staunen, nicht ärgern

Null Euro Zinsen unendliche Laufzeit. Was würde passieren ?

Seit rund 15 Jahren haben wir ein Szenario, das Keynes zwar in der General Theory of Employment, Interest and Money schon angedeutet hat, nämlich dass der Zins, also der Preis für Geld, langfristig gegen Null läuft, das aber nie irgendjemand für realistisch gehalten hat. Es ist ein Szenario, das im universitären Umfeld nicht mal diskutiert wurde und wahrscheinlich auch heute nicht diskutiert wird. Was passiert also, wenn der Zins schlicht Null ist und die Laufzeit unendlich. Vom Verwaltungsaufwand für die Vergabe, Überwachung der Tilgung, etc., die Keynes noch erwähnt, sehen wir jetzt ab, das ändert nicht viel.

Vorüberlegung: Kreditvergabe bedeutet, sehen wir mal davon ab, dass auch das als Kredit vergeben wird, was andere Leute angespart haben, immer eine Ausdehnung der Geldmenge. Die Idee der Klassik, dass die einen sich von den Banken nur das ausleihen können, was die anderen angespart haben, vergessen wir jetzt einfach und vergegenwärtigen uns, dass die Banken sich Geld von der EZB, über verschiedene Wege, besorgen können und auf die Spargroschen ihrer Bankkunden für die Kreditvergabe nicht angewiesen sind. Besorgen sich die Banken das Geld von der EZB und diese druckt es, haben wir ganz definitiv eine Ausdehnung der Geldmenge. Wenn die Bank das Geld dann als Kredit an ihre Kunden weiterreicht und dieser Kredit nie getilgt wird, etwa weil der Schuldner pleite geht, haben wir ganz definitiv und für alle Ewigkeit eine Ausdehnung der Geldmenge. Das ist für das Unternehmen, dass dann pleite gegangen ist zwar schlecht, muss aber makroökonomisch nicht notwendigerweise kritisch sein. Kritisch wird es erst, wenn dies zur Inflation oder zu einer Abwertung der Währung führt. Somit ist klar, dass man dieses Spiel nicht ewig wiederholen kann.

Was ist also die maximale Tilgungszeit für einen Kredit? Die Beantwortung dieser Frage ist relativ einfach. Der Kredit muss innerhalb der Nutzungszeit der Investition bzw. des langlebigen Konsumgutes getilgt werden. Baut jemand ein Haus für 400 000 Euro und nimmt einen Kredit auf für 400 000 Euro dann muss er diesen Kredit innerhalb der Nutzungszeit des Hauses decken, also so in etwa 120 Jahren. Macht er das nicht, tilgt er z.B. in 120 Jahren nur 350 000 Euro, dann bleiben 50 000 Euro übrig und er braucht wieder einen Kredit, um ein neues zu bauen. Er, bzw. seine Erben, würden sich also immer weiter verschulden und die Geldmenge würde immer weiter steigen. (Genau genommen würde was anderes passieren. Irgendwann in der dritten Generation bekämen die Erben eine Ruine, die vielleicht noch 20 000 Euro wert ist und würden folglich das Erbe ablehnen.)

So weit so nett, aber es gibt ein Problem. Die 400 000 Euro sorgen nicht innerhalb von 120 Jahren für einen Zuwachs an Kaufkraft und damit an Nachfrage, sondern sofort. So ein Haus ist heutzutage in einem Jahr gebaut, die verschiedenen Werke sind dann bezahlt, der Grundstücksbesitzer hat sein Geld und die Ziegel sind auch bezahlt. Der Elektrobetrieb, der Gas- / Wasserinstallateur, der Dachdecker, der Fliesenleger kaufen sich jetzt Autos, machen Urlaub, bauen selber Häuser etc. etc.. Stößt das jetzt auf einen Produktionsapparat, der diese schlagartig geschaffene Nachfrage nicht befriedigen kann, dann haben wir Inflation. Allerdings kann man hier Entwarnung geben. Irgendwie scheint es so zu sein, dass man den Produktionsapparat schlicht nicht überfordern kann, wie die neunziger Jahre schillernd illustrierten. Nach der Wende wurden praktisch 16 Millionen Ostdeutsche von 65 Millionen Westdeutschen mitversorgt, quasi über Nacht. Das führte zwar kurzfristig zu einer leichten Inflation und einer negativen Leistungsbilanz, die Güten mussten teilweise aus dem Ausland rangekarrt werden, aber schon zehn Jahre später war alles wieder in Butter. Das war allerdings ein Ereignis historischen Ausmaßes. Es muss schon gewaltig etwas passieren, damit der Produktionsapparat überlastet wird, bzw. die Unternehmen im Wettbewerb die Möglichkeit haben, die Preise zu erhöhen, also auch die Konkurrenz auf dem Zahnfleisch geht, wobei immer gilt: China ante portas. Die können offensichtlich liefern in jeder Menge.

Daran schließt sich dann die naheliegende Frage an, ob der Zins, also der Preis für Geld, überhaupt irgendeinen Sinn hat. Sinn macht er in der Vollbeschäftigung, siehe https://theatrum-mundi.de/der-natuerliche-zins-nach-wicksell-und-die-deutsche-bundesbank/, wobei Vollbeschäftigung ein relativer Begriff ist, der eigentlich weitgehend sinnfrei ist. Die eigentlich spannende Frage ist, ob das Produktionspotential vollkommen ausgelastet ist und ob man es in die Auslastung führen kann, indem man mehr Geld in den Markt pumpt, also den Zins dauerhaft bei Null belässt. Ein Zinssatz von Null würde prinzipiell Innovationen fördern, was auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit relevant ist. Existiert ein Zins, wird ein Unternehmen nur dann auf moderner Produktionsverfahren umsteigen, wenn die daraus resultierende Renditet zumindest genau so hoch ist wie der Zins. Der Zins ist also eine Innovationsbremse. Andererseits verhindert der Zins auch die Schaffung von Arbeitsplätzen im low tech Bereich, die eben normalerweise eine geringe Rentabilität haben. Gleiches gilt naheliegenderweise für Erweiterungsinvestitionen. Je höher der Zins, desto eher werden diese unterlassen.

Der Trick mit kaufen von Bestandsimmobilien, verkaufen von Bestandsimmobilien, kaufen von Bestandsimmobilien ist makroökonomisch zwar vollkommen sinnfrei, siehe https://theatrum-mundi.de/immbobilienhype-perpetuum-mobile/, zeigt aber, dass die Zinselastizität sehr hoch ist, heißt hier, dass die Immobilienpreise durch die Decke gehen. Wenn man jetzt Immobilien bauen würde anstatt mit Bestandsimmobilien zu spekulieren, wäre es perfekt.

Der Begriff Vollbeschäftigung ist von daher nichtssagend. Die Arbeitslosigkeit hängt davon ab, wie viele Leute produktiv beschäftigt werden können und das wiederum hängt davon ab, wie viele Investitionen getätigt werden können und letztere hängen eben ab vom Zins und von der Laufzeit des Kredites.

Dagegen führen die Anhänger der klassischen Nationalökonomie bzw. der Neoklassik, die sterben nicht aus, das Argument ins Feld, dass eine lockere Geldpolitik nur ein Strohfeuer entfacht. Das ist, naheliegenderweise, richtig, wenn das zusätzliche Geld lediglich konsumtiv verpufft und falsch, wenn es investiv verwendet wird, das heißt der Produktionsapparat effizienter wird. Baut der Staat Straßen, Brücken, Tunnel etc.. dann kann die Tilgungszeit ruhig solange dauern, wie die Nutzungsdauer. Die zukünftigen Generationen erben dann Vermögen, das den Wert der Restschuld übersteigt, darüber werden die sich nicht beklagen.

Bei Null Zinsen haben die Sparer ein Problem, das ist aber allein deren Problem. Sie erwarten zwei Dinge. Erstens: Dass ein Gut, das in beliebiger Menge vorliegt künstlich knapp gehalten wird, damit diejenigen, die darüber verfügen, damit Geld verdienen. Das wäre so ähnlich, wie wenn der Staat das Trinkwasser vergiftet, damit diejenigen, die Wasser in der Badewann horten, es teuer verkaufen können. Zweitens: Sie erwarten, dass es irgendeinen Investor gibt, der eine so geniale Innovation hat, dass er hohe Zinsen bezahlen kann. So Typen sind a) relativ selten und b) fragt man sich, wieso die für etwas bezahlen soll, was erstmal in jeder x-beliebigen Menge vorliegt.

Last not least: Sparen macht makroökonomisch nie Sinn. Was der eine spart, hat der andere weniger an Umsatz und wenn jemand Geld braucht, dann ist es am sinnvollsten, welches frisch zu drucken.

Der ganze Laden wird hier http://www.economics-reloaded.de/pdf-Dateien/Keynes_Buch.pdf noch mal ausführlicher erläutert.

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