internen Schreibens, dass dann zur Kriegserklärung Frankreichs geführt haben soll. Die Emser Depesche dürfte aber a) ziemlich irrelevant gewesen sein und ist b), selbst wenn sie relevant gewesen wäre, ein simples Faktum, das aber nicht den Prozess erklärt, der zu diesem Faktum führte. (z.B. die imperialen Gelüste eines Teils der regierenden Schicht in Preussen.)

Warum ist das relevant? Geschichte ist Schulfach und alle paar Jahre wird an irgendein geschichtliches Ereignis erinnert. Das ist wohl so, weil man aus der Geschichte was lernen soll, wobei allerdings bei diesen Anlässen lediglich erinnert werden soll, wir haben ja eine Erinnerungskultur, aber keine, was wohl relevanter wäre, Verstehenskultur. Aus historischen Fakten allerdings lässt sich nichts entnehmen, was für die Zukunft wegweisend sein könnte. Geschichtliche Fakten sind kontingent und wiederholen sich nicht. Lernen lässt sich etwas aus den Prozessen, die zu den Fakten führten. Anders formuliert, wir brauchen einen systemischen Ansatz.

Systemisch ist z.B. das Vorgehen der Ökonomie. Wir haben z.B. immer mal wieder einen Crash an den Aktienmärkten, was allerdings völlig belanglos ist. Hinter den verschiedenen Börsencrashs liegen Prozesse, die man verstehen muss. Dann hätte man ein Muster. Eine Erklärung wäre, dass die Aktienkäufe selber teilweise kreditfinanziert waren und eine Rückzahlung nur bei steigenden oder zumindest nicht fallen Börsenkursen möglich war. Als diese Aktienkurse dann aber leicht sanken, verkauften viele Leute ihre Aktien, was dann die Abwärtsspirale in Gang setzte. Die FED hätte, wie das derzeit die EZB tut, durch eine Zinssenkung dagegen halten können, was sie aber, nach Milton Friedman, nicht tat, womit das Unglück seinen Lauf nahm. Hier haben wir ein Muster, wir haben einen Erklärung, wie es zum Resultat des Prozesses, dem Faktum kam. Aus Prozessen, die zu einem Faktum führen, können wir etwas lernen, aus den Fakten selber können wir nichts lernen.

Historische Fakten sind das Ergebnis von Entscheidungen, die wiederum das Ergebnis von Fakten sind, die wiederum das Ergebnis von Fakten sind…. Wie weit man die Kausalketten zurückverfolgt und auf welchem Weg, hängt ab vom Erkenntnissinteresse. Will man den Börsencrash von 1929 analysieren, haben wir es eher mit einem systemischen Problem zu tun, der mögliche Einfluss psychologisch zu erklärender Entscheidungen sind gering. Es reichen die üblichen diesbezüglichen Annahmen der Volkswirtschaftslehre. Die Frage ist dann, was die FED hätte tun können, um den Crash zu verhindern, nach dem er einmal da war, bzw. zu analysieren, inwieweit die Aktien über Kredite finanziert worden sind, bzw. wo das Geld nach dem Crash eigentlich hingegangen ist, denn an der Börse wird nie verloren, es wird nur umverteilt. Das ist interessant und lehrreich, wenn man zukünftige Börssencrashs verstehen oder sogar verhindern will. Will man den psychische Konstitution des typischen Nazis verstehen, so es ihn denn gibt, wird man ganz anders vorgehen. Auffallend ist, dass es bei dem typischen Nazi um ein Konglomerat an Eigenschaften handelt. Hass auf sexuell abweichendes Verhalten, Ablehnung von moderner Kunst, der Individualisierung wird eine geringe Bedeutung zugemessen, betont wird das Volk, Zuweisung unterschiedlicher Geschlechterrollen, Rassismus, Blut und Boden Ideologie etc… So gesehen kann man feststellen, dass es zwar ganze Güterwagen an Literatur über den Nationalsozialismus gibt, angefüllt mit Fakten, diese aber das Phänomen überhaupt nicht erklären.

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