staunen, nicht ärgern

Semantische Felder und Spracherwerb

Ein semantisches Feld ist eine Gruppe von Wörtern, mit ähnlicher Bedeutung oder gleicher Bedeutung, wobei sich Schnittstellen meist nur in bestimmten Kontexten vorhanden sind.

Schnittstelle vorhanden
Er ist ein reicher Mann.
Er ist ein wohlhabender Mann.

Schnittstelle nicht vorhanden
Eine reiche Ernte wird den Fleißigen belohnen.
~ Eine wohlhabende Ernte wird den Fleißigen belohnen.

Der Standardkalauer bei online Angeboten zum Fremdsprachenerwerb geht so.

„Kinder lernen eine Sprache spielerisch. Sie lernen auf Grundlage dessen, was sie sehen, hören und erleben. Sie lernen weder Grammatikregeln noch Vokabeln auswendig. Das ist der Grund dafür, dass Kinder eine Sprache schneller erlernen können.“

Das ist natürlich kompletter Blödsinn und auch nicht unser Thema. (Kompletter Blödsinn ist es schon deshalb, weil Kinder zum Erlernen Ihrer Muttersprache EXTREM lange brauchen. Mit fünf Jahren beherrschen sie etwa 2500 Wörter. Das reicht gerade für einfache Gespräche.)

Allerdings vollbringen Kinder beim Erwerb der Muttersprache eine Leistung, die der Erwachsenen beim Erwerb einer Fremdsprache nicht oder nicht in dem Maße erbringen muss. (Was teilweise, abgesehen von effizienteren Lernroutinen, Disziplin, bessere kognitive Fähigkeiten, Transferfähigkeit aus anderen Fremdsprachen bzw. der Muttersprache das Phänomen, dass Kinder extrem lange brauchen, bis sie die Muttersprache beherrschen, erklärt. )

Kinder müssen sich die Bedeutung der Wörter erschließen und das ist nur bei Wörtern wie Tisch, Stuhl, Löffel, Nase etc. trivial und Mama, Papa, Oma, Opa, Tante, Onkel und wer sich sonst noch um die Kleinen kümmert kann das auch einfach erklären. Irgendwann ist dann aber Schluss mit Erklärung und da wird es dann rätselhaft. Warum ein Mensch bestimmte semantische Felder im Laufe seines Lebens erlernt bzw. lernt, wann diese Wörter semantisch, von der Bedeutung her, gleichwertig sind und wann nicht, ist schwer zu sagen.

Fröhlich, glücklich, erfreut sind z.B. ein semantisches Feld. Würde man jetzt einen deutschen Fragen, was der Unterschied ist zwischen glücklich und fröhlich, dann käme dieser ins Grübeln und je nachdem, was ihm als Beispielsatz gerade einfällt, würde er sagen, dass fröhlich und glücklich das gleiche bedeuten oder eben nicht.

Fällt ihm das ein,

Er war ein glücklicher Mensch.
Er war ein fröhlicher Mensch.

dann würde er sagen, die glücklich und fröhlich bedeuten dasselbe. Fällt ihm allerdings dieser Satz ein

Das ist ja mal ein fröhliches Lied.
~ Das ist ja mal ein glückliches Lied.

Dann würde er sagen, dass die Bedeutung unterschiedlich ist.

Würde ein Deutsch Muttersprachler lange darüber nachdenken, würde er den Unterschied sogar erklären können. Fröhlich bezieht sich auf die Wirkung auf andere, während ein glücklicher Mensch in der Ecke sitzen kann und keinen Einfluss hat auf seine Umgebung.

Das Kuriosum besteht nun in der Tatsache, dass kein Deutsch Muttersprachler von einem glücklichen Lied, einem glücklichen Tanz etc. sprechen würde. Obwohl ihm der Unterschied also nicht bewusst ist, es sei denn, er hat aus irgendwelchen Gründen darüber nachgedacht, trifft er eine Unterscheidung. Er hat es also unbewusst gelernt. Wie genau ist zwar unklar, aber irgendwie hat er es gelernt und Mama, Papa, Oma, Opa, Tante, Onkel hat ihm nicht dabei geholfen, denn die treffen diese Unterscheidung zwar ebenfalls, sind sich dessen aber nicht bewusst.

Anderes Beispiel: Auch Deutsch Muttersprachler hätten Probleme, den Unterschied zwischen sagen und sprechen zu erklären, aber wenn sie darüber nachdenken, werden sie zu dem Ergebnis kommen, dass diese beiden Sätze nicht dasselbe bedeuten.

1) Er sprach zuviel.
2) Er sagte zuviel.

Bei 1) haben wir es mit einem Menschen zu tun, davon gibt es einige, die unter Alkoholeinfluss schlicht zuviel sprechen und meistens wenig Kohärentes. Bei 1) hat jemand etwas gesagt, was er wohl besser nicht gesagt hätte.

Beim Fremdsprachenwerb sind dann die Verhältnisse deutlich einfacher, was auch auf schlichte Wörter wie Tasse zutrifft. Zwar erklärt Mama und Papa das noch, aber Tisch = table = mesa = tavola = table ist einfacher. Noch günstiger sieht es aus bei abstrakten Begriffen. Zornig, sauer, traurig muss sich das Kind auch erschließen und Mama und Papa sind da nur bedingt hilfreich: zornig = enojado = furieux = angry = furioso ist da einfacher. Endgültig einfacher wird es dann bei komplexen semantischen Feldern, weil diese sich in der Regel doch entsprechen. Für glücklich und fröhlich haben z.B. wohl die meisten Sprachen zwei verschiedene Wörter.

Das ist nicht der wichtigste Grund, warum Erwachsene in etwa 1000 Stunden eine Fremdsprache halbwegs flüssig erlernen können, während Kinder hierfür etwa 18000 Stunden brauchen, aber mit ein Grund.

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