staunen, nicht ärgern

Ist der Stil die Physiognomie des Geistes?

Wörtlich lautet das Zitat so und findet sich in Parerga (Ansammlung kleiner Schriften) und Paralipomena (Nachträge) von Arthur Schopenhauer:

„Der Stil ist die Physiognomie des Geistes. Sie ist untrüglicher, als die des Leibes. Fremden Stil nachahmen, heißt eine Maske tragen. Wäre diese auch noch so schön, so wird sie durch das Leblose, bald insipid und unerträglich; so daß selbst das hässlichste lebendige Gesicht besser ist.“

Physiognomie bezeichnet erst mal nur das äußere Erscheinungsbild eines Menschen. Vor allem bei Lavater wird dann der Versuch gestartet, aus den Gesichtszügen auf den Charakter zu schließen. Also fliehendes Kinn deutet auf Charakterschwäche hin, fliehende Stirn auf geringe geistige Flexibilität usw.. Also reiner Blödsinn, aber vermutlich hat Schopenhauser das von Lavater übernommen und auf den Stil, also den Schreibstil, bezogen.

Das Problem ist, dass der Spruch meistens auftaucht, wenn jemand so spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist also nicht den Erwartungen entspricht, die in einem bestimmten Kontext erwartet werden. Damit wird aber die Intention Schopenhauers in ihr Gegenteil verkehrt. Im Grunde plädiert Schopenhauer für einen authentischen Stil und nicht für einen Stil, der der Erwartungshaltung in einem bestimmten Kontext entspricht, was vor allem dann vorkommt, wenn sich durch den Stil bestimmte Leute in ihrer Ehre gekränkt fühlen.

Schopenhauer bezieht sich lediglich auf den Schreibstil. Das ist der Bereich, wo die These am allerschwierigsten empirisch belastbar darstellbar ist, denn der Schreibstil ist in der Regel vollkommen normiert und lässt nur wenig Raum für individuelle Ausprägungen. Seminararbeiten, Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, juristische Text, Schreiben an Behörden, etc. sind vor allem durch die Abwesenheit von Stil geprägt. Durch die starke Normierung wird die Möglichkeit zur individuellen Gestaltung stark eingeschränkt. Geht es, wie bei den oben genannten Kontexten um die objektive Darstellung eines Sachverhaltes, ist kein Raum für einen persönlichen Stil. Der Autor hat zwar schon öfter festgestellt, dass auch Naturwissenschaftler über den Stil debattieren, wenn es um die Veröffentlichung eines Papers in Fachzeitschriften geht, aber hier ist die Antwort ganz einfach: Ein Stil hat dort nichts verloren. Stil ist etwas, was über dem Inhalt steht, drückt etwas „Atmosphärisches“, eine subjektive Wahrnehmung der Welt aus und genau das, hat dort nichts zu suchen.

 

Einen spezifischen Stil, also bei Texten, werden wir nur in privaten Schreiben finden und hier werden die Individuen in Abhängigkeit vom Kontext sich sehr unterschiedlicher Stile bedienen und derjenige, der mit seiner Freundin im selben Stil kommuniziert wie mit dem Finanzamt, der hat vielleicht tatsächlich ein Problem, aber das hat nichts zu tun mit dem Zusammehang, den Schopenhauer insinuiert.

Dass Stil auf etwas Inhaltliches verweist, wurde schon in der deutschen Klassik, also bei Goethe / Schiller & Co festgestellt, die die Einheit von Form, also Stil, und Inhalt postulierten, was ja nur dann möglich ist, wenn die Form, also der Stil, auf Inhaltliches verweist, bzw. die Form den Inhalt auch suggestiv erfahrbar macht. Dem Postulat der Klassik können wir aber auch entnehmen, dass der Stil bewusst als Ausdrucksmittel eingesetzt wird, also eben gerade nicht notwendigerweise Ausdruck eines individuellen Bewusstseins ist.

Es ist wohl richtig, dass der Stil z.B. eine Erfahrungsdichte vortäuschen kann, Christa Wolf bringt es hier zu wahrer Meisterschaft, wo schlicht gähnenden Leere herrscht, aber das ist hier nicht Thema. Der Autor hat sich damit mal hier befasst: www.die-geisteswissenschaften.de.

Andererseits bräuchten wir eine genaue Definition, was Stil überhaupt ist, um die These von Schopenhauer verifizieren zu können. Am einfachsten lässt sich Stil an den verwendeten Wörtern festmachen. Bestimmte Wörter tauchen nur in einem bestimmten Kontext auf, etwa allozieren, was häufig in ökonomischen Texten auftaucht. Finden sich in einem Text Wörter wie Aberration, Idiosynkrasie, Duktus etc. erlaubt dies Rückschlüsse über den Autor des Textes. Wir können dann entweder eine große Belesenheit annehmen oder einen Mangel an Spontanität und Authentizität. Finden sich in einem Text Wörter und Konstruktionen wie „voll gut“, „total abturnend“, „keinen Bock haben“ haben wir es eher mit einem Autor zu tun, der sich spontan zu einem Thema äußert. Bei Texten wie dem unten, dessen Urheber wir ohne weiteres im 19. Jahrhundert verorten können, ist weniger der Stil auffallend. Carl Menger, ein heute vergessener „Ökonom“ und Begründer der heute ebenfalls vergessenen „Wiener Grenznutzenschule“ besticht durch seine Schwülstigkeit. Mit „unserer Wissenschat“ meine er die Ökonomie.

„Wenn unsere Zeit den Fortschritten auf dem Gebiete der Naturwissenschaften eine so allgemeine und freudige Anerkennung entgegenbringt, während unsere Wissenschaft eben in jenen Lebenskreisen, welchen sie die Grundlage practischer Thätigkeit sein sollte, so wenig beachtet und ihr Werth so sehr in Frage gestellt wird, so kann der Grund hievon keinem Unbefangenen zweifelhaft erscheinen. Nie hat es ein Zeitalter gegeben, welches die wirthschaftlichen Interessen höher stellte, als das unsere, niemals war das Bedürfniss nach einer wissenschaftlichen Grundlage des wirthschaftlichen Handelns ein allgemeineres und tiefer gefühltes, niemals auch die Fähigkeit der Practiker auf allen Gebieten menschlichen Schaffens, die Errungenschaften der Wissenschaft sich nutzbar zu machen, grösser, als in unseren Tagen. Nicht die Folge des Leichtsinnes oder der Unfähigkeit der Practiker kann es demnach sein, wenn dieselben, unbekümmert um die bisherigen Entwickelungen unserer Wissenschaft, bei ihrer wirthschaftlichen Thätigkeit lediglich die eigenen Lebenserfahrungen zu Rathe ziehen, nicht die Folge eines hochmüthigen Zurückweisens der tieferen Einsicht, welche die wahre Wissenschaft dem Practiker über die den Erfolg seiner Thätigkeit bestimmenden Thatsachen und Verhältnisse bietet. Der Grund einer so auffälligen Gleichgültigkeit kann vielmehr nirgends anders gesucht werden, als in dem gegenwärtigen Zustande unserer Wissenschaft selbst, in der Unfruchtbarkeit der bisherigen Bemühungen, die empirischen Grundlagen derselben zu gewinnen.“

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