staunen, nicht ärgern

Die Muse muss den Sender UND den Empfänger küssen, sonst klappt das nicht

Irgendwann mal hat sich das dann verändert. Irgendwann wurde es Konsens, dass es ein Individuum ist, das sich da äußert. Ganz explizit bei Thomas Mann, frei zitiert, das Buch, also der Erwählte, hat der Autor dieser Zeilen gerade nicht zur Hand.

Glockenschwall, Glockenschall, subra urbem über der ganzen Stadt.
Wer lässt die Glocken läuten? Es ist der Geist des Erzählers.

Mit dem Nouveau Roman wiederum dreht sich das ganze. Da geht es um TextPRODUKTION, also Texte werden PRODUZIERT, sozusagen industriell angefertigt. Der Inhalt ist ein Narrativ, also eigentlich beliebig, wenn überhaupt noch ein Inhalt im eigentlichen Sinne vorhanden ist und sich das ganze nicht auf ein Spiel mit Textragmenten erschöpft. Da landen wir fast wieder bei den alten Griechen. Die Nouveau Romanciers, also Alain Robbe-Grillet und Co, haben jetzt natürlich in Zeiten von ChatGPT ein echtes Problem. Das Teil produziert ohne Ende Texte, die aber leider nur der Schein eines Bewußtseins sind. ChatGPT hat auch schon humanoide Vorläufer, also z.B. Christa Wolf in Kassandra. Die suggeriert durch die Sprache eine Erfahrungstiefe, wo eigentlich umfassende Leere herrscht. Während also Virginia Woolf mit Worten zur Authentizität vorstoßen will, klappert sie fröhlich in unfröhlichem Singsang vor sich her. Also den Schwachsinn können wir zusammen mit den Musen der alten Griechen und dem Nouveau Roman entsorgen.

Der Fokus bei der Interpretion literarischer Werke liegt in der Regel auf dem Autor bzw. auf dessen Haltung zur Welt. Der Ansatz ist naheliegend, solange eben nur selbiger von den Musen geküsst wird. Das Spiel kann so nicht funktionieren. Da liegt auch Baudelaire falsch. (Die nicht gerade kongeniale Übersetzung stammt vom Autor, das Original, eingesprochen von einer Sprecherin von Radio France, also absolut perfekt, ist hier https://www.franzoesisch-lehrbuch.de/literatur/baudelaire/baudelaire_albatros.htm.)

Oft, nur zum Vergnügen, fangen die Männer der Mannschaft
die Albatrosse, große Vögel des Meeres
die als träge Kameraden dem Schiff folgen
das durch die bitteren Abgründe gleitet

Kaum haben sie sie auf die Planken gesetzt
lassen diese Könige des blauen Himmels,
ungeschickt und verschämt wie Ruder seitwärts
ihre großen, weißen Flügel hängen

dieser beflügelte Reisende, wie linkisch ist er nun, wie schwach,
er der gerade noch so schön, wie komisch jetzt und häßlich
der eine reizt mit einer Pfeife seinen Schnabel
ein anderer ahmt ihn, der einst flog und nun gebrechlich ist, hinkend nach

der Dichter ähnelt diesem Prinz der Wolken
der dem Sturme trotzt und den Bogenschützen verlacht
ausgesetzt auf dem Boden inmitten des Spotts
hindern ihn seine mächtige Schwingen zu gehen

Das kann passieren, würde es aber nur dem Dichter passieren, wäre es weitgehend irrelevant und auch kein song of hope. Dass es Menschen gibt, die sich eine andere Welt vorstellen können und damit öfter mal mit den Niederungen der Realität in Konflikt geraten, ist ja ein song of hope. Verschwindet die Hoffnung aus der Vorstellung, verschwindet sie ziemlich endgültig. Die Albatrosse dieser Welt sind wohl somehow disconnected from earth, aber vermutlich muss man die Umgebungsvariablen mal umstellen, bevor was Neues in die Welt tritt. Die Popularität dieses Gedichtes, es ist wohl das mit weitem Abstand bekannteste Gedicht von Baudelaire, beweist ja schon, dass er einen Nerv trifft. (Wobei das ein hübscher Ausdruck ist. Trifft der Sender einen Nerv, dann spricht er in welcher Art auch immer, etwas aus, was alle „fühlen“. Das heißt noch nicht, dass das was alle „fühlen“ besonders vernünftig und von Sachverstand begleitet ist, aber der die Redewendung, trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn also etwas einen Nerv trifft, dann trifft es den Nagel auf den Kopf.) Wenn sich allein ein einsamer Albatros als schwebender Genius über der Erdenkugel betätigt, wie Goethe das formuliert, dann macht das Gedicht keinen Sinn. Weder würde es verstanden werden, noch würde es irgendjemand begeistern. Es hätte schlicht kein Publikum.

Nota bene: Wir haben in dem Gedicht von Baudelaire keinen Kontext, insofern ähnelt es dem eingangs zitierten Satz von Virginia Woolf. Wir brauchen eine mehr oder weniger bewusste Vorerfahrung mit der Welt, um das Gedicht zu verstehen. Bei Romanen des Realismus, George Elliot,The Mill on the Floss, Stendhal, Le Rouge et le Noir, Aluisio Azevedo, O Cortiço oder Italo Svevo, Una Vita haben wir einen Autor, der uns die für das Verständnis des Romans notwendige Vorerfahrung gleich mitliefert.

Wer damit was anfangen will. Bei dieser Version von „Heilige Nacht, stille Nacht“ von den Toten Hosen ist unmittelbar klar, dass er Witz des Liedes darauf beruht, dass wir Erfahrungen mit Weihnachten gemacht haben.

Mit Inspiration verhält es sich ähnlich wie mit den Musen. Auch die Inspiration verlagert den Impuls auf etwas, das außerhalb des Subjekts liegt. ETWAS inspiriert. Das Subjekt, das da inspiriert wird, tritt da ziemlich in den Hintegrund. Wenn das Subjekt so an den Rand gedrückt wird, müsste man zumindest klären, warum manche inspiriert werden und andere nicht. Es ist ganz offensichtlich umgekehrt. Es ist das Subjekt, das dem Objekt eine Bedeutung gibt. Der Nominativ des Verbes inspirieren inspiriert aber jemanden und das ist sachlogisch unmöglich. Das Akkusativobjekt wird nur dann inspiriert, wenn die entsprechende Disposition hierzu vorliegt und das Rätsel liegt eben in dieser Disposition. Wir können also die Vorstellung der alten Griechen im Müll entsorgen und den Begriff Inspiration aus unserem Wortschatz streichen. Die damit verbundenen Vorstellungen ergeben keinen Sinn. Erstens setzen sie sich mit der Disposition zum Perspektivwechsel bzw. zur ästhetischen Gestaltung gar nicht auseinander, aber genau da steckt eben das Rätsel und zweitens abstrahieren sie völlig von den Bedingungen, unter denen es zur Massenwirksamkeit kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert