staunen, nicht ärgern

Was ist eigentlich der Sinn von Schulnoten?

Der Autor dieser Zeilen hat natürlich nichts gegen diese meritorischen Güter, ganz im Gegenteil. Sein Problem ist ein ganz anderes, eher ein didaktisches.

Fächer zu unterrichten, die die Schüler im Allgemeinen für Laberfächer halten, ist didaktisch ziemlich schwierig. Der Autor kennt beides. Er hat schon „harte“ Fächer unterrichtet, also Informatik, und „weiche“ Fächer, also Volkswirtschaftlehre (was man ja auch ziemlich philosophisch betreiben kann, siehe www.economics-reloaded.de). Bei den „weichen“ Fächern muss man Leute überzeugen, die Inhalte müssen anschlussfähig sein an die Situation des Publikums. Damit z.B. Literatur als etwas bereicherndes, sinnstiftendes, Türen öffnendes, Horizont erweiterndes oder als ein Medium empfunden wird, das den Blick schärft muss sie anschlussfähig sein, das heißt den Vorerfahrungen des Publikums eine erweiterte Bedeutung geben. Vereinfacht ausgedrückt: Man muss das Publikum vom Sinn überzeugen. (Was z.B. bei Informatik nicht der Fall ist. An deren Sinn zweifelt niemand.)

Das didaktische Problem ist nun das. Bei einer Prüfung mit gegebenem „Erwartungshorizont“, der wird von den Kultusministerien vorgegeben, muss man niemanden mehr überzeugen und rebellische Youngsters könne mit einem Hinweis auf die nächste Klausur zur Raison gebracht werden. Der Lehrer ist also von der äußerst schwierigen Aufgage, sein Publikum zu überzeugen, dispensiert. Es besteht im Hinblick auf den Broterwerb keine Notwendigkeit mehr zu prüfen, ob die Inhalte in irgendeiner Hinsicht bedeutsam sind. Dass wir unter diesen Auspizien wenig Originalität, noch weniger Kreativität und vor allem viel Nachbeten erwartet dürfen, ist logisch. Hinzukommt, dass Lehrer ja meistens verbeamtet sind, also für Treue zu ihrem Dienstherrn bezahlt werden, auch wenn der keinen Plan hat, und nicht für kritische Reflexion.

Machen wir uns an einem einfachen Beispiel klar, was der Autor sagen will. Auf den Lehrplänen im Bereich Sport, Günther Jauch plädiert ja für mehr Schulsport, wer zuständig ist für die Frage, wann der Flaschenöffner erfunden wurde und für das Geburtsjahr von Hölderlin, der hat auch zum Schulsport Bedeutendes zu sagen, was medial verbreitet werden muss, steht zum Beispiel Kugelstoßen. Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Leute mit Eisenkugeln um sich werfen, die Frage ist nur, ist das ein meritorisches Gut und darf man hierfür den Steuerzahler zur Kasse bitten? Ein meritorisches Gut wäre der Sportunterricht dann, wenn er relevante gesellschaftliche Probleme adressiert, z.B. Adipositas. Hier wäre allerdings z.B. ein Kochkurs zielführender als ein 100 Meter Lauf, bei dem die Schüler von der Doppelstunde 2/3 warten. Auch in einen Sandkasten springen ist kein meritorisches Gut, denn Probleme bereiten, bei einer alternden Gesellschaft, das kardiovaskuläre System. Gymnastik oder Ausdauersportarten wären hier zielführender. Sportlehrer sind aber auch verbeamtet, die haben es mit der geistigen Beweglichkeit nicht so, dafür aber umso mehr mit der Treue, in diesem Fall eben Treue zum Lehrplan. Praktisch ist, dass sich sinnfreie Tätigkeiten wie Sandkasten springen, mit Eisenkugeln um sich werfen oder 100 Meter laufen messen und benoten lassen und das spielt bei der Notengebung eine größere Rolle als Sinnhaftigkeit.

Benotungssysteme präjudizieren auch die didaktischen Methoden. Um etwas zu bewerten, bedarf es klarer Maßstäbe und das ist z.B. bei Fremdsprachen ausgesprochen schwierig, wobei schriftliche Prüfungen zumindest im Schulbetrieb als objektiver eingeschätzt werden und von daher die Benotung weitgehend auf Basis schriftlicher Prüfungen erfolgt. Tatsächlich setzt sich die Kompetenz in einer Fremdsprache aus vier unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen: lesen, schreiben, hören und sprechen und das sind, ganz unterschiedliche Ebenen. Der Autor z.B. kann Portugiesisch ganz passabel lesen und schreiben, hinsichtlich seiner Kompetenz bzgl. hören fällt das Niveau stark ab und geht bei sprechen gegen Null. Weiter erzwingt die Benotung, dass ein Teilbereich des Systems, etwa die Relativpronomen, bis ins Detail behandelt werden, was didaktisch sinnlos ist. Sinnvoll ist ein Gesamtüberblick über das Gesamtsystem. Würde man aber das Gesamtsystem schulen, ist der Erwartungshorizont nicht mehr definiert. Die Ineffizienz des schulischen Fremdsprachenunterrichts erklärt sich zum Teil aus einer Didaktik, die durch die Notwendigkeit zur Notengebung präjudiziert ist.

Das zieht sich durch. Man muss schon ziemlich treu sein, um 14 jährige Schüler mit dem Bahnwärter Thiel zu belästigen. Das ist dann ganz definitiv nicht anschlussfähig. Das geht dann ultimativ nur noch mit dem Verweis auf die Note. Während also Anbieter von Bildung in allen Varianten auf dem freien Markt auf eine Nachfrage stoßen, stoßen die Nachfrager im notengesteuerten System auf ein Angebot. Normalerweise passt sich das Angebot an die Nachfrage an, im notengetriebenen System ist es genau umgekehrt. Die Nachfrage passt sich an das Angebot an, bzw. eine echte Nachfrage ist gar nicht vorhanden. Die Nachfrage nach Götz von Berlichingen entsteht erst dadurch, dass das Publikum das Klassenziel erreichen will bzw. muss. Das notengetriebene System hat also mit Relevanz, Anschlussfähigkeit, Beitrag zur persönlichen Entwicklung etc. gar nichts mehr zu tun. Es mutiert zur kompletten Blase. Während am Markt niemand überlebt, der sein Publikum nicht erreicht, können im notengetriebenen System die Akteure ewig überleben. Das erklärt, warum Kultur und Bildung außerhalb eines institutionalisierten Rahmens, das gleiche gilt auch für die staatliche Subventionierung von Bildung und Kultur, wesentlich schneller weiter entwickelt, als der Bereich, der staatlichen Vorgaben folgt. Staatliche Vorgaben geben einen Erwartungshorizont vor, bei dem aber leider selten ein Horizont erkennbar ist, geschweige denn irgendwas, was über selbigen hinausreicht.

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