staunen, nicht ärgern

Was ist eigentlich der Sinn von Schulnoten?

Zumindest zum Teil sind Schulnoten irrational, weil auch dort gemessen wird, wo es eigentlich nichts zu messen gibt. Da wo sie bedingt sinnvoll sind, sollen sie eine Wirkung nach außen entfalten. (Das mit dem Ansporn, also der Idee, dass Schüler mit schlechten Leistungen zu größeren Anstrengungen motiviert werden sollen, sparen wir uns jetzt.)

Im Hinblick auf die Außenwirkung sind sie bedingt sinnvoll und vergleichbar Zulassungsbeschränkungen für bestimmte Berufe. Es besteht im beruflichen Umfeld teilweise ein Interesse daran, dass nur Personen, die bestimmte Prüfung bestanden haben, auch tatsächlich diesen Beruf ausüben können. Es macht z.B. Sinn, dass nur Leute als Arzt tätig werden dürfen, die ausreichende Kenntnisse auf diesem Gebiet nachgewiesen haben. Brücken sollten nur von Leuten gebaut werden, die hierfür entsprechend ausgebildet sind, Autos sollten nur von Leuten repariert werden, die sich damit auskennen etc.. Hier besteht ein öffentliches Interesse an einer Zertifizierung, die durch eine Prüfung nachgewiesen wird.

Ganz so unproblemaitisch ist das zwar auch nicht, aber im Moment nicht unser Thema. Auch bei dieser Zertifizierung besteht nicht immer ein öffentliches Interesse und oft, wie etwa bei zahlreichen Handwerksberufen, bei denen der Meisterzwang mal abgeschafft, dann wieder eingeführt wird, haben wir das gleiche Phänomen wie bei Schulnoten. Als gewünschter Nebeneffekt, das erklärt z.B. die Aufregung bei den Handwerksberufen, wird eine bestimmte Berufsgruppe vor unbeliebter Konkurrenz geschützt. Ob bei einem Fliesenleger der Meisterzwang sinnvoll ist oder Mann und Frau sich das Bad nicht auch von der osteuropäischen Konkurrenz fliesen lassen kann, ist so strittig wie die Frage, ob man sich bei arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen nicht von jedem vertreten lassen darf, dem man Kompetenz in diesem Bereich zutraut, aus welchen Gründen auch immer. Milton Friedman, wahrlich kein „Linker“, plädiert hier für eine Zertifizierung. Wer sich z.B. nicht zutraut, die Qualifikation zu beurteilen, kann sich dann auf das Zertifikat verlassen.

Wie immer dem auch sei und wie kompliziert die Diskussion im einzelnen ist, hier entfalten Noten, also eine Prüfung, eine Außennwirkung, was sinnvoll sein kann.

Bei Schulnoten allerdings fehlt diese Außenwirkung teilweise vollkommen und dann wird die Notengebung im Grunde völlig sinnlos. Schule vermittelt ja auch Kenntnisse im Bereich Literatur, Philosophie, Ethik, Geschichte, Politik, Religion, Sport etc. etc.. Die Außenwirkung erschließt sich da nicht. Ob jemand 13 Punkte oder 2+ hat in Goethe, die Notengebung ist ja in jedem Land anders, oder ob ihm und ihr der Faust schlicht am Allerwertesten vorbei geht, ist im Hinblick auf die unmittelbare Außenwirkung schlicht egal. Wer wenig bis nichts zum Panther von Rainer Maria Rilke zu sagen hat, hat vielleicht was verpasst, aber eine gesellschaftlicher Schaden, wie er etwa bei einer falsch verlegten Elektroleitung entstehen kann, ergibt sich hieraus nicht. Es ist auch weitgehend egal, wie lange jemand braucht, um 100 Meter zu laufen oder ob er weiß, wann und wieso Ludwig XVI seinen Kopf verloren hat.

Dass solche Inhalte in der schulischen Ausbildung breitesten Raum einnehmen hängt damit zusammen, dass sie als etwas betrachtet werden, was man in der Ökonomie meritorische Güter nennt, also Güter, die ohne einen kleinen Schubser welcher Art auf immer, zu wenig konsumiert werden und die deshalb von der Allgemeinheit finanziert werden. Auch diese Debatte wird jetzt enorm kompliziert, darüber hat der Autor dieser Zeilen mal ein kleines Büchlein geschrieben, siehe www.die-geisteswissenschaften.de. Die Vermutung steht im Raum, dass bei dem lehrenden Personal hier eher die Möglichkeit des Broterwerbs im Vordergrund steht, was durch die institutionelle Verankerung möglich ist, und weniger der meritorische Charakter, also die gesamtgesellschaftlichen spill over effects. Diese Herangehensweise bezeichnet Adorno als Halbbildung. Aber gerade auch nicht unser Thema.

Besondere Relevanz erlangen Schulnoten im Zusammenhang mit der Hochschulzugangsberechtigung. Nur wer die entsprechenden Prüfungen bestanden hat, bei NC Fächern obendrein mit passablen Noten, kann studieren bzw. sich für das gewünschte Studienfach immatrikulieren und an dieser Stelle wird es jetzt skurril, weil ein Zusammenhang zwischen meritorischen Gütern und den Anforderungen eines bestimmtes Faches nicht erkennbar ist, die Inhalte aber, die wir den meritorischen Gütern zurechnen können, bzw. der in diesem Bereich erzielten Punktzahl, in die Gesamtnote einfließen. Cum grano salis: Systemisch wird davon ausgegangen, dass jemand eher für ein Studium der Informatik geeignet ist, wenn er auch auf Französisch parlieren kann. Für diese dem System zugrunde liegende Annahme spricht allerdings wirklich gar nichts. Kann der Informatiker in spe nicht auf Französisch, Spanisch, Latein oder was auch immer parlieren, dann bleibt ihm noch der Weg, an einer Fachhochschule zu studieren, was allerdings nicht so prestigeträchtig ist. Mehr Prestige hat der Dipl.Inf., der auch auf Französisch parlieren kann.

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