staunen, nicht ärgern

Sprachen, ganz mühelos lernen

B1 – Fortgeschrittene Sprachverwendung
Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.

B2 – Selbständige Sprachverwendung
Kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen; versteht im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen. Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben.

C1 – Fachkundige Sprachkenntnisse
Kann ein breites Spektrum anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen erfassen. Kann sich spontan und fließend ausdrücken, ohne öfter deutlich erkennbar nach Worten suchen zu müssen. Kann die Sprache im gesellschaftlichen und beruflichen Leben oder in Ausbildung und Studium wirksam und flexibel gebrauchen. Kann sich klar, strukturiert und ausführlich zu komplexen Sachverhalten äußern und dabei verschiedene Mittel zur Textverknüpfung angemessen verwenden.

C2 – Annähernd muttersprachliche Kenntnisse
Kann praktisch alles, was er/sie liest oder hört, mühelos verstehen. Kann Informationen aus verschiedenen schriftlichen und mündlichen Quellen zusammenfassen und dabei Begründungen und Erklärungen in einer zusammenhängenden Darstellung wiedergeben. Kann sich spontan, sehr flüssig und genau ausdrücken und auch bei komplexeren Sachverhalten feinere Bedeutungsnuancen deutlich machen.

Babbel und Co behaupten nun, Kurse zu haben, die dem Niveau C1 entsprechen. Das wären z.B. mindestens 10 000 Wörter. Der Muttersprachler beherrscht etwa 40 000 Wörter. Ein Deutsch Muttersprachler z.B. kennt mindestens 90 Prozent Wörter, die im Duden gelistet sind und das sind immerhin 125 000 Wörter, die sich aber auf etwa 50 000 Wortfamilien reduzieren lassen. Die Verhältnisse sind in allen Sprachen ähnlich. Vermutlich bringt es babbel auf 2000 Wörter maximal. Aussagen, dass so und soviel Prozent des Wortschatzes reichen um so und soviel Prozent des Inhalts zu verstehen, trifft nur dann zu, wenn sich erraten lässt, was gemeint ist, also bei sehr einfachen Texten. Weiter differenziert der europäische Referenzrahmen für Sprachen nicht zwischen passivem Verstehen (hören, lesen) und aktiver Verwendung (sprechen, schreiben). Hier kann es von Sprache zu Sprache erhebliche Unterschiede geben. Extrem hörerfeindliche Sprachen wie Portugiesisch oder Persisch kann man unter Umständen flüssig lesen, was aber noch nicht heißt, dass man auch der gesprochenen Sprache folgen kann. Französisch ist zwar hörerfreundlich, in der Schriftsprache werden aber Unterschiede zum Ausdruck gebracht, die im gesprochenen Französisch nicht gehört werden. Offizielle Tests prüfen alle vier Fertigkeiten isoliert. Im Vordergrund offizieller Tests steht aber vor allem die Fähigkeit, die Sprache Normgerecht zu verwenden, also fehlerfrei und mit korrekter Aussprache. Das spielt beim europäischen Referenzrahmen überhaupt keine Rolle. Dort ist lediglich von verstehen, flexibel, wirksam, klar, strukturiert einsetzen die Rede. Der europäische Referenzrahmen ist nicht operational definiert und spielt folglich bei offiziell anerkannten Tests keine Rolle. Aber selbst bei dieser vagen Beschreibung ist offensichtlich, dass ein Niveau C1, oder auch nur B1, mühelos nicht erreichen kann. Auch B1 wären mindestens 5000 Wörter. Eine Zylinderkopfdichtung gehört durchaus zu den Dingen, mit denen ein Kfz-Mechaniker vertraut ist. Ob er seinem Kollegen in einer Fremdsprache verklickern kann, dass eben selbige kaputt ist, ist dann eine Frage, ob er das entsprechende Wort in der Fremdsprache kennt. Marketingtechnisch mag es sinnvoll sein, sich auf den europäischen Referenzrahmen für Sprachen zu beziehen, inhaltlich ist das Schwachsinn und noch erstaunlicher ist es, dass sich die Leute von so einem Schwachsinn beeindrucken lassen.

Gepriesen wird, dass online Sprachkurse ortsungebunden sind, weil man das Smartphone ja eh immer dabei habe. Wem dieser Blödsinn einleuchtet, der hat dann auch Probleme mit Grammatik, das ist nachvollziehbar. Bücher haben ganz grundsätzlich die Eigenschaft, überall mithin geschleppt werden zu können und überall zu jedem Zeitpunkt kann man sie aufmachen. Eine Verbtabelle von Pons oder Langenscheidt passt sogar in eine Hosentasche und in selbige sollte man reinschauen, bevor man die Kästchenübungen im Smartphone macht, denn sonst gibt es dort nix, was man sinnvoll ausfüllen kann. Noch praktischer ist im übrigen ein Bleistift und ein Blatt Papier. Da kann man dann die Vokabeln draufschreiben, lernen und anschließend das Papier im Papierkorb entsorgen. Zwar hat das Papier keinen Clickbutton, aber man kann die fremdsprachige Vokabel auch einfach mit der Hand zudecken. Papier lässt sich solange falten, bis es schlicht überall hinpasst.

Unter diesen Auspizien ist es auch kaum verwunderlich, dass die Jungs und Mädels von der online Sprachenfront mit Grammatik hadern, wobei unklar ist, was sie damit überhaupt meinen, wobei online Sprachkurse, egal ob synchron oder asynchron, schlussendlich nichts anderes sind, als ganz traditionelle Sprachkurse, nur eben laienhaft. Grammatik ist erstmal die abstrakte Beschreibung der Sprache als objektiv vorliegender Struktur, abstrahiert also erst mal vom Subjekt, welches die Sprache hervorbringt, was natürlich schlecht ist. Dadurch erscheint Grammatik als ein mehr oder weniger willkürliches Regelwerk, dass man einfach nur auswendig lernen muss. Didaktisch geschickter wäre es, wenn man beschreiben würde, dass sich grammatikalische Strukturen aus der Art ergeben, wie das menschliche Gehirn die Welt verbal darstellen will. Das ist, Achtung!!, Werbeeinblendung!!, das, was wir in unseren Sprachportalen versuchen. So gesehen ist Grammatik der Schlüssel zum Verständnis aller Sprachen. Wer also eine (indogermanische) Sprache lernt, lernt gleichzeitig noch ein paar andere mit. Das present perfect continuous zum Beispiel gibt es auch im Portugiesischen. Der pretérito perfeito composto des Portugiesischen ähnelt zwar nicht dem formgleichen pretérito perfecto im Spanischen, dafür aber dem present perfect continuous. Beschreibt also eine Handlung, die bis in die Gegenwart andauert. Die Relevanz für die Gegenwart erzwingt den pretérito perfeito composto nicht, dafür reicht der pretérito perfeito simples. Um mal ein Beispiel zu nennen, man kann mühelos Hunderte andere Beispiel anführen.

Der nächste ständig wiedergekaute Kalauer ist der Irrtum mit der Muttersprache. Das Biest ist nicht auzurotten. Hypostasiert wird, dass die Muttersprache ganz mühelos gelernt wurde und folglich es auch möglich sein müsse, eine Fremdsprache ähnlich mühelos zu lernen. Der erste Irrtum besteht in der Annahme, dass die Muttersprache mühelos gelernt wurde. Kinder im Vorschulalter können etwa 2500 Wörter. In fünf Jahren 2500 Wörter ist eine denkbar schlechte Performance, vor allem wenn man bedenkt, dass Kinder bis zu diesem Alter einen Intensivkurs von Mutter, Vater, Oma, Opa, Onkel und Tante bekommen haben. 14 Stunden am Tag. Ein Erwachsener kann mit ein bisschen Training, nachdem er halbwegs mit der Phonetik der Fremdsprache vertraut ist, etwa 30 Wörter am Tag lernen, hat also 2500 Wörter in drei Monaten. Der Erwachsene ist allerdings klar im Vorteil. Zumindest bei Wörtern, die sich auf konkrete Objekte beziehen, ist eine 1 zu 1 Übersetzung möglich. Er muss sich also die Bedeutung nicht mehr aus dem Zusammenhang erschließen. Wer also eine Fremdsprache lernen will, wie seine Muttersprache, der wird sie nie lernen. Erwachsene profititieren auch davon, dass eine Transferleistung möglich ist. Auch ohne grammatikalische Vorkenntnisse erschließt sich jedem Deutsch Muttersprachler, dass das Perfekt nach dem Schema haben / sein als Hilfsverb + Partizip Perfekt des Vollverbes gebildet wird. Möglich, dass ihm die Begrifflichkeiten unbekannt sind, also wenn er nie eine Schule von Innen gesehen hat, aber das Schema ist ihm bekannt und er wird erkennen, dass die Fremdsprache zumindest formal genauso funktioniert. Zu dieser Transferleistung sind Kinder nicht fähig, der Ratschlag, auf eben diese Transferleistung zu verzichten, ist irrsinnig.

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